Weltpolitik

Die Gewinner und Verlierer des Jahres in der Politik

In diesem Jahr konnten sich in der Weltpolitik einige Akteure durchsetzen. Andere kämpften dagegen auf verlorenem Posten. Ein Überblick

Der griechischer Ministerpräsident Alexis Tsipras gehört zu den politischen Gewinnern des Jahres.

Der griechischer Ministerpräsident Alexis Tsipras gehört zu den politischen Gewinnern des Jahres.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin.  2015 hat auch in der Weltpolitik Gewinner und Verlierer hervorgebracht. Mancher Politiker setzte alles auf eine Karte – und gewann. Andere galten als Hoffnungsträger – und enttäuschten. Die Einflussreichen und die Entzauberten im Überblick:

• Die Gewinner

Hassan Ruhani (67)

Hoch gepokert, alles gewonnen: Der iranische Präsident setzte alles auf eine Karte, um den Atomstreit zu beenden. Ruhani wollte den Iran aus einem Jahrzehnt politischer Isolation und wirtschaftlicher Lähmung befreien. Klar war: Scheitern die Atomgespräche, ist das sein politisches Ende. Klar war auch: Israel würde alles versuchen, ein Atomabkommen spätestens im US-Kongress scheitern zu lassen.

Zudem wetzten die Hardliner in Teheran ihre Messer gegen Ruhani. Doch am 14. Juli wurde in Wien das Atomabkommen erzielt; die Blockade im US-Kongress scheiterte. Ruhani konnte die wichtigste diplomatische Errungenschaft in der jüngeren Geschichte des Landes feiern. Aus der politischen Quarantäne kam Teheran direkt an den Tisch der Syrien-Verhandlungen. Damit hat der 66-jährige einen Platz in den iranischen Geschichtsbüchern sicher.

Papst Franziskus (78)

Weltweit präsent, auch bei Nichtkatholiken populär, Themen setzend: Papst Franziskus nutzte das Jahr 2015 für einen weltweiten Einsatz für den Frieden und gegen die Armut. Der Argentinier bereiste Nord- und Südamerika, Asien und Afrika und brachte den Menschen seine Botschaft von Frieden und Barmherzigkeit nahe. Er sprach als erster Papst vor dem US-Kongress, vermittelte erfolgreich zwischen Kuba und den USA und verschaffte sich mit seiner Öko-Enzyklika weltweit Gehör.

Auch die Bischofssynode im Oktober durfte Franziskus als Erfolg verbuchen: Sie ermöglichte eine tiefe Diskussion in der Kirche und eine vorsichtige Öffnung. Gegen Widerstände und Skandale bringt der Argentinier auch die Reform des Vatikans voran – wenn auch langsam.

Alexis Tsipras (41)

2015 war für Griechenland das Tsipras-Jahr: Dem jungen Charismatiker gelangen gleich mehrere politische Kunststücke, die andere nicht überstanden hätten. Die Wahl am 25. Januar gewann er mit dem Versprechen, er werde alle Sparprogramme „zerreißen“. Er organisierte eine Volksabstimmung gegen die Sparpolitik – und siegte erneut. Doch dann machte er eine radikale Kehrtwende und unterzeichnete noch härtere Sparmaßnahmen, um im Gegenzug neue Finanzhilfen zu sichern.

Er setzte Neuwahlen am 20. September an – und gewann auch diese souverän. Seine Schlüsselrolle in der Flüchtlingspolitik ließ auch seine Kritiker in der EU verstummen. Jetzt gilt Tsipras als der starke Mann, der in den kommenden Jahren das Schicksal Griechenlands bestimmen wird.

Raul Castro (84)

Nach 54 Jahren eröffneten die USA 2015 erstmals wieder eine Botschaft im Havanna. Zudem kam Papst Franziskus zu Besuch: Für Raul Castro war es ein gutes Jahr. Wegen seines vorsichtigen Öffnungskurses buhlen nun viele um die Gunst von Kubas Staatschef. Auf der kommunistischen Karibikinsel winken große Geschäfte. Der Bruder des Revolutionsführers Fidel erhielt bei der UN-Vollversammlung den längsten Applaus aller Redner.

Castro vermittelte den möglichen Friedensschluss der Regierung Kolumbiens mit den linken Farc-Rebellen. Er erlaubte breit genutzte Internet-Hotspots und die Eröffnung privater Restaurants und setzt auf eine Aufhebung des US-Handelsembargos.

Der Typus „Nicht-Politiker“

Donald Trump, Ben Carson und Carly Fiorina stellten es unter Beweis: Wer in der Politik Erfolg haben will, muss nicht unbedingt politische Erfahrung haben. In den USA sind vor allem viele Wähler der Republikaner so erbost über das sogenannte Establishment, dass sie ihnen schlicht die Gefolgschaft verweigerten. Ob gestandene Senatoren und Gouverneure wie Marco Rubio und Jeb Bush auf Dauer hintanstehen müssen, wird sich zeigen. Dass ein ehemaliger Kinderchirurg (Carson), ein Baulöwe (Trump) und eine frühere Konzernchefin (Fiorina) sich im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur ihrer Partei so lange halten konnten, ist neu. Und überraschend.

• Die Verlierer

Silvio Berlusconi (79)

2015 wollte der Ex-Regierungschef mit einem Befreiungsschlag zurück ins Zentrum der italienischen Politik gelangen. Das ging gründlich schief. Erst setzte Ministerpräsident Matteo Renzi gegen Berlusconis Willen den Verfassungsrichter Sergio Mattarella als Staatspräsidenten durch. Dann erreichte Berlusconi im „Bunga-Bunga“-Prozess um Sex mit minderjährigen Prostituierten zwar einen Freispruch, doch der Schub für ein politisches Comeback blieb aus. Der Machermythos des „Cavaliere“ ist seitdem gebrochen.

Als Mann der Zukunft ist der 79-Jährige verbraucht und seine Partei Forza Italia dümpelt bei nur noch elf Prozent. Zähneknirschend musste Berlusconi den Lega-Nord-Chef Matteo Salvini (42) als Führer der italienischen Rechten akzeptieren.

König Salman (79)

Salman bin Abdel Asis wurde im Januar nach dem Tod König Abdullahs zum Herrscher der mächtigen Ölmonarchie Saudi-Arabien. Er ließ seine Muskeln spielen und griff massiv in den Bürgerkrieg im Jemen ein. Das brachte den Tod Tausender Zivilisten, aber keinen Frieden im Nachbarland. Der niedrige Ölpreis schwächt sein salafistisches Regime und auch in der Königsfamilie soll Salman unter Druck stehen. Der Höhepunkt des saudischen Jahres – die Pilgersaison in Mekka – wurde mit mehr als 1800 Toten zur schwersten Katastrophe. Und das Atomabkommen der Weltmächte mit dem Iran lässt die Saudis um ihren Einfluss in der Region fürchten.

Izchak Herzog (55)

Er galt als Hoffnungsträger der politischen Mitte in Israel und als Mann, der sich für eine umfassende Friedensregelung einsetzt. Doch bei der Parlamentswahl im März scheiterte der Oppositionsführer mit seinem Mitte-Links-Bündnis Zionistisches Lager. Neben dem wortgewaltigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wirkt Izchak Herzog farblos. Auch nach seiner Wahlniederlage konnte der anerkannte Rechtsanwalt kein echtes Gegengewicht zu Netanjahus Rechtsblock aufbauen. Seine Kritik an der Regierungspolitik wirkt eher zahm. Einen Eintritt in Netanjahus Regierung lehnt Herzog allerdings vehement ab.

Tony Abbott (58)

Als australischer Premierminister hat Tony Abbott selten ein Fettnäpfchen ausgelassen. Oppositionsführer verglich er mit dem Nazi-Propagandachef Joseph Goebbels, den russischen Präsidenten wollte er sich beim G20-Gipfel wegen der MH17-Tragödie über der Ukraine „zur Brust nehmen“, den Tod eines australischen Soldaten kommentierte er mit „shit happens“ (freundliche Übersetzung: dumm gelaufen). Ergebnis: Seine Popularität stürzte auf einen Tiefpunkt.

Nach knapp zwei Amtsjahren ließen ihn auch seine konservativen Parteifreunde fallen. Kommunikationsminister Malcolm Turnbull stürzte ihn im September praktisch über Nacht vom Posten des Parteichefs. Damit war Abbott auch das Amt als Regierungschef los.

Dilma Rousseff (67)

Erst 2014 war die Präsidentin Brasiliens wiedergewählt worden. Doch die frühere Guerillakämpferin erlebte 2015 stürmische Zeiten. „Dilma raus“, wird auf zahlreichen Demos gebrüllt. Parlamentspräsident Eduardo Cunha hat ihr den Krieg erklärt, ihre Arbeiterpartei versinkt im Korruptionsskandal um den Ölkonzern Petrobras. Zudem prüft der Oberste Wahlgerichtshof, ob ihr Wahlkampf 2014 illegal finanziert wurde – im schlimmsten Fall droht Rousseff ein Amtsenthebungsverfahren. Die Präsidentin kann kaum noch Reformen durchsetzen, während das Land immer weiter in die Rezession rutscht. (dpa)