Berlin –

Deutsche Wirtschaft spekuliert auf Milliardenaufträge

Verband: Exporte in den Iran werden sich vervierfachen

Berlin. Nach dem Wegfall der Iran-Sanktionen wittern deutsche Firmen Milliardengeschäfte. „Es herrscht Goldgräberstimmung“, sagte der Präsident der Indurstrie- und Handelskammer (IHK) Ulm, Peter Kulitz, dieser Zeitung. Die IHK Ulm war die erste Handelskammer, die nach der Vereinbarung des Atomabkommens im September den Iran besucht hatte. Zuvor war bereits Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit einer großen Unternehmerdelegation in Teheran.

Der Bundesverband Groß- und Außenhandel (BGA) ist geradezu euphorisch. BGA-Sprecher André Schwarz prognostiziert einen Anstieg des Ausfuhrvolumens von rund 2,4 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf bis zu zehn Milliarden Euro in den nächsten vier bis fünf Jahren. Als im Iran besonders aussichtsreiche Branchen gelten der Maschinen- und Fahrzeugbau, die Baustoffindustrie, der Chemiesektor, das Wassermanagement, die Abfallwirtschaft, die erneuerbaren Energien sowie die Gesundheitsbranche.

Das Kalkül der deutschen Firmen lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Der Iran gehört zu den Ländern mit den größten Öl- und Gasreserven weltweit. Entsprechend groß sind potentielle Einnahmequellen. Das Land bietet einen Markt von mehr als 78 Millionen Menschen – viele von ihnen mit guter Ausbildung. Ein Großteil der Industrieanlagen und der maroden Infrastruktur muss neu aufgebaut werden.

Die ersten Konzerne haben bereits Großaufträge eingefädelt. So vereinbarten Siemens und die iranische Staatsbahn die Elektrifizierung der 500 Kilometer langen Strecke von Teheran nach Maschar. Auch sollen eine Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Isfahan gebaut sowie 500 Passagierzüge geliefert werden. Zudem hat Teheran den Kauf von 114 Flugzeugen bei Airbus angekündigt.

Viele deutsche Firmen haben noch Kontakte in den Iran

Die deutschen Firmen hoffen, an goldene Zeiten anzuknüpfen. So war der Iran während der Schah-Herrschaft in den 70er-Jahren – hinter den USA – der zweitwichtigste Exportmarkt außerhalb Europas. 2005, kurz vor Verhängung der ersten Sanktionen, hat das Mullah-Regime noch Waren „Made in Germany“ im Wert von rund 4,4 Milliarden Euro importiert. Viele Unternehmen haben zwar später die Geschäfte mit dem Iran eingestellt, verfügen aber noch aus der früheren Zeit über Kontakte. Die alten Verbindungen sollen sich für sie nun auszahlen.

Allerdings gibt es einen Wermutstropfen. Stürzt der Ölpreis weiter ab, so fürchten viele, könnten ein geschröpfter Staatshaushalt und eine schwächere Nachfrage im Iran die Exporte dorthin dämpfen. „Die Aufhebung der Sanktionen kommt für den Ölmarkt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt“, sagt Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg. Die Preise fielen in letzter Zeit, weil die Bestellungen aus Schwellenländern wie China nachließen. Gleichzeitig hielten die Förderländer – allen voran Saudi-Arabien – an ihren Produktionsmengen fest. Fachleute sagen einen weiteren Ölpreisverfall voraus, wenn der Iran auch wieder Öl auf den Markt pumpt.