Verhandlung

Wohlleben beantwortet im NSU-Prozess bereitwillig Fragen

| Lesedauer: 7 Minuten
Martin Debes
Einen Tag nach seiner umfassenden Aussage im Münchner NSU-Prozess hat der angeklagte frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben bereitwillig erste Fragen des Gerichts beantwortet.

Einen Tag nach seiner umfassenden Aussage im Münchner NSU-Prozess hat der angeklagte frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben bereitwillig erste Fragen des Gerichts beantwortet.

Foto: Andreas Gebert / dpa

Eine Ausreißer-Tour, Hausarrest, stabile Ehe – der mutmaßliche NSU-Terrorhelfer Ralf Wohlleben gab vor Gericht Auskunft über Privates.

München.  Es ist schon eine merkwürdige, ja fast bizarre Situation. 250 Verhandlungstage hatte Ralf Wohlleben geschwiegen zu dem Vorwurf, Beihilfe zum neunfachen Mord geleistet zu haben. Plötzlich, am 251. Verhandlungstag, trug er fast zwei Stunden lang eine Aussage vor, in der sich für unschuldig erklärte. Und an diesem Donnerstag, dem 252. Verhandlungstag, unterhält er sich derart routiniert und verbindlich mit dem Vorsitzenden Richter, als habe er nie etwas anderes getan.

Dunkle Jeans, dunkles Hemd, dunkle Strickjacke, die halbkurzen Haare zur Seite gekämmt: Wie immer tritt der Angeklagte als personifizierter Biedermann auf. Wie immer hat er sich einen Tetrapack Mineralwasser in einem Stoffbeutel mit der Aufschrift „Jena“ mitgebracht. Und wie immer befinden sich alle nötigen Akten und Dokumente abrufbereit auf seinem Laptop, der aufgeklappt vor ihm steht.

Wohlleben hatte abgestritten, die Mordwaffe besorgt zu haben

Am Tag zuvor hatte Wohlleben wortreich abgestritten, dem Trio die Ceska-Pistole beschafft zu haben, mit der alle NSU-Morde außer jenem an der Polizistin begangen wurden. Gleichzeitig schob er alles auf seinen Mitangeklagten Carsten S. – der zuvor wiederum ihn schwer belastet hatte. Damit steht Aussage gegen Aussage.

Nachdem dies absolviert ist, will sich Wohlleben nun den Fragen aller Prozessbeteiligten stellen – im Unterschied zur Hauptangeklagten Beate Zschäpe, die nur Fragen des Gerichts schriftlich beantworten möchte. Vor der Weihnachtspause soll es jedoch, so hatte er es gewünscht, nur um seine „persönlichen Verhältnisse“ gehen. Zu seiner politischen Einstellung und der Anklage werde er sich erst im neuen Jahr befragen lassen.

Richter im NSU-Prozess scheint froh, dass die Verhandlung voran kommt

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl, der am Mittwoch vom Zeitpunkt der Aussage überrascht wurde, hat diesem Procedere zugestimmt. Er ist offenkundig froh, dass der Prozess endlich wieder vorankommt.

Götzl fragt nach, was nachzufragen ist. Wohlleben antwortet sofort, mit sicherer, klarer, offen wirkender Stimme. Alkoholkonsum? Früher kaum, „im gesetzten Alter“ ein „Feierabendbierchen“. Drogen? „Niemals“. Psychische Krankheiten? „Nein. Wenn, dann sind sie bis jetzt nicht erkannt worden.“

Ein kleiner Scherz. Seine Verteidiger lächeln, auf der Besuchertribüne kichert es.

Götzl geht mit Wohlleben noch einmal die prekäre Bildungsgeschichte des Angeklagten durch, einschließlich Sitzenbleiben, Heimaufenthalt, Tischlerlehre, Verkäufer-Ausbildung, Informatik-Weiterbildung. Dazwischen immer wieder Arbeitslosigkeit. Daten werden bestätigt, Berufsbezeichnungen präzisiert, es ist wie bei einem Bewerbungsgespräch.

Wohlleben berichtet vom Autoklau wie von einem Jugendabenteuer

Dann berichtet Wohlleben noch aus dem Jahr 1992, als er mit 17 von zu Hause ausriss, gemeinsam mit Uwe Böhnhardt und anderen Neonazis. In Gera habe man Autos geklaut und sei damit, als die Polizei nach ihnen fahndete, nach Österreich gefahren, wo sie dann gefasst wurden. So wie er das Ganze schildert, klingt es wie ein Jugendabenteuer.

Die Episode ordnet sich ein in die Erzählung, die er am Mittwoch vorgelesen hatte. Er beschrieb sich als Mitglied einer national gesinnten Clique in Jena, die da und dort kleinere Straftaten beging, die aber ausschließlich aus Notwehr gewalttätig wurde und schon gar nicht etwas gegen Ausländer hatte.

Nur aus der Freundschaft heraus, die damals entstand, will Wohlleben 1998 und danach Zschäpe, Böhnhardt und Uwe Mundlos auf der Flucht und im Untergrund geholfen haben – wobei er nie jene „steuernde Zentralfigur“ gewesen sei, als die ihn die Anklage beschreibt. Er habe, sagte er, nur einen „gewissen Beitrag“ zur Flucht geleistet.

Neonazis stellt sich als rechts außen stehend, aber friedliebend dar

Seine Erklärung wirkte, gerade im Vergleich zu jener von Beate Zschäpe, geradezu professionell. Zwar erscheint das Bild des politisch rechts außen stehenden, aber friedliebenden Menschen, das er von sich zeichnet, angesichts seiner früheren Führungsrolle in der Thüringer Neonazi-Szene ziemlich unplausibel. Aber eine konkrete Beteiligung an Gewalttaten ist ihm kaum nachweisbar.

Außerdem: Abgesehen von der Aussage, dass er unschuldig „im Sinne der Anklage“ sei, hat Wohlleben so einiges eingestanden – mehr jedenfalls, als bisher bekannt war. So erzählte er von einem Treffen mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im Jahr 2001 in Zwickau, kurz nachdem der Thüringer Nazi-Funktionär Tino Brandt als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt worden war.

Damit machte er zum einen deutlich, dass er nicht nur das zugibt, was sowieso belegt ist. Zum anderen richtet er den Fokus auf den Geheimdienst. Brandt, sagte er, habe laut Aussage des Trios vom Zwickauer Unterschlupf gewusst. Die Drei hätten also jederzeit verhaftet werden können – wenn dies denn der Verfassungsschutz gewollt hätte. Auch diese Behauptung erscheint unglaubwürdig, da Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos in diesem Fall kaum in Zwickau geblieben wären. Aber sie bestärkt die gern kolportierte These, dass der Staat und seine Dienste das Trio schützten.

Seine Aussage dürfte dem Angeklagten Wohlleben nicht schaden

Interessant ist auch, wie sich Wohlleben auf die Anklage einließ. Er beschrieb seinen Mitangeklagten Carsten S. als „sympathisch“ und bestätige sogar einiges von dessen Aussage. So habe er gewusst, dass S. eine Pistole für Böhnhardt beschaffen sollte und ihm sogar geraten, es in einem Jenaer Szeneladen zu versuchen. Auch gab Wohlleben zu, dass Carsten S. ihm später die Waffe zeigte, einschließlich Schalldämpfer.

Doch das würde Wohlleben bestenfalls zum indirekt Beteiligten machen, zum Mitwisser – aber nicht zum Täter, wie S. es behauptet. Außerdem streut der Angeklagte gezielt Zweifel, dass es sich bei der Waffe um die Ceska-Pistole, also die Mordwaffe handelte. Hätte S. damals nachweislich eine andere Pistole besorgt, würde allein schon deshalb die Anklage in sich zusammen fallen.

Ob die Aussage Wohlleben nutzt? Zumindest dürfte sie ihm nicht schaden, im Gegensatz zu Beate Zschäpe, die sich in einer unglaubwürdigen, kitschigen und teils abstrusen Geschichte als ohnmächtige, unpolitische und verliebte Mitläuferin dargestellt hatte.

Zumal: Ralf Wohlleben hat nur noch wenig zu verlieren. Das Gericht begründete seine Entscheidungen, ihn in der Untersuchungshaft zu belassen, auch damit, dass die Beweislast schwer wiege.

Prozess ist in seine finale Phase eingetreten

So oder so ist der Prozess mit den Erklärungen Zschäpes und Wohlleben endgültig in seine finale Phase eingetreten. Das, was bisher ausgesagt wurde, dürfte nicht zu sonderlich vielen neuen Beweisanträgen führen, welche die Hauptverhandlung zusätzlich verlängern würden.

Aus jetziger Sicht bleibt ein Urteil in der ersten Hälfte des nächsten Jahres möglich. Doch was genau geschehen wird, weiß höchstens das Gericht – das sich am Donnerstag auf das neue Jahr vertagte.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos