Tunis –

Tunesien: Fragile Demokratie

Tunis.  Hier stand die Wiege des Arabischen Frühlings. Einzig Tunesien gelang es, in seiner postrevolutionären Bahn zu bleiben und sämtliche demokratischen Institutionen zu etablieren – Verfassung, Parlament, Präsident und Regierung. Gründe dafür sind vor allem die starke Zivilgesellschaft und die mächtigen Gewerkschaften, die seit dem Sturz des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali das Land zusammenhielten, die Kontrahenten des säkularen und islamistischen Lagers zu Kompromissen zwangen und dafür 2015 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurden.

Trotzdem ist Tunesiens Lage fragil. Am Freitag verhängte die Regierung über das gesamte Land eine unbefristete Ausgangssperre, nachdem es in Zentraltunesien zu den schwersten Unruhen junger Arbeitsloser seit 2011 gekommen war. Die Arbeitslosenquote liegt bei 15 Prozent. Mindestens 700.000 Menschen sind ohne Einkommen, darunter 250.000 junge Akademiker. „Wir haben die leeren Versprechungen satt“, skandierten die Demonstranten. Es gebe Lösungen, „aber wir brauchen Geduld und Optimismus“, versuchte Premierminister Habib Essid seine aufgebrachten Landsleute nach einer Krisensitzung des Kabinetts zu besänftigen. Denn auch die heimische Urlaubsbranche liegt nach den beiden Terrormassakern an europäischen Touristen in Tunis und Sousse am Boden, von der die Hälfte aller Arbeitnehmer direkt oder indirekt abhängt. Obendrein stellen Tunesier in Syrien und Irak das größte Ausländerkontingent in den Reihen des „Islamischen Staates“. Mehr als 12.000 junge Verführte wurden nach Angaben des Innenministeriums an der Ausreise dorthin gehindert. „Ihr werdet kein ruhiges Leben mehr haben, wenn in Tunesien nicht die Scharia eingeführt wird“, drohten die Fanatiker per Videobotschaft ihren Landsleuten daheim.