London –

Was wusste Putin?

| Lesedauer: 5 Minuten
Jochen Wittmann

Gerichtsbericht beschuldigt den russischen Präsidenten, den Tod Litwinenkos gebilligt zu haben

London. So deutliche Worte hat man nicht erwartet. Der britische Richter Robert Owen bringt den russischen Präsidenten Wladimir Putin in direkten Zusammenhang mit der Ermordung des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko. Bei der Vorstellung des gerichtlichen Untersuchungsberichts sagt der Richter, die Operation des Geheimdienstes zur Tötung Litwinenkos „wurde wahrscheinlich von Herrn Patruschew und auch von Präsident Putin gebilligt.“ Der Befund dürfte die Beziehungen zwischen den Ländern weiter verschlechtern.

Der Fall Litwinenko beschäftigt die britische Justiz seit neun Jahren. Im November 2006 wurde der Exilrusse in London durch das radioaktive Isotop Polonium 210 vergiftet. Drei Wochen dauerte es, bis sich das Gift durch seinen Körper fraß und Litwinenko einen qualvollen Tod fand. Noch auf dem Totenbett machte er Wladimir Putin für den Mord verantwortlich: „Sie mögen einen Mann zum Schweigen gebracht haben, aber der Aufschrei des Protests in der ganzen Welt, Herr Putin, wird in Ihren Ohren für den Rest Ihres Lebens nachklingen.“

Litwinenko war ein früherer Oberstleutnant des russischen Geheimdienstes FSB. Er überwarf sich mit dem damaligen FSB-Chef Putin, als er sich 1998 über interne Korruptionsfälle beschwerte. Nachdem er in Moskau enthüllte, dass er beauftragt worden sei, den Oligarchen Boris Beresowski zu ermorden, war der Krieg zwischen ihm und seinem Arbeitgeber eröffnet.

Litwinenko fühlte sich inLondon sicher

In der Folge versuchte die russische Regierung zwei Mal vergeblich, ihn zu verurteilen. Schließlich flüchtete Litwinenko im Jahr 2000 nach Großbritannien, wo er politisches Asyl beantragte und Anfang Oktober 2006 eingebürgert wurde. Litwinenko war stolz auf seinen neuen Pass. Er bewunderte die britische Gesellschaft, weil sie so anders war als jene, die er verlassen hatte. Hier waren die Freiheitsrechte garantiert. Hier herrschte keine Korruption. Und ein britischer Bürger brauchte keine Angst zu haben, von staatlichen Sicherheitskräften drangsaliert zu werden. Litwinenko fühlte sich ungefährdet genug, um auf Bodyguards zu verzichten. Aber dann haben ihn doch noch „die Bastarde gekriegt“. Das waren Litwinenkos letzte Worte, bevor er das Bewusstsein verlor und am 23. November 2006 starb.

In seinen letzten Jahren hatte Litwinenko seinen Kampf gegen das Putin-Regime aus dem Exil weitergeführt. In einem 2001 geschriebenen Buch beschuldigte er den FSB, die Terroranschläge auf Moskauer Appartementblocks vom Herbst 1999 selbst organisiert zu haben, die weniger später Putin als Vorwand für den Beginn des zweiten tschetschenischen Krieges dienten. Er hatte in der Folge weitere Anschuldigungen gegen den FSB und gegen Putin erhoben – unter anderem, dass der russische Geheimdienst unliebsame Dissidenten per Auftragsmord aus dem Wege zu schaffen versuche. Genau dieses Schicksal hat in selbst ereilt.

Richter Owen ließ keinen Zweifel an seiner Überzeugung, dass seine Vergiftung staatlich sanktioniert war. Die Täter, die er benennt, sind Andrei Lugowoi, ein früherer Kollege vom FSB, und Dmitri Kowtun. Die beiden Russen trafen Litwinenko am 1. November 2006 im „Millennium-Hotel“ zum Tee. In der Teekanne fanden sich später Spuren von Polonium 210. Lugowoi war tags zuvor von Moskau nach London eingeflogen. An Bord des Flugzeuges, das er benutzte, wurden Polonium-Spuren gefunden. Zusammen mit russischen Freunden sah er sich am Abend des 1. November ein Fußballspiel zwischen ZSKA Moskau und FC Arsenal an – auf ihren Sitzplätzen im Stadion entdeckte man ebenfalls die radioaktive Substanz. Auch ein Zimmer im „Parkes Hotel“, in dem sich Lugowoi bei einem früheren London-Besuch am 16. Oktober aufhielt, testete positiv für Polonium.

Die russische Reaktion auf Sir Owens Bericht war, wie zu erwarten, abweisend. Die richterliche Untersuchung, hieß es aus Moskau, sei „voreingenommen“ und „politisch motiviert“ gewesen. Die Witwe des Ermordeten, Marina Litwinenko, dagegen forderte am Donnerstag in einem persönlichen Statement vor dem Gericht politische Konsequenzen. Es sei „undenkbar“, sagte sie, wenn der Premierminister David Cameron „nichts täte angesichts der vernichtenden Ergebnisse“, zu denen Sir Owen gekommen sei. Sie verlangte die Ausweisung von FSB-Agenten und Mitarbeitern anderer russischer Geheimdienste sowie „gezielte wirtschaftliche Sanktionen und Reiseverbote gegen genannte Individuen“.

Soweit wird es wohl nicht kommen. Vor dem Unterhaus verurteilte die Innenministerin Theresa May zwar scharf den „eklatanten und fundamentalen Bruch der Grundsätze internationalen Rechts“. Praktische Konsequenzen sind aber lediglich die Einbestellung des russischen Botschafters, die Ausstellung von internationalen Haftbefehlen für Lugowoi und Kowtun sowie das Einfrieren ihrer Vermögenswerte.

Den Grund für die Zurückhaltung verriet die Sprecherin des Premierministers. Unter Anspielung auf die gemeinsame Bekämpfung des Terrornetzwerks Islamischer Staat in Syrien sagte sie, für den Premierminister sei die Kooperation mit Russland von nationalem Interesse.

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