Politik

Fragwürdiger Schutz

Noch heute bedauern nicht nur DDR-Nostalgiker, sondern viele an moderner Architektur interessierte Menschen, dass das nach seiner charakteristischen Form „Ahornblatt“ genannte Gebäude an der Gertraudenstraße in Mitte nach der Wende abgerissen wurde. Statt der kühn geschwungenen Betonkonstruktion aus den frühen 70er-Jahren stehen an der prominenten Ecke nun gesichtslose Büro- und Hotelgebäude.

Gleich um die Ecke liegt das Nikolaiviertel, das erst kurz vor dem Mauerfall von der DDR-Stadtverwaltung fertiggestellt wurde. Neben der mehr oder weniger originalgetreuen Rekonstruktion eines kleinen Stückchens Berliner Altstadt haben die DDR-Planer hier einen ganz besonderen Weg beschritten: Sie haben industriell gefertigte Plattenbauten mit Giebeln und verzierten Fassaden versehen. Diese merkwürdige Kitsch-Platte gilt ihren Kritikern als schwere Geschmacksverirrung. Und genau diese als Puppenstube getarnten Betonbauten wollen die Bezirkspolitiker in Mitte in ihrer Gesamtheit nun unter Denkmalschutz stellen lassen.

Bei allem Verständnis für den Wunsch, die DDR-Architektur der 80er-Jahre im Stadtbild zu dokumentieren, ist doch der Denkmalschutz für das gesamte Quartier ein fragwürdiger Weg. Muss man denn tatsächlich gleich alle diese Häuser unter Schutz stellen, nur um zu dokumentieren, dass die DDR-Planer hier seltsame Wege beschritten haben? Ein Straßenabschnitt würde dafür vollkommen genügen.

Die strengen Denkmalschutzauflagen werden den Hauseigentümer, in diesem Falle die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft WBM, dazu zwingen, die Gebäude unverändert zu erhalten. Gerade dieser umfassende Schutz für alle diese Häuser birgt aber das Risiko, dass die WBM sich dem Erhalt entziehen kann. Denn der Denkmalschutz darf laut Gesetz den Eigentümer wirtschaftlich nicht unverhältnismäßig belasten. Genau das wäre aber der Fall, wenn man jede Möglichkeit zum zeitgemäßen Umbau zumindest eines Teils der Gebäude verhindert. Denn dass die Häuser funktionale Mängel haben, bestreiten nicht einmal die Bezirkspolitiker.