Politik

Die Zukunft der Flüchtlingskinder

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter-André Alt

Junge Menschen müssen Zugang zu den Bildungssystemen dieser Welt erhalten

Ein entscheidender Aspekt bei der Inte­gration geflüchteter Menschen ist die Bildung. Dieser Einschätzung wird niemand widersprechen. Aber wie so oft ist die Umsetzung schwieriger als die Feststellung des Problems. Nicht nur Deutschland steht vor erheblichen Schwierigkeiten, wenn es um die Öffnung seiner Bildungssysteme für Menschen aus politischen Krisengebieten geht.

Anschauungsmaterial bot vor zwei Wochen ein Besuch in Jordanien, in der Delegation des Bundespräsidenten. Einen Tag nach der Ankunft brachen wir von der Hauptstadt Amman ins Flüchtlingslager bei Azraq auf, das 80 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt liegt. Hier leben derzeit 25.000 Menschen, mehr als die Hälfte davon Kinder. Die vom Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) verwaltete Anlage liegt inmitten einer trostlos wirkenden Wüstenlandschaft. Hunderte von schmalen Holzhäusern stehen in strenger Ordnung nebeneinander. Bis zu 100.000 Flüchtlinge können hier Platz finden. Es gibt Schulen, einen Sportplatz, einen Supermarkt. Von normalem Leben lässt sich jedoch nicht sprechen. Schwer bewaffnete jordanische Miliz bewacht das Lager, Drahtzäune trennen die einzelnen Bereiche voneinander ab.

Wir besuchten eine Schulklasse, in der zehnjährige Mädchen unterrichtet werden. Sie wirkten überraschend fröhlich, fast unbekümmert – ganz im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen. Auf Nachfrage gaben sie sehr genau Auskunft über ihre Wünsche und Ängste, ihre Ziele und Hoffnungen. Alle betonten, dass sie bevorzugt in ihre syrische Heimat zurückkehren würden, wenn das möglich wäre. Die Schule lobten sie einstimmig, denn das Leben wäre sonst, sagten sie, vollends eintönig. Sie freuten sich über Hausaufgaben, denn die Nachmittage seien langweilig. Sehr konkret waren die Antworten auf die Frage nach den Berufswünschen. Ingenieurin, Ärztin, Lehrerin wollen die Mädchen werden, wenn sie erwachsen sind. Ihre Gesichter verrieten die Überzeugung, dass sie das schaffen. Die Lehrerin, die vorzüglich Englisch sprach, verriet uns, dass ihre Arbeit unter bürokratischen Hemmnissen leide. Beim Unterricht benötige man dringend Unterstützung, denn die Zahl der Kinder wachse ständig. Unter den Flüchtlingen seien Lehrer, die aber keine Arbeitserlaubnis erhalten. Ihre Expertise wäre hochwillkommen, nur erlaube ihr Status keine Beschäftigung. Ein Teufelskreis, wie er auch in Deutschland besteht.

In Jordanien leben derzeit acht Millionen Menschen, darunter 700.000 Flüchtlinge, zumeist aus Syrien und aus dem Irak. Anders als die reichen Golfstaaten, die sich humanitären Hilfsaufgaben entziehen, nimmt Jordanien verfolgte Menschen aus den Nachbarländern auf. Dafür fand der Bundespräsident wohlgesetzte Worte der Anerkennung. Was die Einwohner von Azraq erlebt haben, ließ sich nur erahnen. Im Gespräch mit einigen älteren Mädchen gewann man Einblicke in den Ausnahmezustand, der in der Region herrscht. Die meisten von ihnen sind vier Jahre lang in Syrien nicht mehr zur Schule gegangen, aus Furcht vor Repressalien in der Öffentlichkeit. Anders als die Jüngeren trugen sie ihre Berufswünsche mit Skepsis vor. Journalistin wolle sie werden, sagte die eine, aber das gelinge vermutlich nicht. Den Grund für ihre Zweifel verschwieg sie uns, aber er liegt auf der Hand. Eine Bildungsbiografie ist nach vier Jahren Schulunterbrechung so zerrissen, dass der Neuanfang schwerfällt.

In Jordanien wie bei uns in Deutschland gilt: Wir dürfen keine Zeit verlieren, wenn junge Menschen nach Kriegen in ein normales Leben zurückfinden sollen. Ihr Wissensdrang ist meist ungebrochen, und wir müssen ihn mit allen Mitteln, die uns zu Gebote stehen, kontinuierlich fördern. Als unsere Kolonne das Lager in Azraq verließ, winkten die Kinder. Welche Zukunft auf sie wartet, wird auch davon abhängen, ob es uns gelingt, ihnen Zugang zu den Bildungssystemen dieser Welt zu verschaffen.

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