NSU-Prozess

Aussage im Wortlaut: Was Beate Zschäpes Anwalt verlesen hat

| Lesedauer: 90 Minuten
Sie hatte bislang nichts zu den Taten und zu ihrer Rolle gesagt. Nun hat Beate Zschäpe ihren Anwalt vorlesen lassen, was es aus ihrer Sicht zu sagen gibt. Angehörige von Opfern sprechen von einer Frechheit.

Sie hatte bislang nichts zu den Taten und zu ihrer Rolle gesagt. Nun hat Beate Zschäpe ihren Anwalt vorlesen lassen, was es aus ihrer Sicht zu sagen gibt. Angehörige von Opfern sprechen von einer Frechheit.

Foto: Tobias Hase / dpa

Manche nannten sie eine „Frechheit“, andere sehen darin eine Bestätigung: Wir dokumentieren die komplette Erklärung von Beate Zschäpe.

München.  Es ist ein Stück Zeitgeschichte: Beate Zschäpe macht öffentlich, wie sie zur Nazibraut wurde und wie sie ihre Rolle bei der NSU-Terrorserie sieht. Am 249. Verhandlungstag ließ sie ihren Anwalt Mathias Grasel ihre Version verlesen. Die „FAZ“ sieht dadurch „das Tatsachengerüst der Anklage im wesentlichen bestätigt“, die „Süddeutsche Zeitung“ nennt die Aussage „in sich unlogisch, unglaubwürdig und mit dem Schnörkel, noch schnell Mitleid mit den Opfern zu zeigen, auch jämmerlich“.

Wir veröffentlichen komplett, was Zschäpe über die Entstehung des NSU und deren Taten erklären ließ und wie sie ihre eigene Rolle klein redete. Als Angeklagte muss Zschäpe nicht die Wahrheit sagen. Namen und Adressen sind von der Redaktion zum Teil abgekürzt.

„Ich wurde am 2. Januar 1975 als Beate A. in Jena geboren. Meinen Vater, der wohl Rumäne war und „Botanic“ hieß – wobei ich die Schreibweise dieses Namens der Ermittlungsakte entnommen habe - habe ich nie kennengelernt. Meine Mutter Annerose Else heiratete am 30.12.1975 einen Herrn T.. Deshalb hieß ich ab Ende 1975 Beate T. Nach weniger als zwei Jahren ließ sich meine Mutter von Herrn T. scheiden und heiratete kurz darauf Herrn Zschäpe, so dass mein Name seit dieser Zeit Beate Zschäpe lautet. Mit etwa drei Jahren besuchte ich den örtlichen Kindergarten, wobei ich von Montag bis Freitag von meiner Oma Anneliese A. betreut wurde. Die Wochenenden verbrachte ich bei meiner Mutter und bei Herrn Zschäpe.

1981 wurde ich an der Otto-Grotewohl-Schule eingeschult. Nach der 4. Schulklasse besuchte ich anschließend die Johann Wolfgang-von-Goethe-Schule. 1985 zog ich mit meiner Mutter in die Estraße XX in Jena. Die Wohnung befand sich in einem neuerstellten Wohngebiet, einer sogenannten Plattenbau-Siedlung. Dort wohnte ich bis zum Jahr 1996.

Etwa 1988 hatte meine Mutter einen neuen Freund namens Peter, der sich drei bis vier Mal pro Woche in unserer Wohnung auf hielt. Zu dieser Zeit begannen die Alkoholprobleme meiner Mutter, und es fanden zunehmend Auseinandersetzungen zwischen uns beiden statt. Die Streitigkeiten bezogen sich insbesondere auf ihren Alkoholkonsum sowie darauf, dass meine Mutter den Haushalt schleifen ließ – es sei denn, Peter war anwesend.

„Ich beteiligte mich an kleineren Diebstählen“

Zur Wendezeit 1989/1990 wurde meine Mutter arbeitslos und die Geldprobleme, die bis dahin sowieso schon bestanden, wurden immer größer. Ich erhielt von meiner Mutter so gut wie kein Geld, was dazu führte, dass ich mich innerhalb des Freundeskreises an kleineren Diebstählen beteiligte. Rückblickend kann ich sagen, dass ich zu dieser Zeit den Respekt vor meiner Mutter verloren hatte – ich hatte mir von ihr nichts mehr sagen lassen. 1991 machte ich meinen Hauptschulabschluss und nahm eine ABM-Stelle an, wobei ich monatlich 900 D-Mark verdiente. 1992 begann ich schließlich meine Ausbildung zur Gärtnerin, die ich 1995 erfolgreich abschloss. Eine feste Arbeitsstelle als Gärtnerin fand ich nicht, sondern nahm erneut eine ABM-Stelle an.

Ebenfalls zur Wendezeit 1989/1990 lernte ich Uwe Mundlos kennen. Er und ich wohnten in Jena im Wohngebiet „Winzerla“. Wir trafen uns an einem Jugendtreff, einem Spielplatz, welcher „Schnecke“ genannt wurde, benannt nach einem Betonstein, der das Aussehen einer Schnecke hatte. Noch im Jahr 1991, kurz nach meinem Hauptschulabschluss, zog Uwe Mundlos in unsere Wohnung in die Estraße XX in Jena ein. Er stammte aus gutem Elternhaus und hatte eine Lehre als Informatiker bzw. Datenverarbeitungskaufmann abgeschlossen.

„Am 19. Geburtstag lernte ich Böhnhardt kennen“

Wir verbrachten unsere Freizeit in einer Clique, die sich regelmäßig an der „Schnecke“ traf. Wir hörten gemeinsam Lieder mit nationalistischem Inhalt und sangen – manchmal könnte es auch als grölen bezeichnet werden – diese Lieder auch nach. Wesentlichen Beitrag dazu, dass ich mich auf diese Art der Freizeitgestaltung einließ, hatte mein Cousin Stefan A.. Dieser trat nicht nur in entsprechender Kleidung auf (Bomberjacke, Frisur, etc.), sondern animierte auch zu verbalem Auftreten, das von rechtsgerichteten Jugendlichen erwartet wird.

Bei diesen Aktivitäten blieb es, bis ich Uwe Böhnhardt kennenlernte.

An meinem 19. Geburtstag lernte ich Uwe Böhnhardt kennen, der mir auf meiner Geburtstagsparty von einer Freundin vorgestellt wurde. Ich verliebte mich in ihn, war aber zu diesem Zeitpunkt noch mit Uwe Mundlos zusammen. Auch als ich von meiner Freundin erfuhr, dass er bereits vielfach straffällig geworden und auch schon im Gefängnis war, änderte sich an meiner Liebe zu ihm nichts. Uwe Mundlos begann seinen Dienst bei der Bundeswehr am 1.4.1994 und nach ein paar Monaten trennten wir uns und er zog aus meiner Wohnung, aus, wobei es keinerlei Streit zwischen uns gab. Anschließend ging ich eine Beziehung mit. Uwe Böhnhardt ein. Uwe Böhnhardt zog nicht in meine Wohnung in der Estraße XX ein, sondern verbrachte nur die Wochenenden bei mir.

„Politische Einstellung war unschwer zu erkennen“

Schon als ich Uwe Böhnhardt kennenlernte, bestand seine Kleidung aus Bomberjacke sowie Springerstiefeln, so dass schon äußerlich unschwer zu erkennen war, welche politische Einstellung er hatte. Seine Einstellung zu Waffen konnte man schon damals daran erkennen, dass er eine Vielzahl an Waffen, wie etwa eine Armbrust, einen Morgenstern oder einen Nunchaku an der Wand in meiner Wohnung aufgehängt hatte. Mit Beginn unserer Freundschaft änderte sich mein Freundeskreis. Ich hatte nicht mehr so viel Kontakt zur Gruppe, die ich regelmäßig mit Uwe Mundlos an der „Schnecke“ getroffen hatte, sondern wandte mich immer mehr Uwe Böhnhardts Freunden zu.

Uwe Böhnhardts Freunde hatten eine intensivere nationalistische Einstellung als der Freundeskreis um Uwe Mundlos und traten auch entsprechend auf. Die Aktivitäten der Gruppe in politischer Hinsicht waren ausgeprägter. Es wurden nicht nur Lieder mit nationalistischem Inhalt gesungen bzw. gegrölt, sondern es erfolgten auch verschiedene Unternehmungen, wie zum Beispiel der Besuch von Konzerten, Stammtischen, Demonstrationen, Wehrmachtsausstellungen oder Sonnenwendfeiern.

„Ich hatte mich nicht zugehörig gefühlt“

Die Clique um Uwe Böhnhardt, der ich mich nach dem Kennenlernen des Uwe Böhnhardt angeschlossen hatte, nannte sich „Kameradschaft Jena“ und bestand aus vier bis fünf Personen. Es wurden kleine finanzielle Beiträge bezahlt, wobei Uwe Böhnhardt der Kassenwart war. Ich war kein Mitglied dieser Kameradschaft und hatte auch keinen Beitrag bezahlt. Ich hatte mich auch nicht zugehörig gefühlt. Aktiv wurde ich erst, nachdem Tino Brandt zu unserer Gruppe gestoßen war, womit sich unser Zusammenleben und Tun drastisch veränderte. Tino Brandt wurde für mich der Mittelpunkt aller Aktionen. Es gab nicht nur die „Kameradschaft Jena“, sondern es gab noch andere Gruppierungen.

Tino Brandt hatte diese einzelnen Gruppierungen, die alle eine rechte Einstellung, hatten, koordiniert. Er organisierte Zusammenkünfte, bei denen Rechtsauskünfte erteilt wurden, wie zum Beispiel das Verhalten bei einer Hausdurchsuchung oder einer Festnahme. Tino Brandt war diejenige Person, die Geld zur Verfügung stellte und somit unsere Aktivitäten erst ermöglichte.

Er organisierte, dass wir beispielsweise am Rudolf-Hess-Gedenkmarsch oder am Sandro-Weigel-Gedenkmarsch oder an sonstigen rechtsgerichteten Demonstrationen teilnehmen konnten. Tino Brandt war derjenige, der die Initiative ergriff, sei es durch Ideen, sei es durch Geld, das er zur Verfügung stellte oder durch Übergabe von Lesematerial mit nationalistischem Inhalt. Mit seinem Geld wurden Plakate geklebt, Aufkleber gefertigt, rechtes Propagandamaterial verteilt und die angesprochenen Reisen bezahlt.

„Erfahrungen mit Polizei riefen Wut in uns hervor“

Man kann sagen, ohne Tino Brandt wären diese ganzen Unternehmungen nicht möglich gewesen. Unser Einsatz (gemeint ist unsere Clique) wurde intensiver, ohne dass ich diesen Umstand allein auf das Tätigwerden des Tino Brandt zurückführen möchte. Dies lag unter anderem daran, dass wir negative Erfahrungen mit der örtlichen Polizei machten, welche Wut und Aggression in uns hervorriefen.

Als Beispiel möchte ich folgendes Erlebnis nennen: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und ich waren am 09.11.1996 (dem Datum der Reichspogromnacht) mit dem Auto des Uwe Böhnhardt unterwegs, dessen Kennzeichen polizeibekannt war. Wir wurden aufgehalten. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wurden aus dem Auto gezerrt, und Uwe Böhnhardt wurde im wahrsten Sinne des Wortes „verdroschen“. Den Grund hatten wir darin vermutet, dass wir bekanntermaßen an rechten Demonstrationen teilgenommen hatten und wir auf den „Weg der Tugend“ zurückgeführt werden sollten. Ich wurde in eine etwa 30 bis 40 Kilometer entfernte Polizeistation verbracht und anschließend mitten in der Nacht vor die Tür gesetzt mit dem Hinweis: „Sieh zu wie du jetzt nach Hause kommst“.

Ich erinnere mich daran, dass unsere Aktionen in Form der Gedenkmärsche und unser Auftreten allgemein in der Presse verfälscht wiedergegeben wurde und die Dinge nicht so berichtet wurden, wie sie aus unserer Sicht stattgefunden hatten. Wir wollten deshalb durch gezielte Aktionen darauf aufmerksam machen, dass es einen politischen Gegenpol zu den Linken gibt und wir wollten die Polizei und damit die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzen, um damit Aufmerksamkeit zu erreichen. Aus dem „Katz und Maus Spiel“ mit der Polizei, beziehungsweise mit dem Verfassungsschutz, der hinter uns herfuhr und was wir spaßig fanden, wurde eine ernstere Angelegenheit, nachdem mehrere Hausdurchsuchungen stattgefunden hatten. Zwischen April 1996 und Dezember 1997 initiierten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mehrere Aktionen, an denen ich teilweise beteiligt war.

„Es sollte ,etwas´passieren“

Es wurde nicht besprochen, dass damit ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll - es sollte „etwas“ passieren und es sollte darauf aufmerksam gemacht werden, dass die rechte Szene lebt. Mit der Verwendung von Bombenattrappen sollte die Aufmerksam keit der Öffentlichkeit und die Ernsthaftigkeit unseres Tuns erhöht werden, jedoch ohne dass eine tatsächliche Gefahr für Leib und Leben besteht. Dies war jedenfalls meine Motivation und ich war davon ausgegangen, dass die beiden dies genauso sahen.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kamen sodann auf die Idee „Puppentorso“. Die beiden hatten am 13. April 1996 an einer Autobahnbrücke über der Bundesautobahn 4 in der Nähe von Jena einen Puppentorso aufgehängt. Meiner Erinnerung nach sollte der Autobahnverkehr dadurch für Stunden unterbunden werden. Deshalb hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zusätzlich eine Bombenattrappe hergestellt und in der Nähe deponiert. Dadurch sollte erreicht werden, dass die Puppe länger hängen bleibt.

Bei der Herstellung der Puppe war ich beteiligt, nicht jedoch bei der Herstellung der Bombenattrappe. Diese hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gebaut, wie sie mir berichteten. Bei der Aktion an der Autobahnbrücke war ich nicht vor Ort, sondern befand mich auf einer Geburtstagsfeier. Dass ich in der Nähe in einem Pkw gewartet hätte - daran kann ich mich nicht erinnern.

„Ich fühlte mich endlos weit getrennt von ihm“

Rückblickend betrachte ich diese „Operation’’, wie es beide nannten, als unsinnig. Es wurde nicht darauf aufmerksam gemacht, wer hinter der Aktion steht, so dass nicht ansatzweise eine Zielführung zu erkennen war - damals empfanden wir die Aktion jedoch als Erfolg. Einige Tage später trennte sich Uwe Böhnhardt von mir, worunter ich sehr litt. Als Grund für die Trennung nannte er mir, gegenüber, dass ich zu sehr klammern und ihm keine Luft lassen würde. In den folgenden Wochen war ich von beiden Uwes und der Clique getrennt, geradezu ausgeschlossen.

Meine Gefühle zu Uwe Böhnhardt waren nach wie vor sehr intensiv vorhanden. Wir sahen uns zwar - ich fühlte mich aber endlos weit getrennt von ihm.

In den folgenden Wochen versuchte ich, mich wieder der Gruppe um Uwe Böhnhardt anzuschließen und Uwe Böhnhardt für mich zurück zu gewinnen. Zu diesem Zweck mietete ich am 10. August 1996 die Garage Nr. 5 ... in Jena an. In der Vergangenheit hatten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und ich darüber gesprochen, dass man eine abgelegene Garage anmieten sollte, um dort beispielsweise Propagandamaterial zu deponieren. Das Anmieten der Garage war für mich ein voller Erfolg. Ich traf mich daraufhin wieder mit den beiden.

Die beiden brachten sodann Propagandamaterial und eine Vielzahl sonstiger Gegenstände, welche sie nicht zu Hause aufbewahren wollten, in der Garage unter. Sie befürchteten stets eine Hausdurchsuchung, so dass ihnen die Garage sehr gelegen kam. Beide deponierten darüber hinaus Schwarzpulver und TNT in der Garage. Von der Existenz des Schwarzpulvers habe ich etwa im Früh jähr/Sommer 1997 erfahren. Dass in der Garage auch TNT gelagert wurde wusste ich bis zu unserem Untertauchen am 26.01.1998 nicht.

Am 7. Oktober 1996 teilten mir beide mit, dass sie am Tag zuvor (das Datum entnehme ich der Anklageschrift, weil ich keine konkrete Erinnerung daran habe) am Sportstadion in Jena unter der Tribüne eine Holzkiste mit einer nicht funktionstüchtigen Bombenattrappe deponiert hätten. Als Grund für diese Aktion nannten sie, dass sie bei der Polizei etwas Panik verbreiten wollten. An dieser Aktion war ich, wie bereits geschildert, nicht beteiligt.

„Ich sandte mit Schwarzpulver präparierten Brief“

Am 30. Dezember 1996 sandte ich einen jeweils mit Schwarzpulver präparierten und nicht zündfähigen Brief, den Uwe Böhnhardt präpariert hatte, an die Stadtverwaltung der Stadt Jena sowie an die Thüringer Landeszeitung in Jena. An den Inhalt der beigefügten Schreiben kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Wir wollten - aus unserer damaligen Sicht - gegen die verfälschende Berichterstattung in der Presse, wofür wir auch die Stadtverwaltung verantwortlich machten, protestieren.

Ich ging damals davon aus, dass niemand durch den Brief verletzt werden kann. Die nächste von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt initiierte Aktion war das Abstellen der Kofferbombe auf dem Vorplatz des Theaterhauses in Jena. Ich war weder an der Vorbereitung noch an der Durchführung dieser Aktion beteiligt. Ich wusste von dieser Aktion, wobei ich heute nicht mehr sagen kann, ob sie mich vorher schon informierten oder erst danach. Ich habe nicht mitbekommen, wann und wo sie den Koffer gebaut hatten. Ich gehe davon aus, dass sie die Garage zu diesem Zweck benutzt hatten.

Die letzte Aktion vor unserem „Untertauchen“ fand am 26. Dezember 1997 statt. Das Datum entnehme ich wiederum der Anklageschrift. Die beiden hatten mir berichtet, dass sie auf dem Nordfriedhof in Jena einen, mit einem Hakenkreuz versehenen Koffer abgestellt hatten. An weitere Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. An diesem Tag fand eine Hausdurchsuchung in der Wohnung des Uwe Böhnhardt statt. Ihm wurde der Durchsuchungsbeschluss vorgelegt. Uwe Böhnhardt erkannte, dass sich der Durchsuchungsbeschluss auch auf die von mir angemietete Garage bezog. Während der Hausdurchsuchung ließen ihn die anwesenden Polizeibeamten gehen und Uwe Böhnhardt fuhr mit seinem Auto davon. Er rief mich an und teilte mir mit, dass die Garage aufgeflogen sei.

„Er forderte mich auf: ,Fackel ab´“

Er forderte mich wörtlich auf: „Fackel ab“. Ich weiß nicht mehr, warum ich ihm nicht gesagt habe, dass er das doch selber machen könne, weil er mit seinem Auto schneller dort sei und ich zu Fuß hingehen müsse. Ich besorgte mir jedenfalls eine leere 0,7 Literflasche und füllte diese an der Tankstelle mit Benzin. Mit der Flasche unterm Arm bin ich zur Garage gelaufen, um mit Hilfe des Benzins das dort gelagerte Propagandamaterial zu verbrennen. Ganz in der Nähe der Garage sah ich mehrere Personen, die anscheinend ihr Auto reparierten.

Dieser Umstand hielt mich davon ab, das Benzin in der Garage auszuschütten und anzuzünden. Denn ich ging aus Erzählungen der beiden davon aus, dass sich eine Menge (wie viel genau wusste ich nicht) Schwarzpulver dort befindet und ich nicht abschätzen konnte, was wohl mit den in der Nähe befindlichen Personen passiert, wenn das Benzin brennt und mit dem Schwarzpulver in Berührung kommt. Das Schwarzpulver hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Silvesterknallern entnommen. Erst in diesem Augenblick war mir der Gedanke gekommen, dass das Schwarzpulver und damit die Garage explodieren könnte.

Nach dem Anmieten der Garage hatte ich diese nur ein paar Mal betreten und am 26. Januar keine Kenntnis von den im Bau befindlichen Rohrbomben und vom TNT - dies hatten mir Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verschwiegen. Heute vermute ich, dass ich mich wohl selbst in die Luft gesprengt hätte, wenn ich das Benzin ausgeschüttet und angezündet hätte.

Unverrichteter Dinge begab ich mich in die Wohnung der Eltern des Volker H., wo ich mich mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos traf. Dort erfuhr ich, was alles in der Garage gelagert war, nämlich Schwarzpulver, TNT, Rohrbomben und Propagandamaterial. Wir machten uns Gedanken darüber, wie es sein kann, dass in dem Durchsuchungsbeschluss, der auf Uwe Böhnhardt lautete, die von mir angemietete Garage aufgeführt sein kann. Wir stellten uns die Frage, wie sich der Durchsuchungsbeschluss auf eine Garage beziehen kann, mit der Uwe Böhnhardt eigentlich – nach außen hin - nichts zu tun hatte.

„Ich ging von mehrjähriger Haftstrafe aus“

Mir war zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich als Mieterin der Garage für den dort gelagerten Sprengstoff verantwortlich gemacht werden würde. Ich ging davon aus, dass ich für die zurückliegenden Aktionen und für den in der Garage gelagerten Sprengstoff eine mehrjährige Haftstrafe würde antreten müssen. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und ich beschlossen deshalb, dass wir das Ganze erst einmal aus der Ferne beobachten. Ich dachte nicht daran, dass dieser Zustand viele Jahre andauern würde. Der Polizei stellen wollte ich mich nicht. Wie bereits angesprochen, hatte ich in der Vergangenheit nur negative Erfahrung mit der Polizei gemacht, wobei mir jedes Mal verwehrt wurde, einen Anwalt hinzuzuziehen. Deshalb traute ich mich nicht, zumal ich davon ausging, dass ich sofort eingesperrt würde.

Wir sind dann nach Chemnitz zu Thomas S. gefahren, der wie mir Uwe Böhnhardt in der Wohnung des Volker H. mitgeteilt hatte - den beiden das TNT geliefert hatte. Über Thomas S. fanden wir eine Unterkunft bei Thomas R. in der F-Straße XX in Chemnitz. Mitte Februar zogen wir dann in die Lstraße XX in Chemnitz, weil Thomas R. über die Sendung „Kripo live“ von dem Auffinden des Sprengstoffes in der Garage erfahren hatte, ihm die Angelegenheit zu heiß wurde und er uns aufforderte, uns eine neue Bleibe zu suchen.

Ende August 1998 kamen wir in einem 1-Zimmer-Appartment in der A. Straße XX in Chemnitz unter. Die anschließenden Wohnungswechsel zur W. XX in Chemnitz, zur Estraße XX in Zwickau, zur Pstraße XX in Zwickau sowie abschließend zur Frühlingstraße in Zwickau sind so wie in der Anklageschrift auf den Seiten 146 ff. dargestellt, im zeitlichen Ablauf zutreffend.

„Raubüberfall? Ich war damit einverstanden“

Ende des Jahres 1998 lebten wir bereits seit fast einem Jahr in der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Außerdem war unser Geld aufgebraucht. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt machten deshalb den Vorschlag, Geld mittels eines Raubüberfalles zu besorgen. Ich war damit einverstanden, weil auch ich keine Möglichkeit sah, legal und ohne Gefahr der Verhaftung an Geld zu kommen. Gleichzeitig hatte ich meine Überlegung in den Raum gestellt, mich der Polizei zu stellen - auch wenn dies die Trennung von den beiden bedeuten würde. Die zwei überzeugten mich, es nicht zu tun, und die Angst vor dem Eingesperrt werden und meine Gefühle zu Uwe Böhnhardt hielten mich davon ab. Bei dieser gemeinsamen Besprechung, es müsste Anfang Dezember 1998 gewesen sein, hatte ich auch zu bedenken gegeben, dass ich viel zu viel Angst hätte, mich aktiv an dem Raubüberfall zu beteiligen. Daraufhin wurde besprochen, dass die beiden „das Ding allein durchziehen’“.

Am 18. Dezember 1998 überfielen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Edeka-Markt in Chemnitz. Ich war weder an der Vorbereitung noch an der Durchführung dieses Überfalls beteiligt, habe aber insoweit davon profitiert, dass auch ich von dem erbeuteten Geld gelebt habe. Vor ihrer Rückkehr vom Edeka-Markt am 18. Dezember 1998 wusste ich nicht, dass sie genau diesen Markt überfallen und dass sie eine scharfe Pistole verwenden würden. Es war vorher nur die Rede von einer Schreckschusspistole und davon, dass beide Pfefferspray mitnehmen wollten.

„Sie wollten mich raushalten“

Ich hatte nicht gewusst, wann und von wem sie sich eine scharfe Pistole besorgt hatten und ich hatte auch nicht gewusst, was sie untereinander besprochen hatten. Sie wollten mich ganz bewusst raushalten, weil sie in mir eher eine Belastung als eine Hilfe sahen und weil sie mir auf Grund meiner geäußerten Bedenken, wie meiner Angst und meinen Gedanken, mich der Polizei zu stellen, in gewisser Weise misstraut hatten. Dies hatten sie mir zu einem späteren Zeitpunkt, wann genau weiß ich nicht mehr, deutlich zu verstehen gegeben.

An jenem Abend des 18. Dezember 1998 teilten sie mir mit, was geschehen war. Sie berichteten mir, dass sie einer Mitarbeiterin des Marktes eine Pistole „vor die Nase gehalten hätten“. Sie erzählten mir auch davon, dass sie einen Warnschuss in die Luft abgefeuert hatten, weil ihnen ein Kunde hinterher gerannt war. Ich war entsetzt darüber, dass sie eine scharfe Waffe dabei und auch benutzt hatten, von der ich nichts gewusst hatte.

Meine Vorwürfe, dass nur eine Schreckschusspistole besprochen worden sei, wurden lapidar abgetan. Auch auf mehrfache Nachfrage, woher sie diese Pistole hatten, erhielt ich keine konkrete Antwort. Sie verwahrten diese Pistole anschließend in der Schublade des Schrankes - ich hatte sie nicht einmal in die Hand genommen.

„Ihre Einstellung: ,Wir haben es verkackt`“

Während der ersten Wochen, des Jahres 1999 sprach ich mehrfach das Thema an, das Untertauchen abzubrechen. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lehnten dies jedoch kategorisch mit der Begründung ab, dass dies nach dem Überfall vom 18.12.1998 keine Überlegung mehr wert sei. Sie hatten damit abgeschlossen, in ein bürgerliches Leben zurückzukehren. Uwe Mundlos hatte sein Vorhaben, sich auf das Abitur am Ilmenau-Kolleg vorzubereiten, aufgegeben. Sie wollten, „nicht in den Knast“ und sie wollten sich nicht stellen. Ihre Einstellung war auch ihrer wiederholten Bemerkung zu entnehmen: „Wir haben es verkackt“, womit ihr gesamtes Leben gemeint war.

Für sie sollte das weitere Leben mit Überfällen finanziert werden, wobei sie an eine Auswanderung nach Südafrika dachten und dafür Geld besorgen wollten. Ich konnte mich mit diesem Gedanken nicht anfreunden und wandte mich deshalb am 7. März 1999 an Herrn Rechtsanwalt E. in G, der in der rechten Szene als hervorragender Rechtsanwalt bekannt war. Soweit ich mich erinnern kann, wurde er mir damals von Tino Brandt empfohlen. Ich vertraute ihm unsere Aktionen in den Jahren 1996/1997 und 1998 an. Ich berichtete ihm ebenfalls von der von mir angemieteten Garage nebst Inhalt sowie vom Überfall auf den Edeka-Markt am 18. Dezember 1998. Rechtsanwalt E. teilte mir mit, dass bei einem Raubüberfall unter Verwendung einer Waffe eine Mindeststrafe von fünf Jahren Freiheitsstrafe bestehe und dass ich insgesamt mit einer Freiheitsstrafe zwischen acht und zehn Jahren rechnen müsste. Er wolle jedoch zunächst einmal Akteneinsicht beantragen.

Rechtsanwalt E. teilte mir einige Wochen später telefonisch mit, dass die Akteneinsicht abgelehnt worden sei. Im Oktober 1999 hatte er nochmals bei der Staatsanwaltschaft nachgefragt und die Akteneinsicht wurde wiederum abgelehnt. Etwa Anfang November 1999 nahmen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt telefonischen Kontakt zu Tino Brandt auf. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir natürlich nicht, dass er V-Mann des Verfassungsschutzes war. Die beiden wollten von ihm erfahren, ob er eine Unterkunft in Deutschland oder im Ausland vermitteln könne.

Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wollten nach Südafrika, ich wollte Deutschland auf keinen Fall verlassen. Bei diesem Telefongespräch erwähnte Tino Brandt, dass für die beiden mindestens zehn Jahre Knast im Raum stehen würden. Beide informierten mich gleich nach dem Gespräch. Bis heute weiß ich nicht, auf Grund welcher Information oder Vermutung Tino Brandt diese Prognose mitteilte.

„Mir war klar, dass es kein Zurück mehr gab“

Nach diesem Telefongespräch suchte ich Herrn Rechtsanwalt E. erneut in seiner Kanzlei auf, und zwar noch im November 1999. Er teilte mir mit, dass es wohl sehr heftig werden würde. Mit dieser Information war mir klar, dass ich mich der Polizei nicht stellen konnte und dass ich weiterhin so werde leben müssen, wie in den vergangenen zwei Jahren. Dies stand für mich nach der anwaltlichen Beratung auch deshalb endgültig fest, nachdem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 06.10.1999 die Post in der Barbarossastraße in Chemnitz und am 27.10.1999 die Post in der Limbacher Straße in Chemnitz überfallen hatten. Auch von diesen zwei Raubüberfällen hatte ich Herrn Rechtsanwalt E. im Gespräch im November 1999 berichtet.

Mit der Information des Rechtsanwalts hatte ich keinen Zweifel daran, dass ich nun mit zehn Jahren Freiheitsstrafe rechnen musste, sollte ich mich der Polizei stellen. Vor dem erwähnten zweiten Gespräch mit Herrn Rechtsanwalt E. hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 6.10.1999, wie dargelegt, die Post in der Barbarossastraße in Chemnitz und am 27.10.1999 die Post in der Limbacher Straße in Chemnitz überfallen. Weder an der Vorbereitung noch an der Durchführung dieser Raubüberfälle war ich beteiligt. Die beiden hatten mich erst nach der jeweiligen Durchführung informiert, dass sie beim Verlassen der Bank Tränengas aus einer Dose versprüht hätten, damit eine „Nebelwand“ entsteht, um eine Verfolgung zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Diese zwei weiteren Überfälle im Hinterkopf und die zweite Beratung des Rechtsanwalts E. noch im Ohr war mir völlig klar, dass es kein Zurück mehr ins bürgerliche Leben gab. Zehn Jahre Gefängnis waren für mich unvorstellbar.

Meine Überlegungen waren, dass ich nicht nur für die Aktionen vor unserem Untertauchen, sondern auch für die drei Überfälle verurteilt werden würde - allein deshalb, weil ich mit den beiden in einer Wohnung im Verborgenen lebte. Man würde mir nicht glauben, dass ich an der Planung und Durchführung nicht beteiligt gewesen war.

„Verbrachten die Zeit mit Computerspielen und Sport“

Zwischen dem 28.10.1999 und dem 9.9.2000 [der Tag, an dem in Nürnberg Enver Şimşek das mutmaßlich erste Mordopfer des NSU wurde, Anm. d. Red.] passierte nichts Erwähnenswertes, außer, dass wir im Juli 2000 von der W XX in Chemnitz in die Hstraße XX in Zwickau umzogen und die Zeit mit Computerspielen und sehr viel Sport verbrachten. Der Umzug erfolgte aus Angst vor Entdeckung, ohne dass ein besonderer Grund bestanden hätte.

Am 30.11.2000 überfielen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Post in der Johannes-Dick-Straße in Chemnitz. Erst kurz vor Verlassen der Wohnung informierten sie mich, dass sie „Geld besorgen“ würden. An der Planung und Durchführung der Aktion war ich nicht beteiligt. Ich wusste nicht, ob sie die Pistole mitgenommen hatten, vermutete aber, dass sie sowohl die Pistole als auch Reizgas dabei hatten.

Nach ihrer Rückkehr wurde ein Großteil der Beute separat in der Wohnung versteckt, weil Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt immer noch die Idee hatten, nach Südafrika auszuwandern. Vor dem 9. September 2000 gab es zwischen mir und Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt keinerlei Gespräche darüber, was an diesem Tag in Nürnberg passieren sollte. Ich wusste von Nichts. Ich hatte keinerlei Vorbereitungshandlungen mitbekommen.

Wir waren nicht von morgens bis abends ständig zusammen. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verließen des Öfteren die Wohnung, ohne mir konkret mitzuteilen, wohin sie gingen und was sie vorhatten. Auch ich bin des Öfteren losgezogen, um Besorgungen zu machen oder einfach joggen zu gehen. Ich hatte weder eine Pistole der Marke Ceska noch der Marke Bruni in der Wohnung gesehen. Ich hatte auch nicht mitbekommen, wann und wie sie sich diese besorgt hatten. Als sie Anfang September 2000 fortfuhren, wusste ich nicht, was sie vorhatten. Ich hatte vermutet, dass sie einen Raubüberfall planten. Nach ihrer Rückkehr teilten sie mir nur lapidar mit, dass „nichts los gewesen sei“.

„Mundlos sagte, er will ,knallenden Abschluss´“

Erst Mitte Dezember 2000, während der Adventszeit, erfuhr ich von den Geschehnissen am 9.9.2000. Ich weiß nicht, ob es an der Stimmung zur Weihnachtszeit lag, jedenfalls merkte ich an den Blicken des Uwe Mundlos, dass etwas nicht stimmte. Ich sprach ihn darauf an, was mit ihm los sei und er berichtete mir, was rund drei Monate zuvor passiert war.

Ich war geschockt. Ich konnte nicht fassen, was die beiden getan hatten, Ich bin daraufhin regelrecht ausgeflippt. Ich wusste nicht, wie ich auf diese unfassbare Tat reagieren sollte. Auf meine massiven Vorwürfe, wie man so etwas tun könne, reagierte Uwe Mundlos lediglich dahingehend, dass „eh alles verkackt sei“ und dass er es zum „knallenden Abschluss“ bringen wolle. Was er damit meinte, erfuhr ich kurze Zeit später von Uwe Böhnhardt.

Uwe Mundlos erwiderte, dass sie - gemeint sind Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - genau gewusst hätten, wie ich reagieren würde und dass sie mir deshalb drei Monate lang nichts gesagt hätten. Ich konnte nicht glauben, was mir Uwe Mundlos erzählt hatte. Schließlich wusste ich, dass Uwe Böhnhardt sein eigenes Blut nicht sehen konnte. Ich erinnere mich daran, dass er sich einmal mit einem Messer in den Finger geschnitten hatte und ihm dabei schwindelig wurde und er sich sogar hinsetzen musste, weil sein Kreislauf nicht mehr mitspielte.

„Zu Gründen erhielt ich keine klare Antwort“

Ich stellte Uwe Böhnhardt zur Rede. Dieser bestätigte mir den Geschehensablauf mit der gleichen Begründung, wie ich ihn zuvor von Uwe Mundlos erfahren hatte. Auf meine Frage, warum sie einen Menschen getötet hatten, erhielt ich keine klare Antwort. Es wurden Argumente vorgetragen wie: Perspektivlosigkeit, Gefängnis und insgesamt bestehende Frustration. Für mich waren dies keine nachvollziehbaren Erklärungen. Es wurde mit keinem Wort erklärt, dass der Mord politisch motiviert gewesen sei.

Beide berichteten mit keinem Wort, dass Enver Simsek deshalb sterben musste, weil er Ausländer war. Bis zum heutigen Tag weiß ich die wahren Motive der beiden nicht, und ich schließe nicht aus, dass sie mir nicht die Wahrheit gesagt haben, was ihre wahren Motive waren. Gedanken, sich öffentlich zu dieser Tat zu bekennen oder sich damit zu brüsten oder damit öffentlich zu politisieren, wurden nicht mit einem Wort erwähnt.

Mit dem Umstand konfrontiert, dass ich nun auch in einen Mord verwickelt war, eröffnete ich den beiden, dass ich mich der Polizei stellen wolle. Angesichts der drohenden langjährigen Freiheitsstrafe wegen der Raubüberfälle war ich mir zwar nicht im Klaren, ob ich mich tatsächlich stellen würde, wollte den beiden aber klar machen, dass ihr Handeln für mich inakzeptabel und unerträglich war.

„Sie überraschten mich mit Selbstmord-Idee“

Sie überraschten mich mit der Erklärung, dass sie sich in diesem Fall selbst töten wollten. Sie hätten miteinander besprochen und sich gegenseitig geschworen, sich niemals von der Polizei festnehmen zu lassen. Sie hätten sich geschworen, dass sich beide „die Kugel geben würden“. Sollte dies, aus welchen Gründen auch immer, misslingen so sollte zunächst der eine den anderen und dann sich selbst erschießen.

Wenn ich also zur Polizei gehen, die beiden dadurch entdeckt und ihre Verhaftung drohen würde, so wollten sie sich der Verhaftung auf diese Weise entziehen. Hintergrund dieses Vorhabens war wohl auch die Information durch Uwe Böhnhardts Mutter, ihr habe ein Polizist mitgeteilt, dass die beiden erschossen würden, sollten sie sich der Verhaftung widersetzen.

Sie zeigten mir die Pistole, die sie am 9.9.2000 verwendet hatten. Ich weiß nicht, ob es die gleiche Pistole war, die sie am 18. Dezember 1998 verwendet hatten. Ich vermute, dass es eine andere Pistole war. Uwe Böhnhardt hatte die Pistole, so berichtete er, in seinem Zimmer im Schrank versteckt. Ich stand vor einem, für mich unlösbaren Problem: sollte ich mich der Polizei stellen und die langjährige Haftstrafe in Kauf nehmen, so müsste ich wahrscheinlich den Tod der beiden einzigen Menschen, die mir neben meiner Oma lieb waren, auf mein Gewissen nehmen. Bei einer Veröffentlichung meines Bildes würden mich die Nachbarn erkennen und die beiden zwangsläufig in den Verdacht der Mittäterschaft geraten.

Beide übten Druck auf mich aus, dass sie den Freitod wählen würden, wenn ich mich der Polizei stellen würde, weil ihre eigene Verhaftung sonst nur eine Frage der Zeit sein würde. Ich hätte ihren Aufenthaltsort zwar niemals verraten, aber ihren Worten war unmissverständlich zu entnehmen, dass sie mir zwar vertrauten, aber eben nicht zu 100 Prozent. Mir war bewusst, dass es nun für ein „Aussteigen“ definitiv zu spät war - dafür sah ich keine Chance mehr. Ich wusste nicht, ob die beiden des Mordes überführt würden. In diesem Fall würde auch ich im Verdacht stehen, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Uwe Mundlos wollte mir zwar schriftlich bestätigen, dass ich mit der Sache nichts zu tun hatte - aber welchen Beweiswert sollte ein solches Schriftstück haben?

„Nach diesem Gespräch war die Stimmung eisig“

Nach diesem Gespräch kann ich die Stimmung unter uns nur als eisig beschreiben. Die beiden waren einige Tage vor dem Weihnachtsfest nicht in unserer Wohnung. Sie waren ohne Verabschiedung weggefahren und hatten mir nicht gesagt, was sie vorhatten. Das Weihnachtsfest wurde nicht gefeiert, es wurden keine Geschenke ausgetauscht und Silvester verbrachte ich alleine in der Wohnung. Auch mein Geburtstag am 2. Januar wurde nicht gefeiert und beide gratulierten mir nicht.

In den folgenden Wochen wurde nur das Nötigste gesprochen. So erfuhr ich vom Bombenanschlag in der Probsteigasse in Köln erst, als ich sie nach Berichten in der Presse darauf an sprach, ob sie etwas damit zu tun hätten. Vor der heftigen Diskussion Mitte Dezember 2000 hatte ich mehrfach mitbekommen, dass die beiden über Köln sprachen.

Beide berichteten mir, dass sie die Aktion vor Weihnachten vorbereitet hätten. Uwe Böhnhardt habe die Bombe in seinem Zimmer gebaut und nach unserer intensiven verbalen Auseinandersetzung hätten sie diese nach Köln verbracht. Es war Uwe Böhnhardt, der den Korb mit der Bombe im Geschäft deponierte, während Uwe Mundlos in Sichtweite vor dem Geschäft gewartet hatte.

„Sie sagten, sie hätten Bock auf Anschlag gehabt“

Ich hatte vom Bau der Bombe nichts mitbekommen. Auf meine entsprechende Nachfrage erfuhr ich, dass sie arbeitsteilig tätig waren, wenn ich zum Joggen unterwegs war und sie wussten, dass ich e