Armee von Machthaber Assad auf dem Vormarsch. Zehntausende fliehen Richtung Türkei, die die Flüchtlinge nicht ins Land lassen will

Rebellen-Hochburg Aleppo vor dem Fall

Kairo/DAMASKUS. Die verheerenden russischen Luftangriffe und die Offensive der syrischen Armee gegen Aleppo haben scharfe internationale Reaktionen und ein Rätselraten über die Motive von Kremlchef Wladimir Putin ausgelöst. Mehr als 70.000 Syrer sind am Wochenende aus dem verwüsteten Ostteil der alten Handelsmetropole geflohen, die seit drei Jahren von Rebellen gehalten wird. Am Grenzübergang Bab al-Salameh zur Türkei, nahe der nordsyrischen Stadt Asas, harren Zehntausende verzweifelter Menschen aus, die sich vor den heranrückenden Regimetruppen und dem permanenten Bombenhagel in Sicherheit bringen wollen.

UN-Generalsekretär: Moskau hat die Genfer Gespräche torpediert

„Die Opposition verliert mittlerweile Minute für Minute an Boden. Wir stehen vor einem humanitären Albtraum“, erklärte Rae McGrath, der Chef von Mercy Corps, einer in Nordsyrien und der Türkei aktiven US-Hilfsorganisation. „Sehr viele Menschen machen sich auf den Weg, dies ist ohne Zweifel die schlimmste Situation seit Beginn des Krieges.“ In Amsterdam berieten am Wochenende Europas Außenminister über die Folgen der Eskalation in Syrien. „Es kommt mit großer Wahrscheinlichkeit eine große Flut von Menschen auf uns zu“, erklärte der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn.

Auch am Sonntag setzten Russland und Syrien ihre Offensive rund um Aleppo fort. Die Luftangriffe hätten sich auf mehrere Dörfer entlang der Straße zur türkischen Grenze konzentriert, berichtete die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Vermutlich russische Kriegsflugzeuge hätten Ziele um die Dörfer Baschkoi, Haritan und Kfr Hamra nördlich von Aleppo getroffen, erklärte die Beobachtungsstelle. Hilfsorganisationen warnen seit Tagen, dass Aleppo kurz vor dem Fall an die Regierungstruppen stehe. Der Belagerungsring um die Rebellengebiete der Stadt, in denen etwa 350.000 Menschen leben, ist fast geschlossen. In den Vierteln, die von der Regierung kontrolliert werden, wohnen mehr als eine Million Menschen.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon warf dem Kreml vor, mit seiner Luftoffensive die Verhandlungen in Genf zum Einsturz gebracht zu haben, sowie die UN-Resolution für den internationalen Friedensplan in Syrien zu ignorieren. Der UN-Sicherheitsrat hatte im Dezember mit ausdrücklicher Zustimmung von Russland und China gefordert, die Bombardierung von Zivilisten müsse gestoppt werden. Zudem seien Schritte für einen Waffenstillstand einzuleiten.

US-Außenminister John Kerry erklärte, er habe eine „sehr robuste“ Unterredung mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow geführt. Die nächsten Tage würden zeigen, „ob die Leute es nun ernst meinen oder nicht“. Er kündigte an, die Gespräche würden am kommenden Donnerstag in München beim vierten Treffen der internationalen Syriengruppe fortgesetzt. Auch am Rande der am Wochenende stattfindenden Münchner Sicherheitskonferenz, an der neben Kerry und Lawrow auch der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif teilnehmen soll, sind Gespräche geplant. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderte alle Seiten auf, die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen in Genf zu schaffen. „Das verlangt, dass der gesamte Prozess nicht kurzfristigem, militärischem Taktieren geopfert wird“, so Steinmeier.

Wie die „Financial Times“ berichtete, hatte der Kreml im Dezember versucht, Präsident Baschar al-Assad durch einen persönlichen Emissär Putins zum Rücktritt zu bewegen. Nachdem dies gescheitert sei, sei Moskau wieder zu seiner ursprünglichen Militärstrategie zurückgekehrt, dem Regime seine Macht zu sichern. Das Blatt beruft sich dabei auf westliche Geheimdienste. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon räumte ein, dass Russland in letzter Zeit eine größere Kooperationsbereitschaft für eine diplomatische Lösung gezeigt habe, aber dieses Engagement gehe „noch nicht weit genug“. Wichtig sei vor allem, schrittweise ein Vertrauen zwischen beiden Seiten aufzubauen. Der UN-Chef fügte hinzu, auch wenn Assad und Putin mit ihrer Militäroffensive fortführen, „den Krieg können sie nicht gewinnen“.

Nach Angaben von Beobachtern flog die russische Luftwaffe allein während der beiden Tage der Genfer Gespräche mehr als 320 Einsätze, denen die Zivilbevölkerung und die Rebellen hilflos ausgesetzt waren. „Gegen die russischen Jets haben wir keine Chance“, erklärte einer der Kommandeure in Aleppo. „Wir brauchen so schnell wie möglich Flugabwehrraketen.“ Diese Waffen halten jedoch die Rebellenunterstützer Saudi-Arabien, Türkei und Katar auf amerikanischen Druck hin zurück. Washington befürchtet, dass derartige Geschosse in die Hände der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) geraten könnten. Dann bestünde die Gefahr, dass sie auch gegen hoch fliegende Passagierflugzeuge eingesetzt würden.

Auch die Emirate wollen nun Truppen nach Syrien schicken

Den Assad-Truppen war es über das Wochenende gelungen, eine der beiden bisherigen Nachschubverbindungen Aleppos mit der Türkei zu kappen. Die Preise für Lebensmittel zogen in den von Rebellen kontrollierten Stadtteilen bereits um ein Vielfaches an. Sollte das Regime auch noch die westliche Verbindung zum Grenzübergang Bab al-Hawa unterbrechen können, hätte es Aleppo komplett umzingelt. Für die Assad-Gegner wäre das ein schwerer Rückschlag, zumal sie in den letzten Tagen auch an der Südfront nahe der Grenze zu Jordanien eine empfindliche Niederlage hinnehmen mussten. Die syrische Armee wird bei ihrem Vormarsch nach Berichten der libanesischen Zeitung „Al-Nahar“ von einer breiten Militärkoalition unterstützt.

Darunter befinden sich Einheiten der libanesischen Hisbollah, schiitische Milizen aus dem Irak sowie die Al-Quds-Brigaden der iranischen Revolutionären Garden, deren Oberbefehlshaber General Qassem Soleimani sich derzeit an der Front aufhält. An den Operationen beteiligt sein sollen auch russische Spezialkräfte sowie T-90-Panzer, gegen die die TOW-Abwehrraketen der Assad-Gegner bisher wenig ausrichten können.

Die Rebellen in Aleppo stemmen sich den Angreifern mit dem Mut der Verzweiflung entgegen. „Wir schlagen unsere bisher wichtigste Schlacht“, zitierte die „Washington Post“ einen Sprecher der Aufständischen. „Die Gefechte in den kommenden Tagen werden sehr erbittert werden. Wir werden kämpfen bis zum letzten Mann. Wir hoffen, dass wir unsere Landsleute nicht im Stich lassen.“

In den Golfstaaten wächst offenbar die Bereitschaft, direkt in den Syrienkonflikt einzugreifen. Nach Saudi-Arabien und Bahrain haben sich auch die Vereinigten Arabischen Emirate zur Entsendung von Bodentruppen gegen den IS bereit erklärt. „Wir sind frustriert darüber, wie schleppend gegen den IS vorgegangen wird“, sagte der Außenminister der Emirate, Anwar Gargasch. Bedingung sei aber, dass die Vereinigten Staaten den Einsatz anführten. Syrien reagierte darauf mit der Drohung, man werde alle Angreifer in Särgen zurückschicken.

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