Politik

Clintons Schwäche

Sie hat Erfahrung, einen Namen, viele Spenden – aber auch ein Image

Sie hat das meiste Spendengeld, das dichteste Netzwerk, die schlagkräftigste Organisation, den eingeführtesten Namen, die schwergewichtigste politische Vita, kaum Konkurrenz und eine historische Chance: als erste Frau ins Oval Office einzuziehen. Als Madam President. Entsprechend siegesgewiss und mütterlich jovial schlenderte Hillary Rodham Clinton lange Zeit durch den US-amerikanischen Wahlkampf. Zumal die Umfragen sie ja hartnäckig bestärkten. Sie gaben ihr das Gefühl, als sei die Aushändigung der Kandidatur für das Weiße Haus im Auftrag der Demokraten an sie nicht viel mehr als eine Folge von Zwangsläufigkeiten. Diese Hillary Clinton gibt es nicht mehr.

Vor den Vorwahlen in New Hampshire erleben die USA eine Frau mit verkrampftem Lächeln und Zornesfalte auf der Stirn, die schrill im Ton nach jedem Strohhalm greift, um ihren einzigen Widersacher abzuwehren: Bernie Sanders. Der faszinierende Polit-Senior liegt im Neu-England-Staat weit vorn. Auch landesweit kommt er der Favoritin, die Clinton weiter ist und bleibt, bedrohlich nahe. Amerika „Feels The Bern“, sagt man. Was ist da los?

Vorweg: Eine Niederlage in New Hampshire bräche Hillary Clinton nicht das Genick. Aber es würde die Erzählung von einer beharrlich nach der ultimativen Macht strebenden Frau wieder zum Leben erwecken, die schon einmal gegen einen Außenseiter etwas zu hochmütig und unvorbereitet angetreten und tief gefallen war: 2008 Barack Obama. Bernie Sanders ist etwas gelungen, was die Algorithmen in Clintons Wahlkampfprozessor bisher nicht verarbeiten konnten. Obwohl der Zeitgeist längst danach ist. Und obwohl er selbst als Senator seit Ewigkeiten im politischen Maschinenraum Washington steht.

Sanders, den trotz seines Alters von 74 Jahren Frische und Geistesschärfe umgibt, hat Clintons Stärke – Erfahrung und Bekanntheitsgrad – in eine Schwäche verwandelt. Denn es hat sich bei vielen Wählern im Mitte-Links-Spektrum der Sound festgesetzt, dass unter einer Präsidentin Clinton nicht viel mehr drin ist als ein Ungefähr-so-weiter-wie-Bisher. Sanders dagegen winkt mutig mit „politischer Revolution“. Damit sind weder Barrikaden noch Bajonette gemeint. Bernie Sanders will das Mandat für eine große soziale Umverteilungsmaschine und die Bändigung der marodierenden Finanzmärkte. Beides ist seit „Occupy-Wal-Street“-Tagen kein spinnertes Minderheitenthema mehr. Sanders’ abgeklärter Enthusiasmus greift längst in konservative Kreise über.

Das liegt daran, dass sich der alte Mann anders als Clinton in seiner Haut vollständig wohlfühlt. Zeit seines politischen Lebens hat der Sohn polnisch-russischer Einwanderer das Großkapital und all jene am Schlafittchen gepackt, die das obszöne soziale Gefälle in Amerika für hinnehmbare marktwirtschaftliche Dynamik halten. Botschaft und Botschafter sind eins. Dass er außenpolitisch arg unbeholfen wirkt, sieht man ihm (noch) nach. Gegen diesen „Natural Born Weltverbesserer“ steht eine gewiefte Mechanikerin der Macht, die schon reihenweise Positionen besetzt und wieder geräumt hat und darum ihren Opportunismusverdacht nie losgeworden ist. Gerade dann, wenn wieder einmal ihre geschmeidige Nähe zur Hochfinanz Thema ist. Weil sie ein ausgeprägt taktisches Verhältnis zur Wahrheit hat, bleiben oft Zweifel, ob Clinton koscher ist oder nur von unglaublicher Chuzpe. Wenn Wähler heute gefragt werden, wofür sie wirklich steht und ob man ihr hinreichend trauen kann, lautet die gängigste Antwort: weiß nicht. Für die Wahl im November wiegt das zentnerschwer. Vor allem dann, wenn die republikanischen Vorwähler rechtzeitig zur Besinnung kommen und die politischen Abrissbirnen Donald Trump und Ted Cruz ausmustern.

Ein politisch gelenkiger und unverbrauchter Marco Rubio, der weit in die Mitte und in Kreise unabhängiger Wähler ausstrahlt, könnte Hillary Clintons Lebensplan endgültig durchkreuzen.

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