Athen –

Tsipras enttäuscht die Griechen

Seit einem Jahr regiert der frühere Revoluzzer das Krisenland und wurde zum Reformer wider Willen

Athen.  Als Alexis Tsipras das Podium in der Sportarena von Faliro im Süden Athens betritt, reckt er den rechten Arm in die Höhe und ballt die Faust – wie damals, vor einem Jahr, als er seine erste Wahl in Griechenland gewann. „Dies ist ein historischer Tag, ein Festtag!“, ruft er den Tausenden zu. Beifall brandet auf, Sprechchöre werden angestimmt. Die Halle ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele schwenken Fahnen. „Gemeinsam gehen wir auf eine Reise der Träume und Hoffnungen“, ruft Tsipras.

Ioanna Pavlopoulou ist an diesem Sonntagabend nicht in der Halle. Vor einem Jahr, am Wahlabend, hat sie Tsipras noch zugejubelt, vor der Syriza-Parteizentrale an der Athener Platia Eleftherias, dem Freiheitsplatz. „Tsipras war meine Hoffnung“, erinnert sich Pavlopoulou. Die 44-Jährige teilt sich mit ihrer Mutter eine kleine Zweizimmerwohnung, seit sie 2012 ihren Job verlor. Die beiden Frauen leben von der Witwenrente der Mutter. Tsipras versprach, 300.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen und die Rentenkürzungen der Vorgängerregierungen rückgängig zu machen. Aber Ioanna Pavlopoulou hat immer noch keine Arbeit, und ihrer Mutter droht jetzt ein weiterer Einschnitt bei der Rente. „Ich bin bitter enttäuscht“, sagt die Frau.

Kurswechsel in Athenim Sommer 2015

„Die Hoffnung kommt“ – mit diesem Slogan war Tsipras vor einem Jahr angetreten. Die Kreditverträge mit den Gläubigern wollte er „zerreißen“, den Sparkurs sofort beenden und den Schuldendienst einstellen, Renten und Mindestlöhne erhöhen. Überschuldeten Familien werde er ihre Kredite erlassen, den Steuerfreibetrag auf 12.000 Euro heraufsetzen und die unpopuläre Immobiliensteuer abschaffen, gelobte Tsipras. Über zehntausend Staatsbedienstete, die in den Vorjahren auf Druck der Troika entlassen wurden, versprach Tsipras wieder einzustellen.

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt ist davon so gut wie nichts umgesetzt. Ein Gesetz zur Linderung der humanitären Krise hat die Regierung zwar durchs Parlament gebracht – es sieht kostenlosen Strom, Essensmarken und Mietzuschüsse für die Ärmsten der Armen vor. Doch die meisten anderen Wahlversprechen sind zurückgestellt. Unter der Syriza-Regierung würden die Finanzmärkte „nach unserer Pfeife tanzen“, verkündete Tsipras. War das Hybris? Oder Naivität? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

Sechs Monate pokerte Tsipras mit den EU-Partnern um neue Hilfskredite. Aber die blieben hart. Tsipras versuchte, Kredite in China und Russland locker zu machen – vergeblich. Im Juli 2015, als das Land so dicht am Staatsbankrott stand wie nie zuvor seit Beginn der Krise, musste Tsipras schließlich kapitulieren: Er stimmte einem dritten Rettungspaket und neuen Reformauflagen zu.

Der Sommer 2015 markierte einen politischen Kurswechsel in Athen: Tsipras feuerte seinen exzentrischen Finanzminister Yanis Varoufakis, trennte sich vom linksextremen Flügel seiner Partei und führte Ende September Neuwahlen herbei, die er unerwartet deutlich gewinnen konnte – trotz Bankenschließungen und Kapitalkontrollen. Zähneknirschend setzt er jetzt das mit den Geldgebern vereinbarte Reformprogramm um, auch wenn es ihm, wie zum Beispiel bei den Privatisierungen, ideologisch gegen den Strich geht. Aus dem Revoluzzer ist ein Reformer wider Willen geworden.

Tsipras steht unter Druck: Nur wenn die jetzt laufende erste Überprüfung des Anpassungsprogramms durch die Vertreter der Geldgeber schnell abgeschlossen wird, kann Athen auf weitere Kreditraten und die ersehnten Schuldenerleichterungen hoffen. Immerhin scheint Tsipras aus den verbockten ersten sechs Monaten seiner Regierungszeit etwas gelernt zu haben: Die Prüfung müsse „so schnell wie möglich“ abgeschlossen werden, der Zeitfaktor sei „von strategischer Bedeutung“, sagte Tsipras vergangene Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos und mahnte: „Dies ist wahrscheinlich die letzte Chance für Griechenland.“ Das klingt so, als habe er begriffen, dass die Konfrontations- und Verzögerungstaktik der ersten Monate, mit der er sein Land fast aus der Eurozone katapultiert hätte, ein schwerer Fehler war.

„Ein Jahr Linke, ein Jahr Kampf – wir machen weiter!“ war das Motto der Massenkundgebung am Sonntagabend. „Kampf“ – dieses Wort kam in seiner Rede häufig vor. Die schwersten Auseinandersetzungen könnten Tsipras noch bevorstehen. „Jahrestag mit dem Rücken zur Wand“, titelte am Wochenende die Wirtschaftszeitung „Imerisia“. Tsipras kämpft an vielen Fronten. Weil die Regierung mit der Einrichtung der Hotspots zur Registrierung von Flüchtlingen auf den Inseln im Rückstand ist, droht Griechenland möglicherweise der Ausschluss aus der Schengenzone. Die Rentenreform, die Tsipras auf Druck der Geldgeber umsetzen muss, stößt auf breiten Widerstand in der Bevölkerung und auf Einspruch in der eigenen Partei. Mit den Plänen zu einer höheren Besteuerung der Landwirte hat sich die Regierung den Zorn der Bauern zugezogen. Seit dem Wochenende blockieren sie mit ihren Traktoren Autobahnen und Überlandstraßen. Vor drei Jahren unterstützte Tsipras die Landwirte bei ihren Protesten gegen die damalige Regierung, schwang sich auf die Traktoren und hielt feurige Reden. Jetzt steht er auf der anderen Seite.

Wie groß die Enttäuschung und wie schlecht die Stimmung im Land ist, zeigt eine Umfrage von der vergangenen Woche. Danach sind 85 Prozent der Befragten unzufrieden mit der Arbeit der Regierung. Sogar von den Syriza-Wählern äußern sich 71,5 Prozent unzufrieden. Auch Tsipras bekommt schlechte Noten: Nur 23 Prozent stellen ihm ein gutes Zeugnis aus.