Berlin –

Seehofer erlitt in Kreuth einen Schwächeanfall

CSU gibt Entwarnung. Wie angeschlagen ist der Parteichef?

Berlin. Der Stress setzte ihm zu. Mitten in einem Auftritt erlitt Horst Seehofer am Dienstag in Wildbad Kreuth einen leichten Schwächefall. Ihm wurde blümerant, er musste gestützt zu seinem Platz geführt worden. Im Sitzen führte der bayerische Ministerpräsident seine Rede fort. Von der Landtagsfraktion bekam er hinterher stehende Ovationen, eine aufmunternde, warmherzige Geste.

Weder wurde er krankgeschrieben, noch darf man ihn politisch abschreiben oder ihm das Stehvermögen absprechen. Angela Merkel tut das bestimmt nicht. Er wird weiter ihre Flüchtlingspolitik mit aller Kraft bekämpfen. Die Kanzlerin wird heute in Kreuth erwartet, am späten Nachmittag reden beide zu den Abgeordneten. Offizielles Thema: „Bürgerliches Regieren in Deutschland“.

Wenn er nur kann, wird sich Seehofer den Auftritt nicht nehmen lassen, ebenso wenig am Donnerstag die Pressekonferenz zum Abschluss der Klausur. Ein Muss. Schließlich ist er CSU-Chef und die Fraktion ein Teil seiner Hausmacht.

Spitzenpolitik ist brutal, schon wegen der chronischen Übermüdung, die man nicht zugeben darf. Kein Schwäche zeigen, ist kein ehernes Gesetz: Fitness ist ein Statement – Müdigkeit eine Blöße.

Der Schwächefall, der zweite innerhalb eines halben Jahres, wird die Debatte über Seehofers Nachfolge befeuern. Sie ist längst im Gange, weil er kürzertreten, spätestens 2018 als Minis­ter-­präsident und Parteichef aufhören will. Es soll nicht nur ein selbstbestimmter, sondern auch ein würdevoller Abgang werden. Aber reicht die Kraft dafür?

In Kreuth hieß es, er habe einen leichten grippalen Infekt gehabt, den er tagelang verschleppt habe. Am Wochenende soll er daheim in Ingolstadt das Bett hüten. Ein Notarzt hatte ihn untersucht, vorsorglich, wie Generalsekretär An­dreas Scheuer mitteilte. „Ihm geht’s gut. Er ist absolut okay.“ Scheuer sprach von einer „kleinen Schrecksekunde“.

Seehofer ist ein großer Mann, 1,93 Meter, politisch von unverwüstlichem Naturell und als Redner eine Wucht. Pausieren ist für Alphatiere ein Fremdwort. Obwohl Seehofer es besser wissen müsste, gerade er. 2002 verschleppte er wochenlang eine Herzmuskelentzündung - bis es lebensbedrohlich wurde.

Seehofer wird im Juli 67 Jahre alt, die Alarmsignale seines Köpers häufen sich, was erstens altersgerecht ist, worauf er zweitens durchaus hellhörig reagiert. Der „Spiegel“ schilderte erbarmungslos, wie er sich auf einer Chinareise den letzten Anstieg auf die chinesische Mauer ersparte, weil die Journalisten nicht mitbekommen sollten, wie kurzatmig er geworden war; oder wie schwer es ihm falle, Treppen zu steigen, wie oft er Verschnaufpausen einlegen, sich am Geländer festhalten muss; wie Leibwächter ihm Schokoriegel zustecken.

Im letzten Sommer musste er die Bayreuther Festspiele – mitten im dritten Akt von „Tristan und Isolde“ – verlassen, weil er sich nicht gut fühlte. Auch damals wurde der Arzt gerufen. Der Rettungswagen, der ihn „zur Vorsicht“ ins Krankenhaus brachte, fuhr ohne Blaulicht. Niemand sollte merken, dass er angeschlagen war. Politik ist so.