Politik

30 ist das neue 40

Fall Schweinsteiger – wie der Fußball seine Helden nicht mehr in Würde altern lässt

Die weiße Weste des Bastian Schwein­steiger hat mittlerweile hässliche Flecken bekommen. Pizza oder Pasta. Das lässt sich heute nicht mehr so genau sagen. Vor fünfeinhalb Jahren kaufte ich von meinem ersten, anständigen Artikelhonorar ein schneeweißes Deutschland-Trikot, das einzige, das ich je besessen habe. Ich ließ es beflocken: „Schweinsteiger“ und die Nummer „7“. Es sollte eine Erinnerung sein: an die WM 2010 in Südafrika, über die ich als Praktikant ein bisschen mitschreiben durfte, und an Schweinsteiger, dem ich am liebsten zusah. Ich verehrte diesen Spieler, wie es nur einer tun kann, der noch kein echter Journalist ist.

Irgendwann in den Jahren danach habe ich dann das Schweinsteiger-Gedächtnis-Shirt mit fettigem Essen besudelt. Die Flecken gehen nicht mehr raus, und jetzt liegt es im Schrank. Neulich, da war Bastian Schweinsteiger gerade vom FC Bayern zu Manchester United gewechselt, weil man ihn in München nicht mehr so recht brauchen konnte, schrieb ich einen Artikel über den Niedergang der deutschen Fußball-Ikone, deren Körper die Last des eigenen, gewichtigen Namens längst nicht mehr dauerhaft zu tragen fähig ist.

Solche Artikel wurden in dieser Woche wieder viele geschrieben. Schwein-steiger schied mit Manchester nach einer Niederlage gegen Wolfsburg aus der Champions League aus. Er wurde dabei, weil er sichtlich überfordert war, von seinem Trainer Louis van Gaal zunächst ausgewechselt und später verraten: Er sei nicht mehr der Spieler, der er früher war, sagte van Gaal. Die englische Presse, immer gut für Gemeinheiten, verglich Schweinsteiger mit einem alten Luxuswagen, der nun aber bedenklich ins Stottern geraten sei und sogar von Mittelklassekarren überholt werde.

Bastian Schweinsteiger ist 31 Jahre alt, ein Jahr jünger als ich. Das macht es so paradox. Mir kommt es vor, als schaue ich im Moment einem früheren Idol beim Vergreisen zu, empfinde mich selbst aber erst am Anfang meines Erwachsenenlebens. Bei uns Normalos steht das gefühlte Alter seit einigen Jahren deutlich vor dem tatsächlichen. 40 ist das neue 30. Bei Fußballprofis ist es genau umgekehrt. 30 ist das neue 40. Vor sieben, acht Jahren wäre Schweinsteiger mit 31 noch in der Blüte seines Schaffens gewesen. Im immer schneller, jünger werdenden Fußball heute ist er ein Verbleichender.

Es stimmt schon, was Dettmar Cramer, die im September mit 90 Jahren verstorbene Trainerlegende und Hertha-Coach für eine einzige Trainingseinheit 1974, mal gesagt hat: „Es hängt alles irgendwo zusammen. Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge.“ Der Fußball ist besser geworden, dynamischer, ansehnlicher auch. Aber das hat gleichsam dazu geführt, dass er seine Helden heute nur noch ganz selten in Würde altern lässt. Früher, Ende der Neunziger, Anfang der Nullerjahre, ist einer wie Lothar Matthäus, der zu seiner besten Zeit unermüdlich durchs Mittelfeld pflügte, einfach ein paar Positionen nach hinten in die Abwehr gerückt, als der Körper langsam Verschleißerscheinungen zeigte und die Beine müder wurden. 39 war Matthäus bei seinem letzten Turnier mit der Nationalmannschaft. Es war die EM 2000. Den Libero gibt es bekanntlich schon lange nicht mehr. Schweinsteiger wäre ein vorzüglicher.

Heute scheint es so zu sein, dass das Leben eines Fußballprofis stärker noch als früher eines auf der Vorspultaste ist. Die Höhepunkte reihen sich viel hastiger aneinander als bei uns Normalsterblichen, aber das Ende kommt auch rasanter auf ihn zu.

Schweinsteiger blutete im WM-Finale von Rio de Janeiro, ließ sich unter dem Auge tackern, spielte weiter und wurde Weltmeister. Wenn ich daran denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Dann rückt der Journalist nach hinten und der Sportfan nach vorn. Dann will ich das fleckige Schweinsteiger-Gedächtnis-Trikot aus dem Schrank holen und aus Frust Pizza essen. Jenes Finale, vielleicht Schweinsteigers letztes großes Spiel, ist gerade mal 17 Monate her.