Berlin –

Rückkehr mit Raubzug

| Lesedauer: 5 Minuten
Christian Unger

Nach Überfällen führt die Spur zu RAF-Mitgliedern. Wie gefährlich sind sie noch?

Berlin.  Die Täter sind maskiert, tragen Tarnanzüge, sind schwer bewaffnet – mit Schnellfeuergewehren und einer Panzerfaust. Mit einem VW-Kleinbus schneiden sie dem Geldtransporter auf dem Parkplatz des Supermarktes in dem niedersächsischen Ort Stuhr den Weg ab. Dann fallen die Schüsse. Doch die Kugeln bleiben im Reifen, im Blech der Tür und in der Scheibe des gepanzerten Geldtransporters stecken. Nur Splitter dringen durch. Der Überfall scheitert, die drei Täter springen in einen silbernen Ford Focus und fliehen – ohne die Beute von einer Million Euro. Alles geht sehr schnell an diesem 6. Juni 2015 auf dem Parkplatz eines Supermarktes in der Nähe von Bremen. Das geht aus Aussagen der Staatsanwälte und Aufnahmen von Überwachungskameras sowie Zeugenaussagen hervor.

Die Täter sind bis heute nicht gefasst. Dennoch haben die Ermittler nun eine neue Spur. Und die führt zurück in eines der blutigsten Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik: zur Roten Armee Fraktion, der RAF. Allein 34 Morde gehen auf das Konto der Terrorgruppe. Die Beamten konnten in den vergangenen Monaten Spuren am Tatort sichern – die DNA ist den Ermittlern bekannt. Sie stammt von den RAF-Mitgliedern Daniela Klette, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Burkhard Garweg. Sie sind bis heute abgetaucht und jahrelang von den Sicherheitsbehörden unentdeckt geblieben.

Was wissen wir über die Täter?

Die drei RAF-Mitglieder sind seit Jahren nicht mehr gesehen worden. Niemand weiß, wie Klette, Staub und Garweg heute aussehen – sie sind inzwischen 57, 61 und 47 Jahre alt. Nun führt eine DNA-Spur vom Tatort am Supermarkt zu dem Trio. Die Beamten verglichen die Spuren mit denen eines anderen Überfalls 1991 in Duisburg. Auch damals griffen die Täter mit schweren Waffen an, erbeuteten mehr als eine Million D-Mark. Jetzt scheint klar, das Trio begeht weiter Raubzüge. Die Staatsanwaltschaft Verden geht davon aus, dass die drei auch für einen Überfall auf einen Geldtransporter im Dezember 2015 in Wolfsburg verantwortlich sind.

Wer war die „dritte Generation“?

Seit Anfang der 90er-Jahre ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft gegen die drei Terroristen. Sie sollen Mitglieder der sogenannten dritten Generation der RAF sein. Im März 1993 verübten sie gemeinsam mit weiteren Mitgliedern, darunter Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, als Kommando Katharina Hammerschmidt einen Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Weiterstadt in Hessen. Fünf Bomben gingen hoch, 200 Kilogramm Sprengstoff. Niemand wurde verletzt. Die Täter nahmen die Beamten zuvor als Geiseln, brachten sie in Sicherheit.

Die dritte RAF-Generation hatte sich 1984 im Untergrund formiert und agierte in kleineren „Kommando-Gruppen“. Doch von ihren 22 bekannten Taten bis 1993 konnte die Justiz nur zwei aufklären: Den Mord und den Mordversuch von Grams in Bad Kleinen. Klette soll zudem bei zwei weiteren Anschlägen dabei gewesen sein: 1990 auf die Deutsche Bank in Eschborn; und 1991 bei einem Angriff auf die US-amerikanische Botschaft in Bad Godesberg. Seit 1975 war Klette in linksextremistischen Gruppen aktiv. Sie ging 1989 in den Untergrund, wenige Tage nach dem Attentat auf den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen. Dieser und vier weitere Morde an Diplomaten und Wirtschaftschefs gehen auf das Konto unbekannter Täter aus der dritten RAF-Generation.

Entsteht ein neuer RAF-Terror?

Verfassungsschützer und Staatsanwaltschaften sehen auf Nachfrage derzeit nicht die Gefahr von Terroranschlägen durch das Trio oder andere frühere RAF-Mitglieder. Viele von damals haben sich von den Taten distanziert. Vor Anschlägen gab es immer eine sogenannte Beschaffungsphase: Die RAF überfiel Banken, mietete Wohnungen an, beschaffte sich Autos. Jetzt geht es laut Experten den drei Tätern darum, ihren Lebensstil im Untergrund zu sichern – eine Art Altersvorsorge –, und nicht um die Vorbereitung eines Anschlags. Deshalb ermittelt zu den Überfällen nun auch die Staatsanwaltschaft Verden – und nicht der Generalbundesanwalt. Sie wirft den drei Tätern versuchten Mord und versuchten Raub vor.

Was ist von der RAF noch übrig?

Zwei Jahrzehnte lang war die RAF der Inbegriff von Terror und Mord. 1998 erklärte sie sich für aufgelöst. Noch immer sind mehrere Morde der RAF nicht aufgeklärt. Dennoch laufen Fahndungen der Behörden weiter, da Mord als Straftat nicht verjährt. Doch gehen kaum neue Hinweise ein, Verfahren liegen auf Eis. Einige der Terroristen hatten sich abgesetzt, etwa in die DDR. Heute leben manche nach Ende ihrer Haft und unter neuer Identität frei in Deutschland oder dem Ausland. Öffentlich fahndet das Bundeskriminalamt nur noch nach Klette, Staub und Garweg. Laut Sicherheitsbehörden spielt die RAF für die heutige linksextreme Szene so gut wie keine Rolle mehr. Doch bleibt linke Gewalt auf der Agenda der Behörden. Im November 2015 meldete sich eine anonyme Gruppe in Thüringen per Brief und kündigte 40 Morde an Richtern, Staatsanwälten, Polizisten und Politikern an. Sie nennt sich „RAF 4.0“. In Thüringen wurden daraufhin an Gebäuden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht, Ermittlungen laufen. Doch schätzt man intern die Bedrohung nach Informationen dieser Zeitung als wenig konkret ein.

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