Genf/München –

Mehr Opfer in Syrien als angenommen

Organisation aus dem Bürgerkriegsland spricht von 470.000 Toten

Genf/München. Im seit fünf Jahren tobenden syrischen Bürgerkrieg sind einer Studie zufolge mehr Menschen ums Leben gekommen als bislang angenommen. Dem Konflikt seien 470.000 Syrer zum Opfer gefallen, berichtete der britische „Guardian“ am Donnerstag unter Berufung auf das Syrische Zentrum für Politikforschung. 400.000 Menschen wurden bei Kampfhandlungen getötet, weitere 70.000 seien ums Leben gekommen, weil sie keine ausreichende medizinische Versorgung, sauberes Wasser oder Unterkünfte gehabt hätten. Der Erhebung zufolge sind in dem Krieg mehr als elf Prozent der Bevölkerung getötet oder verletzt worden. Die Lebenserwartung sei von 70 auf 55,4 Jahre gesunken.

Die UN hatten in einer früheren Schätzung von 250.000 Toten gesprochen. Am Donnerstag warnte die Organisation vor einer Hungersnot. Wegen der Offensive der Regierungstruppen und ihrer Verbündeten seien im Norden der Provinz Homs die Versorgungswege für 120.000 Menschen abgeschnitten.

Die syrische Armee ist in der Offensive, seitdem die russische Luftwaffe Ziele in dem Bürgerkriegsland angreift. Der türkische Präsident Erdogan warnte, wenn die Luftangriffe fortgesetzt würden, könnte es weitere 600.000 Flüchtlinge geben.

Die internationale Gemeinschaft hat unterdessen einen neuen Versuch gestartet, den seit fünf Jahren dauernden Krieg in Syrien einzudämmen. Man führe „sehr wichtige“ Gespräche mit Washington über eine Waffenruhe, sagte der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin kurz vor der Syrienkonferenz am Donnerstag in München. Dort trafen die Außenminister Russlands und der USA, Sergej Lawrow und John Kerry, zusammen. „Wir haben unsere konkreten Vorschläge zur Einstellung des Feuers unterbreitet und warten auf die Antwort der USA, bevor die Vorschläge der internationalen Syrien-Gruppe vorgelegt werden“, sagte Lawrow laut der Agentur Tass. Zu Berichten, Moskau habe den 1. März als Beginn der Waffenruhe genannt, gab es keine Bestätigung des US-Außenministeriums. Aus dem Kreml hieß es, man stimme sich ab, von Einmütigkeit könne nicht die Rede sein.

Russischer Regierungschefwarnt vor „Weltkrieg“

Der russische Regierungschef Dmitri Medwedew hat unterdessen im Falle der Entsendung westlicher oder arabischer Bodentruppen nach Syrien vor einem „Weltkrieg“ gewarnt. Bodentruppen würden den Krieg in Syrien nur auf unabsehbare Zeit verlängern, sagte er dem „Handelsblatt“.

Westliche Länder werfen Russland vor, mit Bombardements Zivilisten und Regimegegner zu treffen. Russische Kampfjets ebnen syrischen Regierungstruppen mit massiven Luftangriffen den Weg an mehreren Fronten im Land. Seit Anfang Februar rücken die Regimetruppen von Assad nördlich von Aleppo gegen Rebellen vor. Dadurch wurden Zehntausende Bewohner zur Flucht in gezwungen.