Politik

Chance für Kulturwechsel

Wirtschaftskonzerne finden oft erst in der Krise den Mut zu Veränderungen. Gerade große Organisationen neigen dazu, dringend nötige Anpassungen viel zu spät zu erkennen. Die interne Firmenwelt ist in diesen Fällen zu unbeweglich und undurchlässig geworden, um rechtzeitig und adäquat auf eine veränderte Realität zu reagieren. Es braucht dann ein starkes negatives Ereignis von außen, einbrechende Absatzzahlen, abstürzende Kurse oder eben das plötzliche Bekanntwerden von internen Missständen, um den Reformkräften in solch erstarrten Konzernen zum Durchbruch zu verhelfen.

Der Volkswagen-Konzern wurde des vorsätzlichen Betrugs bei Abgaswerten von Millionen von Autos verdächtigt und hat diesen zugegeben. Nach solch einem Eingeständnis kann es nicht weitergehen wie zuvor. Auch das Kleinreden und Verharmlosen hilft nicht weiter: Über die Manipulationen werden bald Gerichte entscheiden, VW hat bei diesem Teil der Firmengeschichte die Kontrolle an die Justiz verloren. Aber die Zukunft muss der Konzern selbst gestalten. Die existenziellen Fragen lauten: Wie kann VW sich neu erfinden? Wie kann VW künftige Herausforderungen meistern, ohne Gesetze zu brechen und Vertrauen zu verspielen?

Die Krise bei Volkswagen birgt jedoch die Chance zu einer echten Erneuerung des wichtigsten deutschen Autokonzerns, hin zu mehr Transparenz, besserer Mitarbeiterführung und innovativeren Autokonzepten. Ein Kulturwandel bei VW würde positiv auf die deutsche Wirtschaft abstrahlen, für die der Konzern ein Leitstern ist.

Mehr Silicon Valley will VW-Chef Müller wagen. Das kalifornische Start-up-Zentrum liegt rund 9000 Kilometer von Wolfsburg entfernt. Mental sind die US-Unternehmer Lichtjahre vom Wolfsburger Denken entfernt. Doch Müllers Vorstoß geht in die richtige Richtung: Seine Metapher meint flachere Hierarchien, mehr Respekt vor Leistungen und berechtigten Zweifeln der Mitarbeiter, mehr Erfindergeist und Mut. Man kann Müller und VW nur wünschen, dass bei VW ein Kulturwandel in diesem Sinne in Gang kommt. Dann hätte der Skandal auch etwas Gutes hervorgebracht: Einen neuen Geist in Wolfsburg.