Politik

Kultureller Kniefall

Empörung über Italiens falsche Rücksichtnahme vor dem Islam

Rund 2000 Jahre hatte sich niemand an den nackten Statuen gestört, die in den Kapitolinischen Museen in Rom stehen. Bis Dienstag. „Aus Respekt für die iranische Kultur und den Glauben“ haben die italienischen Behörden wegen des Besuchs von Präsident Hassan Rohani antike Statuen schamhaft hinter Holz versteckt und verhüllt. Ein Kniefall, der nicht nur in Italien für Empörung und Diskussion sorgt.

Allerdings sind die Römer keine skurrilen Sonderlinge, sondern typische Europäer. Gegenüber dem Islam steigt vielerorts die Bereitschaft zur Selbstverleugnung. Doch wo hört die gebotene Rücksicht vor dem Andersgläubigen auf, wo fängt Selbstzensur an? Zeigen wir noch Höflichkeit oder doch schon eine neue Form der Unterwerfung? Woher rührt diese besondere Verkrampftheit im Umgang mit dem Islam? Keine andere Religion kann in Europa auf überbordende Rücksichtnahme hoffen – weder Juden noch Christen noch Buddhisten. Es gehört aber zur Staatsräson, alles zu verhindern, was Muslime irgendwie empören könnte.

Offenbar hat sich das öffentliche Todesurteil des iranischen Staatschefs Khomeini von 1989 gegen Salman Rushdie, den Autor der „Satanischen Verse“, tief in unser Denken eingebrannt. Und auch die Reaktionen auf die törichten Mohammed-Karikaturen der dänischen „Jyllands-Posten“ haben in vielen Ländern ihre Spuren hinterlassen. Damals kam es weltweit zu Ausschreitungen mit mehr als 100 Toten. Im politischen Diskurs wurden danach landauf landab nicht nur die Gewaltausbrüche, sondern die Karikaturen gleichermaßen verurteilt. Dabei gibt es einen großen Unterschied, im dem einen Fall ging es um unsere Presse- und Meinungsfreiheit, in dem anderen um Gewalt gegen genau diese Freiheit.

Zwar erklärte Europa sich nach den Mordanschlägen auf die französische Satirezeitschrift solidarisch mit „Charlie Hebdo“ – aber Worte und Taten unterscheiden sich längst. Erinnern wir uns: Im Jahr 2006 etwa setzte die Intendantin der Deutschen Oper in Berlin Mozarts „Idomeneo“ ab, weil in der Inszenierung die Köpfe der drei Religionsgründer Jesus, Buddha, Mohammed rollen. Ein Jahr zuvor entfernte die Londoner Tate Gallery ein Kunstwerk, das Bibel, Talmud und Koran zeigt – Strenggläubige könnten es missverstehen. Und 2013 schloss die Universität Duisburg-Essen eine Comicausstellung, weil sich Muslime an den Zeichnungen stören könnten.

Wie viele Ausstellungen und Aufführungen von vornherein ganz unterbleiben, weil die Schere in unseren Köpfen sie längst im Entstehen zensiert, weiß niemand.

Die Liste der Beispiele ließe sich fortführen: Der Landessprecher der Linken in Nordrhein-Westfalen wollte den Sankt-Martinstag in „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ umbenennen, weil sonst Muslime diskriminiert würden. Solingen diskutierte „Winterlichter“ statt Weihnachtsbeleuchtung und in Marzahn-Hellersdorf entfernte eine Volkshochschule zwischenzeitlich Aktbilder, um die Gefühle muslimischer Frauen nicht zu verletzen. Rom ist kein Einzelfall, Rom ist überall.

Woher rührt diese besondere Beachtung der Gefühle von (radikalen) Muslimen, die eventuell verletzt werden könnten, bei gleichzeitiger krasser Missachtung der eigenen Traditionen, Werte und Freiheitsrechte? Sie ist nicht nur eine Reaktion auf muslimische Empörungswellen der Vergangenheit, auf Fatwas und Anschläge, sondern auch eine bizarre Form der politischen Korrektheit. Weil Kritik am Islam oftmals von Ausländerfeinden kommt und so mit Rechtsradikalismus gleichgesetzt wird, gilt das Gegenteil – die besondere Rücksicht vor dem Islam – als gelebter Antifaschismus und Anti-Pegidaismus.

Das mag gut gemeint sein. Falsch bleibt es trotzdem. Toleranz muss nicht nur gelebt, sondern darf zugleich erwartet werden. Und wer unsere ­Werte einfordern möchte, sollte sie zunächst einmal – leben.

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