Politik

Die Protest-Wahl

| Lesedauer: 3 Minuten

Die Erfolge von Trump und Sanders sind ein Warnsignal

Obwohl die Meinungsforschung das Beben seit Monaten stabil vorausgesagt hatte, stand Amerika gestern mit weit aufgerissenen Augen vor der politischen Andreas-Falte, die sich nach den Vorwahlen in New Hampshire auftut: Die Kantersiege von Donald Trump bei den Republikanern und des sozialdemokratisch getakteten Senators Bernie Sanders auf demokratischer Seite stehen für einen monumentalen Protest. Die Wähler beider großen Parteien haben die Geduld mit der eingefahrenen Werkstatt Washingtons und den herkömmlichen Technikern der Macht verloren. Seit Jahrzehnten wird dort „Change“ versprochen. Aber statt Wandel liefern die Hauptstadteliten, so ist die weitverbreitete Wahrnehmung, immer nur die gleiche Ausschussware.

Dass der sonst bei der Kandidatenauswahl ausgesprochen treffsichere Bundesstaat New Hampshire einen bisher durch nichts als Populismus, Sexismus und Rassismus aufgefallenen Milliardär und einen ergrauten Kapitalismuskritiker auf den Schild gehoben hat, zeigt: die Unterströmungen in der amerikanischen Demokratie sind keine Einbildung mehr. Wenn die beiden herrschenden Parteien nicht klug auf die Zangenbewegung des Souveräns reagieren, der alles Etablierte von links wie rechts attackiert, könnten das ganze Fundament fortgeschwemmt werden.

Noch ist Zeit genug, um auf die Warnschüsse zu reagieren. Und für Panik besteht angesichts des institutionellen Marathons, den das Auswahlverfahren für die Präsidentschaftskandidaten vorsieht, erst recht kein Grund. Nur ein kleines Indiz: In Neuengland wurden auf beiden Seiten nicht mehr als vier Hände voll Wahlmännerstimmen vergeben. Um die Startkarte für das Rennen ums Weiße Haus wirklich zu bekommen, müsste Donald Trump bis zum Nominierungsparteitag im Sommer knapp 1200, Bernie Sanders rund 2400 Delegierte hinter sich scharen. Dass ihnen das gelingt, ist nach New Hampshire nicht mehr vollständig auszuschließen. Aber alles andere als zwangsläufig.

Für die Anti-Trump-Front und die konsternierten Hillary-Clinton-Anhänger ist der Handlungsdruck ab sofort enorm. Beide Lager müssen das Zeitfenster bis zu den Superwahltagen 1. und 15. März nutzen, wenn knapp 20 Bundesstaaten auf einen Schlag wählen. Es gilt zu stoppen, was Wahlkämpfe in den USA entscheidet: Momentum. Die Dynamik des Siegens. Eine suggestive Kraft, der sich kaum jemand entziehen kann. Hier sieht es auf demokratischer Seite deutlich freundlicher aus. Hillary Clinton hat die Chance, schon bis Ende dieses Monats durch Siege in Nevada und South Carolina das „Bernie“-Fieber zu lindern. In beiden Staaten steht die frühere First Lady bei zwei wichtigen Wählergruppen – Afroamerikanern und Latinos – hoch im Kurs. Sanders, der politisch im weißen Vermont gewirkt hat, ist im Süden ein „Nobody“ und in der programmierten Schlammschlacht um die Gunst ethnischer Minderheiten benachteiligt.

Bei den Republikanern ist die Lage prekärer. Hinter Trump drängeln sich fünf mehr oder minder etablierte Kandidaten, die in New Hampshire gemeinsam rund 60 Prozent der Stimmen einfuhren. Solange sie sich weiter kannibalisieren und gegenseitig die Stimmen abjagen, umso besser für Trump. Der schamlose Egozentriker wird seine Position weiter ausbauen und festigen. Die Frage ist also: Wer von den Herren Kasich, Bush, Cruz, Rubio und Christie (die übrigen Namen kann man getrost vergessen) übernimmt die Initiative, bietet sich als Prellbock gegen Trump an oder macht den Weg für einen aussichtsreicheren Kontrahenten frei?

Durch die von Übertreibungen, Hetze, Lügen, Verleumdungen und sub­stanzlosen Parolen geprägte Angstmacher-Politik Trumps steigt der Druck auf die übrigen Möchtegern-Präsidenten. Sie müssen sich ihrer staatspolitischen Verantwortung stellen. Die repu­blikanische Partei sucht nicht weniger als einen Königsmörder. Freiwillige vor!

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