Politik

Kein Grund zur Hysterie

| Lesedauer: 4 Minuten
Christian Thomsen

Bei genauem Hinsehenist die Sorge vor den Folgen der digitalen Revolution unbegründet

Die Autoren des Digitalen Manifests, das in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ veröffentlicht wurde, warnten uns kürzlich vor angeblichen Gefahren aus der digitalen Revolution. Was haben wir ihrer Meinung nach zu befürchten? Digitale Manipulationsversuche durch den Staat? Big Nudging als Einflussnahme auf das Kauf- und das Stimmverhalten bei Wahlen? Datendiktatur statt Demokratie? Droht uns der Verlust von Arbeitsplätzen oder ein digitales Gefängnis durch ein superintelligentes Informationssystem?

Beim genaueren Betrachten dieser Punkte fällt auf, dass einige davon gar nichts mit der digitalen Revolution zu tun haben. Das Nudging – die genaue Platzierung bestimmter Produkte im Laden im Hinblick auf das Kaufverhalten – gab es schon immer. Den Versuch, Stimmen durch geschickte Rede oder auffällige Plakate zu gewinnen, ebenfalls. Über diese Art von Manipulationen mag man sich ärgern, aber man steht natürlich über ihnen, sobald man sie als solche erkannt hat. Aufklärung – so Kants Definition – ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Hinter einigen der anderen Punkte kann man die Sorge der Autoren vor dem Verlust der Individualität und der reduzierten Kreativität des Einzelnen vermuten. Algorithmen als die eigentlichen Herrscher über die Daten – so die angebliche Gefahr. Auch hier ist etwas Aufklärung hilfreich: Bei allem Fortschritt sind Algorithmen noch meilenweit davon entfernt, irgendetwas zu erreichen, was man ihnen jedenfalls im Prinzip nicht einprogrammiert hätte, geschweige denn, etwas eigenständig zu „übernehmen“.

Wie stark aber gerade die Digitalisierung die individuellen Wünsche in den Vordergrund stellt, erfahren wir immer wieder. Erinnern Sie sich an die frühere Servicewüste Deutschland, in der man sich in allem nach den Öffnungszeiten von Läden und Behörden richten musste? Heute ist man da schon besser dran, man kann über das Internet bestellen was und wann man will und sich nach Hause liefern lassen. Die Sorge um ein Ladensterben in den Innenstädten hat sich nicht bewahrheitet, die Anbieter sind lediglich serviceorientierter geworden. Kunden suchen sich heute eben aus, ob sie shoppen gehen möchten oder es gerade mit der Bestellung eilig ist.

Es klingt bisweilen so, als würde das Manifest der Digitalisierung als Ziel die Manipulation von Menschen und deren Arbeitsplätze unterstellen. In der Tat aber sind es vergangene Defizite in Kundenfreundlichkeit, im Service oder in der Produktion, die mit der Digitalisierung erfolgreich aufgegriffen werden. Wie lange muss man heute noch auf einen Termin im Bürgeramt warten? Ginge der ganze Prozess digital vonstatten, wäre es für alle mit mehr Lebensqualität verbunden und es würde auch kein Arbeitsplatz verloren gehen. Das Bürgeramt könnte die Beratung von Spezialfällen anbieten oder uns mit echt neuen Angeboten überraschen.

Es entstehen aber auch neue Jobs direkt durch die Digitalisierung der Prozesse. Ein Beispiel ist ein Start-up, das sich vor knapp fünf Jahren in München gründete und inzwischen zu einem Unternehmen mit fast 100 Mitarbeitern herangewachsen ist. Dessen Kunden haben alle wohlbekannte Namen, Unternehmen aus dem In- und Ausland (alle wollen ihre Prozesse verbessern). Die Geschäftsidee beruht auf der Rekonstruktion von digitalen Prozessschritten und deren Verbesserung und wäre ohne Digitalisierung nicht denkbar. Der CEO, Abiturient eines Berliner Gymnasiums, war also außerordentlich erfolgreich in der Schaffung von Arbeitsplätzen. Oder als anderes Beispiel die Berliner Digitalagentur Aperto AG, ein ehemaliges Berliner Start-up mit jetzt fast 400 Arbeitsplätzen, das kürzlich vom US-Unternehmen IBM gekauft wurde. Man mag sich fragen, ob es schade oder gut ist, wenn sich ausländische Industriegiganten in Berlin einkaufen. In jedem Fall zeigt es aber, dass das kreative Potenzial in Berlin auf dem Gebiet der Digitalisierung sichtbar und hoch ist. Berlin hat eine digitale Zukunft.

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