Berlin friert bei zweistelligen Minusgraden. Besonders trifft es Obdachlose und Flüchtlinge. Eine Reportage aus der Nacht

„Wir wissen nicht, ob wir diese Nacht überleben“

Berlin.  Der kälteste Satz der Nacht fällt um ein Uhr am Bahnhof Friedrichstraße. „Die lassen sich doch sowieso nicht helfen“, sagt ein Wachmann im S-Bahnhof. Er steht mit Kollegen in einer windgeschützten Ecke und wärmt sich auf. Draußen, im Neonlicht der Schaufenster, schlafen zwei Männer in Schlafsäcken auf der bloßen Erde. Es sind elf Grad minus. Selbst die Hilfe des Kältebus würden die beiden ausschlagen, sagen die Wachleute. „Da kann man nichts machen.“

Kann man wirklich nichts tun? Ab wie viel Grad minus erfriert ein Mensch? Die Bedienung des letzten geöffneten Bäckerladens im Bahnhof spendet dem Mann draußen schließlich einen Kaffee. „Auch wenn der Typ mich oft nervt.“ Sie lächelt. Der eisige Bahnhof wirkt sofort ein Grad wärmer.

Wie so oft ist mit dem neuen Jahr auch der Frost nach Berlin gekommen. Die Straßen der Hauptstadt, eben noch funkelndes Silvester-Raketenmeer, liegen verlassen da. Schockgefroren. Unter der Bahnbrücke hallt das Schnarchen der Obdachlosen über die leere Friedrichstraße. Wer heute ein Zuhause hat, bleibt drinnen. Aber wer keines hat? Bis zu 6000 Menschen leben in Berlin auf der Straße. Außerdem warten Nacht für Nacht Hunderte Flüchtlinge am Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz Lageso, in Moabit auf die Bearbeitung ihrer Anträge. Immerhin werden dort die Wartezelte inzwischen geheizt. Für Obdachlose gibt es gut 700 Notübernachtungsplätze, das sind 170 mehr als im Vorjahr. Aber kann man wirklich nicht mehr tun?

20 Uhr, Lageso Am Lageso hat die Nacht mit einer Guerilla-Teestunde begonnen. Es ist 20 Uhr, in den deutschen Wohnzimmern rundum beginnt gleich der Tatort und am Lageso haben es zwei Helferinnen an den Wachmännern vorbei in das Zelt vor Haus A geschafft und schenken das heiß begehrte Getränk aus. Rasch bildet sich eine Menschentraube. Dampfende Plastikbecher, dankbare Gesichter, eine offizielle Teeversorgung gibt es für die Wartenden nicht. Ein schönes Bild, das aber nicht lange hält. Weil jetzt jeder in das Zelt will. Aber nicht jeder darf. „Nur mit Termin“, da kennen die Sicherheitsleute heute keine Ausnahmen. Können die Leute nicht trotzdem Tee bekommen? Es sind mittlerweile minus elf Grad, das Lageso öffnet frühestens in zehn Stunden. „Vorschrift ist Vorschrift.“

Die Folge ist wie so oft an diesem Ort: Geschrei, Geschubse, Beschimpfungen. Ein Flüchtling wird der Polizei übergeben, er soll zugeschlagen haben. Der Wachmann verzichtet auf eine Anzeige. Nach und nach kühlt die Situation ab, auch im Wortsinn. Die Polizisten setzen sich wieder in ihren Einsatzwagen. Die beiden Helferinnen verteilen ihren Tee jetzt lieber draußen. Drinnen sitzen die Flüchtlinge im Essenszelt und tun, was sie alle nicht mehr ertragen können: warten.

Über Weihnachten und Silvester war die Behörde geschlossen oder nur mit reduziertem Personaleinsatz tätig. Erst jetzt soll der bürokratische Apparat wieder voll laufen. Deshalb ist der Andrang groß. Anstehen, mehr als zwölf Stunden vorher, damit es dieses Mal vielleicht klappt. Alles wie immer also, mit der Ausnahme: Es ist bitterkalt geworden in „Almanija“. Dauerfrost, immer wieder ein schneidender Wind. Es ist so kalt, dass Kugelschreiber kaum funktionieren. Wann es denn wieder wärmer würde, will ein junger Iraker wissen. Er trägt einen abgewetzten Kamelhaarmantel, eine Pudelmütze und raucht mit zitternden Händen eine Zigarette. „Friday maybe“, sagt ein anderer, genau wisse er es aber auch nicht. Daneben steht ein älterer Herr und macht Hampelmannsprünge. Das Blut muss zirkulieren, irgendwie.

21.30 Uhr, Lageso Die meisten Flüchtlinge warten im großen Essenszelt. Eine Maschine namens „Jumbo 115“ pustet über dicke Schläuche warme Luft ins Innere. Die Temperaturen sind zum Aushalten, nicht mehr. An einem der Biertische sitzen Ayman und seine Freunde. Sie sind Syrer, aus der Nähe von Damaskus. Minustemperaturen wie jetzt kennen sie von dort nicht. Vor einem Jahr habe es aber einen Schneesturm gegeben, erinnert sich Ayman. „Schneit es hier auch manchmal?“ Ayman, der seit vier Monaten in Berlin ist und zum Lageso gekommen ist, um Geld zu bekommen, erzählt, dass ein Bekannter von ihm noch immer keine Unterkunft habe. „Er schläft meistens draußen, wo er jetzt ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, es geht ihm gut.“ Hassan, der erst vor ein paar Tagen ankam, hatte Glück: Er wurde von einem Deutschen in dessen Wohnung aufgenommen.

Ayman wohnt in einer Notunterkunft. Dort sei es immerhin gut geheizt, er wolle sich nicht beschweren. Doch die Männer fachsimpeln trotzdem. Sollen sie Berlin verlassen? Nach Frankfurt gehen, Hamburg oder München? Berlin, das mache nicht viel Spaß. Das Wetter sei dabei noch das geringste Problem. Berlin sei halt einfach sehr arm und schlecht organisiert, so viel haben sie inzwischen herausgefunden.

22 Uhr, U-Bahnhof Südstern Auch in Kreuzberg beginnt die Nacht mit heißem Tee. Hier sind es freiwillige Helfer des Roten Kreuzes, die mit einem Fahrzeug ihres Kreisverbandes Tempelhof-Kreuzberg losgezogen sind, um den offiziellen Wärmebus zu unterstützen. Zuerst versorgen sie eine frierende Polizeistreife, dann schauen sie unten im U-Bahnhof nach. Dort schläft ein Mensch unter einer Wolldecke in einem Rollstuhl. Später werden sich weitere Menschen dazulegen. Der Bahnhof wird, als Beitrag zur Kältehilfe, nachts nicht verschlossen, ebenso wie der U-Bahnhof Schillingstraße. In vergangenen Jahren war auch der U-Bahnhof Hansaplatz für Obdachlose geöffnet, doch der ist zu.

Auch am Lageso läuft die Organisation der freiwilligen Helfer jetzt auf Hochtouren. Regelmäßig werden im Essenszelt heißer Tee, Kaffee oder Kakao ausgeschenkt. Schon am Nachmittag hat „Moabit hilft“ warme Kleidung ausgegeben. Der Aufruf nach Spenden steht nach wie vor: Jacken, Schuhe, Socken, Thermounterwäsche. So viel wie möglich. Gegen halb zehn gab es Essen, ein Gericht mit Reis. Wirklich begehrt sind aber die Decken, die in einer Ecke des Zeltes verteilt werden. Menschen klettern auf Bänke, drängeln. Nach wenigen Minuten ist das letzte Stück vergriffen.

24 Uhr, Lageso Auf dem Lageso-Gelände sind die Wartezelte und Container der Wachleute nachts leuchtende Inseln in der Dunkelheit. Über allem thront das Betonhochhaus der Behörde wie ein düsterer Fels. Stromgeneratoren dröhnen, das Nageln der Dieselmotoren der Polizei, das Stiefeltrappeln der Polizisten, die Rufe der Wachleute: Die Szene erinnert mehr an einen Posten im Krieg als an eine zivile Einrichtung. Nur dass der Gegner hier nicht unter Waffen steht, sondern am Schreibtisch sitzt. Sein Name: Bürokratie. Oder, wie viele es nennen: Politikversagen.

Der kälteste Anblick dieser Nacht: Die Familie mit den vier Kindern im Essenszelt des Lageso. Ein junges Paar, die Gesichter grau vor Müdigkeit. Neben ihnen schlafen zwei Kinder in Kinderwagen, zwei weitere liegen in Decken am Boden. Das einzige Wort, das die Eltern über die Lippen bringen: „Termin“. Es ist, nach „Heim“, die zweite Deutschvokabel, die Flüchtlinge in Berlin lernen.

Im hinteren Wartezelt stehen schon jetzt mehr als 100 Männer und Frauen zwischen Absperrgittern, die für Ordnung sorgen sollen. Achmed H., Automechaniker, kommt aus Bosnien, hat bereits seine Aufenthaltsgestattung, einen Job und spricht Deutsch. Allerdings muss er noch vier Wochen warten, bis das Jobcenter ihm erlauben wird, den Job anzunehmen. Er ist die dritte Nacht hintereinander hier.

1 Uhr, Regierungsviertel Der Ort, an dem letztlich über die Zukunft von Menschen wie Achmed entschieden wird, liegt nur fünf Minuten vom Lageso entfernt. Um Mitternacht beleuchten nur noch angestrahlte Fassaden die Stille. Die Spree fließt silbrig schimmernd an den Betonbauten vorbei, die so gigantisch groß sind, dass die Igluzelte davor gar nicht auffallen. Zehn oder 15 stehen an einer Betonwand in Nischen. Die meisten Bewohner schlafen, doch einer ist noch wach. Im Jogginganzug läuft er am Ufer entlang, eine Flasche mit Cola-Bier unter der Jacke: „Damit es nicht einfriert.“ Hat er keine Angst zu erfrieren? Er lacht. Er fürchtet andere Dinge. Er deutet zum Himmel. „Sehen Sie den hellen Stern dort oben? Der steht ganz seltsam. Glauben Sie mir, wir werden überall manipuliert.“ Und noch etwas will er sagen: „Berlin ist eine tolle Stadt, selbst für Menschen wie uns.“ Gemeint ist nicht nur die Freiheit, im Regierungsviertel zu zelten. Sondern auch die Menschen selbst. „Immer wieder kommt jemand vorbei und spendet uns etwas, neulich war es sogar ein Schokoladenikolaus.“

2 Uhr, Frankfurter Allee Einen Ort der Hoffnung für jene, die eigentlich alles aufgegeben haben, ist die Traglufthalle der Berliner Stadtmission hinterm Ringcenter in Friedrichshain. Gut 100 Menschen können hier schlafen. Um 21 Uhr ist Einlass, es gibt Essen, Duschen, für jeden ein Bett mit Kissen und Decke. Die Halle wird durch einen Sponsor kofinanziert. Eine Druckluftschleuse führt ins Innere in eine andere, im doppelten Sinne warme Welt. 104 Männer schlafen friedlich, nur die Helfer wachen. An diesem Abend leitet Nessrin-Alia Bousselmi die Halle. Morgens, sagt sie, gibt es neben einem Frühstück auch zahnärztliche Versorgung, „sogar mit Zahnersatz und Wurzelbehandlungen, was für nicht Versicherte sonst unbezahlbar wäre“. Was nach den Behandlungen passiert, ist für die junge Frau fast ein kleines Wunder: „Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen, die lächelnd von einer Zahnbehandlung kommen.“

3 Uhr, Kältebus Nicht alle Obdachlosen trauen den Notunterkünften, in vielen geht es derber zu als in der Traglufthalle. Vielleicht auch deswegen bleiben trotz der Kälte in dieser Nacht in der Traglufthalle und auch in der Notübernachtung der Stadtmission an der Lehrter Straße einige Schlafplätze frei. Zu denen, die draußen Hilfe brauchen, sind zwei Kältebusse der Stadtmission, unterwegs, ein Wärmebus des Roten Kreuzes und weitere Helfer. Immer öfter rufen jetzt Passanten an, die Menschen auf der Straße sehen, sagt der Fahrer des Kältebusses. „Aber wir können nicht überall sein.“ Er rät, im Zweifel die Menschen selbst anzusprechen. „Spenden Sie ein heißes Getränk oder ein Päckchen Tabak.“ Wärme ist eben auch ein Gefühl. In der bitteren Frostnacht ist der Kältebus bis nach Reinickendorf an den Stadtrand gefahren. Von dort hatten verzweifelte Obdachlose angerufen: „Wir wissen nicht, ob wir diese Nacht überleben.“

4 Uhr, VIP-Bus am Lageso Das Kontrastprogramm zur armseligen Welt der Obdachlosen und auch der Flüchtlinge am Lageso ist der elegante VIP-Bus mit den getönten Scheiben, der seit einigen Wochen an der Turmstraße steht. Ihn finanziert der Sänger Herbert Grönemeyer. Etwa 20 Flüchtlinge haben sich in dieser Nacht auf das Oberdeck zurückgezogen und versuchen zu schlafen. Draußen ist es so kalt, dass selbst das Stromaggregat, das den Bus unterstützt, mit einem Pappkarton gegen den Frost geschützt wird. Bis sechs Uhr morgens steht der Doppeldeckerbus jede Nacht hier, allerdings „voraussichtlich nur noch diese Woche“, wie der Fahrer sagt. Um sechs öffnen die Wartezelte des Lageso. Schon um fünf strömen aus allen Himmelsrichtungen Menschen auf das Gelände. Jeder will der erste sein.

5 Uhr, Bahnhof Zoo Minus 12,6 Grad. Etwa 20 Obdachlose warten an der Jebensstraße auf die Essenausgabe an der Bahnhofsmission am Zoo. Drinnen bereiten Ehrenamtliche kostenloses Frühstück für rund 200 Menschen. Neben der Essenausgabe bietet die Anlaufstelle auch die Ausgabe von warmer Kleidung und Schlafsäcken, außerdem gibt es seit einem Monat ein Hygienecenter mit Duschen und Waschmaschinen. „Bitte noch eine Tasse Tee und wenn möglich ein Brötchen“, sagt ein Mann stotternd. Unter seiner Pudelmütze huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht, bevor er wortlos in der Kälte verschwindet.

Viele Gäste haben die Nacht in der Nähe verbracht. Unter einer Brücke schlafen mindestens 20 Menschen in einem Gewirr aus Decken, Tüten und Müll. Nur ein Schäferhund hält mit gespitzten Ohren Wache. Andere haben in den geheizten Vorräumen von Banken und Universitäten geschlafen, in Hauseingängen oder vor dem nahen Supermarkt.

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