Berlin –

Deutsche von Merkel positiv überrascht

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Jochen Gaugele

Exklusiv-Umfrage: Andere Politiker enttäuschen in Flüchtlingskrise

Berlin.  Es war ein Jahr der Überraschungen, ein Jahr, in dem sich manche Regierenden von einer ganz neuen Seite zeigten – allen voran die Kanzlerin. Wer hätte vorhergesagt, dass sich Angela Merkel in der Flüchtlingskrise für einen Kurs der offenen Herzen und offenen Grenzen entscheidet? Und wer hätte geahnt, dass Horst Seehofer, der Vorsitzende der Schwesterpartei CSU, die Kanzlerin aus Verärgerung über diese Politik monatelang attackiert – und sie beim Parteitag der Christsozialen auf offener Bühne demütigt?

Das Institut TNS Emnid ermittelte im Auftrag dieser Zeitung, wie das bei den Bürgern angekommen ist: Welcher Politiker hat die Deutschen im zu Ende gehenden Jahr eher positiv überrascht – und wer eher negativ? Unter den fünf Spitzenpolitikern, die zur Bewertung standen, schneidet die Kanzlerin noch am besten ab: 50 Prozent der Befragten fühlen sich von Merkel positiv, 40 Prozent negativ überrascht. Auffallend sind dabei die Unterschiede zwischen neuen und alten Bundesländern. Im Westen wird die CDU-Vorsitzende mit Blick auf das zu Ende gehende Jahr überwiegend positiv (52 zu 39 Prozent) beurteilt, im Osten eher negativ (43 zu 46 Prozent). Merkels Rückhalt im eigenen Lager ist vergleichsweise groß: 68 Prozent der Anhänger von CDU und CSU stützen Merkels Kurs, 24 Prozent sehen ihn kritisch. Überwiegende Zustimmung auch beim Koalitionspartner SPD: 54 Prozent der sozialdemokratischen Wähler sind von Merkel positiv überrascht, 41 Prozent negativ.

Ein anderes Bild ergibt sich beim Vorsitzenden der Schwesterpartei CSU, Horst Seehofer: 37 Prozent der Deutschen beurteilen seine Politik in diesem Jahr zustimmend, 44 Prozent ablehnend. Dabei kommt er in Ostdeutschland (47 Prozent positiv, 40 Prozent negativ) deutlich besser an als in den alten Bundesländern (34 zu 45 Prozent). In diesen Zahlen dürfte sich auch die unterschiedliche Haltung in Ost und West zur Flüchtlingskrise spiegeln. Im Unionslager genießt Seehofer überwiegend Rückhalt, wenngleich schwächeren (53 zu 37 Prozent) als Merkel. Eine Unterscheidung zwischen CDU und CSU nahm Emnid dabei nicht vor. Ausgesprochen schlechte Werte bekommt der bayerische Ministerpräsident in der Anhängerschaft der SPD, in der lediglich 14 Prozent positiv und 78 Prozent negativ von Seehofer überrascht sind.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der beim jüngsten Bundesparteitag mit einem historisch schwachen Wahlergebnis abgestraft worden war, genießt in der Emnid-Erhebung – sie fand kurz vor Weihnachten unter 500 repräsentativ ausgewählten Bürgern statt – im sozialdemokratischen Lager ähnlichen Rückhalt wie Merkel bei den Unionsanhängern. 64 Prozent der SPD-Wähler fühlen sich von Gabriel 2015 positiv, 23 Prozent negativ überrascht. Mehrheitlich zustimmend reagieren auch die Unionsanhänger (48 zu 42 Prozent) auf Gabriel. In der Gesamtbevölkerung ist das Urteil für den wahrscheinlichen Kanzlerkandidaten der SPD für die Bundestagswahl im übernächsten Jahr jedoch negativ (30 zu 41 Prozent).

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat Kernstücke sozialdemokratischer Regierungspolitik wie den Mindestlohn und die Rente mit 63 umgesetzt und wird als mögliche Kanzlerkandidatin der Zukunft gehandelt. Die Zahlen, die Emnid für Nahles zutage fördert, sind allerdings wenig vorteilhaft: Im ablaufenden Jahr hat sie 18 Prozent der Deutschen positiv und 26 Prozent negativ überrascht – und 36 Prozent geben an, die Politikerin nicht zu kennen. Auffallend dabei: Anders als Gabriel wird Nahles auch im Lager der Sozialdemokraten überwiegend negativ (29 zu 32 Prozent) beurteilt.

Ein ausgewogenes Ergebnis erzielt Grünen-Chef Cem Özdemir, der gestärkt aus dem jüngsten Parteitag hervorgegangen ist und sich um die Spitzenkandidatur 2017 bewirbt. Özdemir gilt als Befürworter schwarz-grüner Bündnisse und setzt sich hin und wieder auch inhaltlich von klassischen Positionen der Grünen ab – etwa mit seinem Ja zu deutschen Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak. 24 Prozent der Befragten hat Özdemir positiv und 23 Prozent negativ überrascht.

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