Russland

Kasparow nennt Putin eine globale Bedrohung

Der ehemalige Schachweltmeister und Oppositionelle Garri Kasparow fordert den Westen auf, Russlands Präsidenten zu stoppen

Der Putin-Kritiker Garri Kasparow

Der Putin-Kritiker Garri Kasparow

Foto: Reto Klar

Berlin.  Garri Kasparow geht voran, mit schnellem Schritt eilt er zu seiner Suite durch die Flure des Hotels „Adlon“. Er sagt nicht viel und hat offensichtlich auch keine Lust, seinen Besuchern in die Augen zu schauen. Im Zimmer setzt er sich auf einen mit goldgelbem Brokatstoff bezogenen Sessel, vor ihm auf dem Tisch steht in einem Kühler eine Flasche Champagner, ungeöffnet.

Der Schachspieler, der 1985 mit 22 Jahren jüngster Weltmeister wurde und 20 Jahre lang den Sport dominierte, wartet. Auf die erste Frage. Seine Laune am Morgen wird nicht besser werden. Es geht noch einmal um die Putin-treuen Störer vom Vorabend, als Kasparow sein neues Buch „Warum wir Putin stoppen müssen – Die Zerstörung der Demokratie in Russland und die Folgen für den Westen“ vorstellte. „Die kenne ich schon“, sagt er, „sie kommen und haben keine Frage, sondern halten einen Vortrag.“ Nachdem sie ihn als „Brandstifter“ und „Extremisten“ beschimpft hatten, war der kontrollierte Meisterspieler in Rage geraten und rief ihnen zu: „Es geht mir nicht um fucking Putin. Es geht mir um mein Land, in dem meine Mutter und auch noch mein Sohn leben.“

Eine Politik des „Appeasement“ dürfe es nicht geben

Nach dem Ausstieg aus dem Sport im Jahr 2005 engagierte sich Kasparow in der russischen Opposition. 2012 verhaftete ihn die Polizei auf einer Demonstration, dabei wurde er geschlagen und verletzt, angeklagt und freigesprochen. 2013 verließ er Russland und setzt sich seither aus der Ferne für die russische Opposition ein. Im Buch schreibt er: „Ich werde mich nicht den Launen der Schurken und Gauner unterwerfen, die meine Heimat gegenwärtig beherrschen. Russland ist nicht Putin.“

Der englische Titel lautet „Winter is coming“. Es ist eine Anspielung auf die erfolgreichste TV-Serie unserer Zeit: „Game of Thrones“. Darin stellt der Winter eine unheimliche Bedrohung dar. Keiner weiß, wann er kommt, wie lange er bleibt und wie vielen Menschen er das Leben kosten wird. Danach gefragt, hebt sich die Laune Kasparows. Er gesteht, ein großer Fan der Serie zu sein. Und berichtet über den aktuellen Stand der Fantasyreihe, die vom Autor George R. R. Martin noch nicht zu Ende geschrieben ist. Es ist nicht so, dass er andere Genies nicht anerkennen kann.

Russland stünden dunke und gefährliche Zeiten bevor

Übertragen auf Russland beschreibe der Winter Putins Politik: „Das ist ein besonderer Winter“, erklärt Kasparow, „es stehen uns dunkle und gefährliche Zeiten bevor.“ Die westlichen Staaten seien gefordert zu handeln. Wenn Russlands Präsident nicht gestoppt werde, verbreite er nur Chaos. „Putin hat sich zu einem Diktator entwickelt, der eine globale Bedrohung darstellt.“ Solange die westlichen Staatschefs der demokratischen Länder mit ihm verhandeln, habe er Anerkennung und Rückhalt im eigenen Land. Unverhohlen bediene sich Putin „faschistischer Propaganda und Taktiken“.

Eine Politik des „Appeasement“ sei der größte Gefallen, den man ihm tun könne. Bei Appeasement bezieht sich Kasparow auf die Europäer, die in den 30er-Jahren Hitler aus Angst vor einem Krieg nichts entgegengesetzt hätten. Ob er jetzt Hitler mit Putin vergleicht?

Putins Bestrafung für die Annexion der Krim war zu mild

„Die Psychologie der damaligen Zeit ist ähnlich. Hätte man Hitler genau zugehört, hätte man ihn auch noch rechtzeitig stoppen können. Gleiches gilt heute für Putin.“ Kasparow hebt eine Äußerung Putins vom Dienstagabend hervor. Putin sagte im russischen Staatsfernsehen, dass man die Raketen, die Russland jetzt in Syrien einsetze auch nuklear bestücken könnte. „Natürlich braucht man das im Kampf gegen Terrorismus nicht, hoffentlich wird man es nie brauchen. Aber insgesamt spricht es für den deutlichen Fortschritt der Waffen, die die russische Armee einsetzen kann“, sagte Wladimir Putin. Für Kasparow ist es „mehr als nukleares Säbelrasseln“. Putin teste das Wasser. „Es ist eine Drohung, auch in einem regionalen Konflikt nukleare Waffen einsetzen zu können.“ Kasparow hätte sich gewünscht, dass die europäischen Staaten auf Putins Aussage reagiert hätten.

Putin habe mit der Annexion der Krim und der militärischen Einmischung in der Ostukraine den Frieden in Europa gefährdet, der seit 1945 herrscht. „Seine Bestrafung war sehr mild. Und jetzt loben ihn einige noch für sein Engagement in Syrien. Das ist lächerlich.“

Für Putin sei Diplomatie ein Tisch mit Sonderangeboten, die er abgreift

Putins Unterstützung für Syriens Machthaber Baschar al-Assad habe nur dem Ziel gedient, Chaos zu stiften und Europa zu destabilisieren. Und Europas Zögern in der Lösung der Syrienkonfliktes habe das Vakuum, in das er hineinstoßen konnte, nur noch vergrößert. Die westliche Welt hätte spätestens 2013, als Assad seine Bevölkerung mit chemischen Waffen bombardiert habe, eingreifen müssen. „Nun sind die Rechten in Europa auf dem Vormarsch. Und jeder Flüchtling mehr kreiert mehr und mehr Spannung. Das ist eine Nebenwirkung von Putins Politik.“ Er, Kasparow, analysiere Politik wie ein Spiel. „Putin ist kein großer Stratege“, sagt er, „aber er ist ein Taktiker. Er erkennt Chancen.“ Für Putin sei Diplomatie ein Tisch mit Sonderangeboten, die er abgreift. Und wenn die wirtschaftliche Situation Russlands schlechter wird, „dann braucht er Kriege. Das ist sein Muster.“

Am Ende kommt Kasparow noch einmal auf die Serie „Game of Thrones“ zurück. In San Francisco saß er kürzlich auf dem „eisernen Thron“ der Serie. Er twitterte davon ein Foto und schrieb dazu: „Nur falls Jon Snow es nicht auf den Thron schafft, ich bin bereit!“