Können die Griechen Ordnung in das Chaos bringen? Die Insel Lesbos lässt hoffen. Zu Besuch in Europas größter Transitzone

Das Lager der Hoffnung

Lesbos.  Der Kampf gegen die Gerüchte über Deutschland beginnt gleich am ersten Container. Neben der Tür klebt ein kleines Schild: „Gerüchte“ steht dort in roter Schrift, dazu Texte auf Englisch und Arabisch: Die deutschen Behörden würden Muslime dazu zwingen, den Islam abzulegen. „Wen sie mit einem Koran auf der Straße sehen, der wird verhaftet.“ Und wolle ein Syrer von Deutschland in die Türkei zurückkehren, werde er gleich zu Diktator Assad nach Damaskus geschickt. Unter dieser Topliste der größten Gerüchte über den Sehnsuchtsort vieler Fliehenden stehen Antworten, die von Religionsfreiheit erzählen, von der Genfer Flüchtlingskonvention. Texte, die aufklären. Zwischen meterhohen Stacheldrahtzäunen, Uniformen und Flutlicht ist Vertrauen eine wertvolle Währung. Jeder Kilometer einer Flucht bringt neue Gerüchte.

Es ist kalt an ihrem ersten Abend in Europa. Die Nacht hat sich über die griechische Insel Lesbos gelegt, und ein paar Dutzend Iraker und Syrer sitzen vor den Containern und warten, bis sie an der Reihe sind. Manche haben sich Wolldecken umgehängt, Kinder rennen über den Hof, ihr Atem dampft in der Luft. „Noch eine gute halbe Stunde, dann sind alle registriert“, sagt Evangelos Kasos. „Dann sind wir durch für heute.“ Er holt einen Beutel mit Tabak aus seiner Uniformtasche und dreht sich eine Zigarette.

Kasos ist Leutnant der griechischen Polizei und leitet an diesem Abend die Schicht. Er ist Herr über Griechenlands ersten „Hotspot“. Kasos und seine Mitarbeiter sollen Ordnung in das bringen, was viele nur „Flüchtlingschaos“ nennen. Der Leutnant nimmt einen Zug von seiner Selbstgedrehten. Dann sagt er: „Wir werden jeden Tag ein bisschen besser.“

Lesbos hat schlimme Tage gesehen, im Herbst, als täglich mehr als 5000 Menschen auf Schlauchbooten ankamen. Es herrschte Gedränge, manchmal Panik im Camp, einige schliefen im Dreck, es fehlten genug Toiletten und trockene Kleidung, erzählen Helfer. Noch im Dezember mussten manche Flüchtlinge vier Tage auf ihre Registrierung warten. Jetzt sind viele nur einen Tag auf der Insel.

Kasos führt durch die Container. Beamte interviewen Flüchtlinge zu ihrer Herkunft, stellen Fragen, drücken die Finger von Flüchtlingen auf grüne Geräte, scannen ihre Abdrücke. Die Daten landen in der Eurodac-Datenbank, dem zentralen europäischen Register. In einem anderen Container mustert ein Polizist mit einer Lupe einen Reisepass, im nächsten Raum sitzt eine Syrerin stumm vor einer kleinen Kamera. Dann bekommt sie ein Papier, mit Stempel, Passfoto, Namen und weiteren Daten zu ihrer Person. Es ist ihr erster Status als Asylsuchende in der EU.

Die Griechen kämpfen gegen das Klischee des Versagerstaates

Sechs Monate kann die Syrerin sich damit frei in Griechenland bewegen. Afghanen bekommen nur einen Aufenthalt von 30 Tagen genehmigt. Aber wie fast alle hier will die Frau aus Syrien weiter Richtung Westen. Lesbos ist eine riesige Transitzone: Morgens retten sich die Flüchtlinge ans Ufer, am Tag werden die meisten registriert, abends oder am nächsten Tag nehmen sie mit dem Papier aus dem Hotspot die Fähre ans Festland. Und von dort aus ziehen sie über die Balkanroute nach Deutschland, Schweden oder Holland.

Lesbos ist die drittgrößte Insel in der Ägäis. Knapp 90.000 Menschen leben hier. An der engsten Stelle des Meeres liegt Lesbos nur neun Kilometer von der türkischen Küste entfernt. Man sieht die Häuser auf der anderen Seite. Etwa 500.000 Flüchtlinge kamen laut UNHCR allein 2015 in Schlauchbooten aus der Türkei nach Lesbos. Mehr als die Hälfte floh vor dem Krieg in Syrien, ein Viertel aus Afghanistan, viele Iraker kamen, aber auch Pakistaner und Afrikaner. Ein Helfer erzählt sogar von einem Mann aus Peru. Im neuen Jahr flohen bis zum 6. Februar schon 40.000 Menschen nach Lesbos, ein Drittel davon sind Kinder. Mehr als zehnmal so viele wie im Januar 2015. Das sind die Dimensionen dieser Krise, bei der Griechenland Europas Außenposten ist. Ausgerechnet dieses Land, das in der Antike die Wiege des Westens war und das in den vergangenen Jahren selbst zum Krisenstaat wurde. Griechenland kann sich selbst kaum organisieren – jetzt soll es für Europa die globale Flüchtlingskrise managen.

Erst vor ein paar Tagen war wieder Generalstreik in Griechenland, da fuhren die Fähren von Lesbos nicht ab in Richtung Festland. Und die Lager am Hotspot füllten sich schnell. Hunderte Freiwillige aus aller Welt helfen dem griechischen Staat immer wieder bei der Versorgung. Und längst sollten nach Wunsch der EU fünf Hotspots auf den Inseln stehen. Bisher arbeitet nur der von Kasos und seinen Kollegen wie geplant.

Auf Kos etwa rebellieren Anwohner und Lokalpolitiker gegen das Projekt. Viele Griechen dort, heißt es, würden um den Tourismus fürchten. Viel mehr noch als Lesbos hängt die Insel von Urlaubern ab. Andere kritisieren, dass die EU-Staaten nicht einmal die Verteilung eines Bruchteils der Flüchtlinge aus Griechenland organisiert bekommen. Die griechischen Inseln tragen die Last des ganzen Kontinents. 160.000 Geflohene wollte die EU unter sich verteilen. Es sind bisher nicht einmal 1000.

Trotzdem: Auch auf den anderen Inseln arbeiten laut Frontex und Behörden bereits Polizeieinheiten. Sogar auf Kos werde registriert. „Wir haben jetzt ein System“, sagt ein Polizist in Lesbos. Die Griechen kämpfen gegen die globale Fluchtkrise. Und gegen das Klischee des ewigen Versagerstaates.

Leutnant Kasos arbeitet seit November im Hotspot. Er habe sich freiwillig beworben für den Posten, sagt er. Kasos ist auf Lesbos geboren. Was hier passiert, gehe ihm nah. Kasos hat ein Gesicht wie ein junger brasilianischer Fußballer. Seine Stimme klingt sanft. Er sagt Sätze wie diesen: „Wir reden in der Flüchtlingskrise viel über Zahlen und Registrierungsnummern. Aber wir sehen hier die Gesichter zu den Nummern. Die Tränen der Frauen, das Schreien der Kinder.“

Besserung kann aus Sicht von Kasos vor allem ein Land bringen: die Türkei. Doch die Türkei bringe bisher vor allem große Überraschungen. Und Überraschungen lassen sich schlecht planen. Jeden Morgen wissen die griechischen Beamten nicht, wie viele Menschen aus der Türkei über das Mittelmeer in Richtung Lesbos kommen werden. Mehrere Flüchtlinge erzählen, dass die türkische Küstenwache sie bei der Abfahrt im Schlauchboot entdeckt hätte. Und sie offenbar nicht an der Überfahrt hinderte. Andere erzählen davon, dass türkische Boote so knapp an dem Schlauchboot vorbeifuhren, dass die Wellen das Boot fast zum Kentern gebracht hätten. Prüfen lassen sich die Geschichten nicht.

Bis zu 1500 Menschen kommen im Moment nach Lesbos

Zwischen 1000 und 1500 Menschen nehmen derzeit jeden Tag die gefährliche Reise nach Lesbos auf sich. Ist das Wetter sonnig, werden es mehr. Bei Sturm traut sich kaum ein Flüchtling in die wackeligen und überfüllten Schlauchboote der Schleuser. Obwohl manche Schleuser sogar einen „Sturm-Rabatt“ geben würden. Wieder eines dieser Gerüchte, das schnell die Runde macht. Klar ist nur: Weit mehr als 100 Menschen starben allein seit Beginn des Jahres im Meer vor Griechenland.

Doch die griechischen Polizisten sind nicht allein. Die anderen EU-Staaten haben mittlerweile 760 Polizisten zur Hilfe geschickt. Sie sind Mitarbeiter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex. Es habe mehrere Monate gedauert, bis die EU-Staaten auf die Hilfegesuche von den griechischen Inseln reagierten, sagt ein Polizist. Doch nun arbeiten alleine 60 deutsche Beamte auf Lesbos. Einer von ihnen ist Jörg Heinen.

Sein Büro liegt direkt im Hafen von Mytilini, auch er hat seinen Laptop auf einem Tisch in einem Container aufgebaut. Die griechische Hafenpolizei sitzt gleich nebenan. Vor Heinens Büro reihen sich alte Außenborder aneinander. Es sind weit mehr als 100 Motoren, eingesammelt von den Booten der Schleuser. „Und das ist nicht einmal die Hälfte“, sagt ein Polizist. Die Behörden werden sie versteigern.

Heinen trägt keine Uniform, sondern ein kariertes Hemd. Frontex hilft der griechischen Küstenwache mit insgesamt 15 Booten oder Schiffen, vier sind es allein auf Lesbos. Dazu kommen zwei Helikopter und 24 Streifenwagen, die an der Küste patrouillieren. Heinen aber fährt nicht auf Streife. Er sitzt im Container und koordiniert die Einheiten gemeinsam mit den griechischen Offizieren. „Grenzlinien überwachen, bei unbekannten Objekten Kontakt aufnehmen, dann der Versuch, die Boote anzugehen.“ Und Leben zu retten. So beschreibt Heinen die Frontex-Arbeit. Kritiker sagen: Europa schottet sich weiter ab. Statt eine legale und sichere Reise für die Menschen über die Ägäis zu den Hotspots möglich zu machen.

Konkret darf Heinen zum Einsatz nichts sagen. Zu heikel, zu politisch. Vor seinem Büro kommen die Schiffe der Küstenwache an. So wie an diesem Nachmittag Anfang Februar. Das Flaggschiff läuft langsam in den Hafen ein, an Deck hocken mehr als 200 Flüchtlinge neben Rettungsbooten und Radarmast, ihre orangefarbenen Schwimmwesten leuchten in der Sonne. Seit knapp zwei Wochen haben Frontex und Küstenwache ausreichend Kapazitäten, um die Menschen schon auf dem Wasser von den Schlauchbooten auf die sicheren Schiffe zu holen, sobald sie griechische Hoheitsgewässer erreichen. Menschenrechtler hatten das seit Längerem gefordert. Noch vor einiger Zeit griffen die Beamten erst ein, wenn Boote in Seenot geraten waren. Knapp 300 Menschen starben 2015 in der Ägäis beim Versuch der Flucht.

Frontex hat das Personal der Griechenland-Mission seit Herbst fast verdoppelt, die Mittel wurden 2015 verdreifacht. Und doch sagen alle: Dauerhaft ist das Level der Einsätze nur zu halten, wenn die EU-Mitgliedsstaaten noch mehr Beamte schicken. „Sonst werden wir die Grenzsicherung so nicht mehr leisten können, sobald im Frühjahr wieder mehr Flüchtlinge über das Meer kommen“, sagt eine Sprecherin.

Leutnant Evangelos Kasos sagt: „Wir brauchen mehr Geld. Und mehr Geräte.“ Vor allem die 20 Scanner für die Fingerabdrücke würden nicht ausreichen. „40 könnten wir gebrauchen.“ Denn die Fingerabdrücke sind die härteste Währung der Grenzschützer. Fast 80 Prozent aller Flüchtlinge würden ohne Pass ankommen, sagt Kasos. Manche mussten ohne Dokumente fliehen, andere haben sie auf der Flucht verloren. Viele schmeißen sie weg. Gerade wenn sie nicht aus Syrien oder dem Irak kommen. Ein algerischer Pass etwa würde die Chancen auf Asyl drastisch senken.

Zehn Prozent aller Pässe seien gefälscht. „Manche Pakistaner bekommen einen negativen Registrierungsbescheid. Aber die schmeißen den dann einfach weg und stellen sich noch mal in die Schlange“, erzählt Kasos. Spätestens bei den Fingerabdrücken aber fliege das auf.

Die Angst der Polizei vor dem nächsten Generalstreik

Vor Kurzem bekamen die Polizisten auf Lesbos einen neuen Befehl: Tunesier, Marokkaner und Algerier sollen gleich festgenommen werden. Sie würden meist in ein Lager nach Athen gebracht, erzählen Polizisten. Und eigentlich sollen sie und andere abgelehnte Antragsteller oder Kriminelle nach maximal zwei Wochen zurück in die Türkei geschickt werden.

Doch auch das funktioniert kaum. 2015 übermittelten die griechischen Behörden laut Medieninformationen 11.000 Menschen Anträge auf Abschiebungen. Die Türkei akzeptierte nur 2000. Manche gehen freiwillig zurück in ihre Heimatländer. Andere tauchen dann illegal in Griechenland unter. Und so wurden von den 2000 Abschiebungen nur acht durchgeführt.

Leutnant Kasos läuft zu den Zelten des UNHCR. Flutlicht scheint auf junge Männer und Frauen in Neonwesten. Sie teilen Schlafplätze für die noch dagebliebenen Flüchtlinge ein. Dann steht Kasos vor einem Zaun jenseits der Zelte und blickt ins Dunkel der Nacht. Dort soll ein weiteres Camp entstehen.

Spricht Kasos über seine Registrierungsstelle für Flüchtlinge, klingt er manchmal wie ein Bauingenieur: Noch im Dezember habe man auf Lesbos maximal 2500 Menschen pro Tag registrieren können. Doch an manchen Tagen im November kamen fast 10.000. Bald könnten sie schon 4000 registrieren: „Wenn alles hier ab Sommer fertig ist, werden wir mit jeder Zahl an neuen Flüchtlingen fertig“, sagt Kasos. „Vorausgesetzt, es gibt keinen Generalstreik.“