Paris –

Nach der Klima-Einigung kommt es auf Europa an

Experten pochen auf schnelle Erhöhung der Klimaziele

Paris.  Am Tag nach der historischen Einigung auf dem Klimagipfel von Paris ging ein starkes Signal um die Welt: Das Abkommen zum Kampf gegen die Erderwärmung, das erstmals nahezu alle Staaten verbindlich zum Klimaschutz verpflichtet, wird als Entscheidung für eine globale Energiewende gewertet. In Deutschland beginnt die Diskussion über den Fahrplan des Kohleausstiegs.

Spitzenpolitiker weltweit feierten den Beschluss als historischen Moment. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem „Wendepunkt“ in der Geschichte. Wirtschaftsexperten sehen in dem Abkommen ein Signal für den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. In Paris hatten sich die Delegierten geeinigt, den Anstieg der Erderwärmung auf weit unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Die Staaten wollen versuchen, den Temperaturanstieg bereits bei 1,5 Grad Celsius zu stoppen.

Auch Umweltverbände deuten den Klimavertrag als Richtungsentscheidung: Er bedeute, dass sich alle auf einen Pfad zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas begeben, kommentierte Christoph Bals von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. Klimaökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung forderte die Einführung eines CO2-Preises, entweder als Steuer oder über ein Emissionshandelssystem. „Wir müssen uns jetzt mehr denn je anstrengen, die globale Renaissance der Kohle zu vermeiden“, sagte Edenhofer.

Das am Ende doch ambitioniert ausgestaltete Abkommen von Paris setzt Deutschland nun unter Druck: Als reiches Industrieland soll Deutschland laut Vertrag beim Klimaschutz vorangehen. Die Denkfabrik Agora Energiewende legte am Tag nach den Beschlüssen der Klimakonferenz eine Berechnung vor, nach der die Bundesregierung ihre Anstrengungen erheblich verstärken müsse, um die Klimaziele zu erreichen. Laut Studie müsste Deutschland demnach schon im Jahr 2030 mehr als die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen und mehr als die Hälfte der Kohlekraftwerke abgeschaltet haben. Bis dahin müssten sechs Millionen Elektrofahrzeuge auf den Straßen fahren und die Hälfte der Gebäude auf Niedrigenergiestandard saniert haben. Der große Umbau, schreiben die Experten, geschehe nicht über Nacht.

Das 1,5-Grad-Ziel ist bereits jetzt in Gefahr

Am heutigen Montag will sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks zum „Klimaschutzplan 2050“ äußern. Er soll bis Mitte kommenden Jahres verabschiedet werden. In der Nacht nach der Einigung von Paris sagte Hendricks, die Teilnehmer der Konferenz hätten Geschichte geschrieben.

„Wir haben ein Ziel, das in Einklang mit der Wissenschaft ist“, sagte der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber. „Die Klimaziele müssen jetzt schnell freiwillig erhöht werden“, sagt er. Das gelte auch für Deutschland und die EU. „Wenn Ministerin Barbara Hendricks sagt, wir wollen das 1,5-Grad-Ziel unterstützen, dann muss sofort der deutsche Klimaschutzplan nachgebessert werden.“ Auch Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam mahnt, dass schnell mit der Umsetzung der Ziele begonnen werden müsse. Klimaforscher haben ausgerechnet, dass die nationalen Klimaziele allenfalls reichen, um die Erderwärmung auf drei Grad zu begrenzen. Das Abkommen schreibt nicht vor, die Klimaschutzpläne schnell zu verbessern. „Wenn diese aber nicht verschärft werden, ist zumindest das 1,5-Grad-Ziel schon begraben“, sagt Kowalzig. Die EU solle sofort anfangen, ihr Ziel zu verbessern, von 1990 bis 2030 den Treibhausgasausstoß um 40 Prozent zu senken. „Denn jetzt wird das Ziel in nationale Gesetze umgesetzt, dann ist es erstmal fest. Die EU wird damit mit zum Totengräber des 1,5-Grad-Zieles.“