Israel-Besuch

Gauck zeigt Verständnis für Sicherheitsbedürfnis Israels

Historischer Besuch im Heiligen Land: Bundespräsident Joachim Gauck würdigt die 50 Jahre dauernden Beziehungen zwischen beiden Staaten.

Bundespräsident Joachim Gauck und der israelische Präsident Reuven Rivlin verstehen sich auch persönlich gut.

Bundespräsident Joachim Gauck und der israelische Präsident Reuven Rivlin verstehen sich auch persönlich gut.

Foto: Abir Sultan / dpa

Jerusalem.  Es gab schon einfachere Zeiten im deutsch-israelischen Verhältnis, aber ausgerechnet die Welle von islamistischem Terror lässt eine neue Form von Nähe entstehen. Bundespräsident Joachim Gauck steht in einem Saal der Hebräischen Universität von Jerusalem, gleich bekommt er die Ehrendoktorwürde verliehen, aber erst mal hat er eine Botschaft an seine Gastgeber: „Ich spüre es an mir selbst: Jetzt, wo der Terror näher an uns in Westeuropa heranrückt, kann ich besser jene Bedrohung erfassen, in der die Israelis seit Jahrzehnten leben.“

Israel verärgert über die Kennzeichnungspflicht

Die Gefahr von Terror und Gewalt betreffe nicht nur die Bürger Europas, auch in Israel hätten sie „wieder Angst und Misstrauen wach werden lassen“, sagt Gauck mit belegter Stimme. Es verletze auch in Deutschland, wenn es zu furchtbaren Attacken gegen Israelis komme. Die Präsidentenworte sind Labsal auf die Seelen der Zuhörer, die sich von ihren Nachbarn im Nahen Osten bedroht fühlen, sich vom Westen mehr Verständnis wünschen – und die gerade jetzt eine Zunahme palästinensischer Attacken erleben, die womöglich in eine dritte Intifada mündet. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin nimmt die Worte auf. Er spricht von religiöser Gewalt in den Straßen Europas und Jerusalems und ruft seinem Gast zu: „In Zeiten von Terror und Krieg müssen wir zusammenhalten.“

Die düsteren Töne passen eigentlich gar nicht zum Anlass von Gaucks zweitem Besuch in Israel. Der Bundespräsident wollte doch vor allem einen offiziellen Schlusspunkt setzen unter die Jubiläumsfeiern zu 50 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel. Zusammen mit Rivlin hat er ein Bach-Konzert des Thomanerchors und des Gewandhausorchesters Leipzig in Tel Aviv besucht, am Tag darauf macht ihn die Universität in Jerusalem zum Ehrendoktor.

Der so Geehrte lobt die deutsch-israelische Freundschaft tief bewegt als wundervolles Geschenk, das nie selbstverständlich werden dürfe. Später versichert der Präsident seinen Gastgebern: „Wir Deutsche bleiben an ihrer Seite.“ Deutschland sei in „unverbrüchlicher Verbundenheit“ Verteidiger des Selbstbestimmungsrechts und Lebensrechts Israels. Es ist eine bedeutsame Geste, den Terror nun zu einer gemeinsamen Erfahrung zu erklären – die im besten Fall das gegenseitige Verständnis stärkt und politische Differenzen einebnet. Gauck zeigt Verständnis für das Sicherheitsbedürfnis seiner Gastgeber, nur vorsichtig äußert er seinen Wunsch, Juden und Palästinenser sollten die endlose Spirale der Gewalt endlich durchbrechen.

Differenzen brachen am Sonntag auf

Die wirklichen Differenzen brechen am Sonntagmorgen auf, als es beim Frühstück mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu um tagespolitische Fragen geht. Aktuell ist Israel verärgert über die von der EU eingeführte Kennzeichnungspflicht für israelische Produkte aus den Siedlungsgebieten, die auch Deutschland nicht verhindert hat. Netanjahu spricht nach Teilnehmerangaben von einem „Boykott“, Gauck weist das zurück. Aber auch Deutschlands Drängen auf eine Zweistaatenlösung, die in Israel derzeit nicht ernsthaft verfolgt wird, und die Kritik an der israelischen Siedlungspolitik sind Teil der Meinungsverschiedenheiten.

Und dann ist da das Atomabkommen mit dem Iran, das unter Beteiligung Deutschlands ausgehandelt wurde und das Israel als gefährlich kritisiert. Gauck wirbt um Verständnis und versichert, die Bedrohung werde durch das Abkommen nicht größer, sondern geringer. „Es geht nicht gegen Israel“, sagt der Präsident. Von einem offenen, aber entspannten Gespräch mit Netanjahu ist später die Rede, an einem Streit hat niemand Interesse.

Gauck selbst belässt es danach beim öffentlichen Hinweis, wenn Israel die sozialen Verhältnisse in den Palästinensergebieten verbessere, könne dies eine neue Basis für Gespräche sein – Netanjahu indes hat ihm da keine Zusagen gemacht. In immer neuen Wendungen versichert der Bundespräsident, die deutsch-israelische Freundschaft und das gegenseitige Vertrauen seien inzwischen so gewachsen, dass sie auch solche Differenzen aushielten.

Gaucks politische Erwartungen waren ohnehin gedämpft: Die Aussichten auf eine Friedenslösung in Nahost sind derzeit noch schlechter als bei seinem ersten Besuch 2012, eigentlich tendieren sie derzeit gegen Null. Mit der Einstimmenmehrheit seiner rechtsreligiösen Koalition kann Netanjahu kaum einen Kurswechsel einleiten, auch von US-Präsident Obama sind in seinem letzten Amtsjahr keine Impulse für Friedensverhandlungen zu erwarten.

So gern Gauck wohl vermitteln würde: Er beschränkt sich diesmal lieber auf die Demonstration von Verständnis. Da ist es ein Glücksfall im Jubiläumsjahr, dass Gauck und Staatspräsident Rivlin rasch ein herzliches Verhältnis zueinander gefunden haben. So kommt es jenseits der politischen Gespräche zu berührenden Gesten: Ob beim Konzert oder beim Empfang mit militärischen Ehren, die beiden Staatsoberhäupter umarmen sich und lachen immer wieder miteinander.

Gauck hatte in der DDR kaum Kontakt zu Juden

Rivlin erinnert daran, wie er als Student vor 50 Jahren gegen die Ankunft des ersten deutschen Botschafters demonstriert hat. Jetzt schließe sich für ihn ein Kreis. „Deutschland und Israel sind in Schmerz und Hoffnung vereint“, sagt Rivlin. Gauck berichtet in der Universität von seiner späten Annäherung an Israel, nachdem er in der DDR kaum Kontakt zu Juden gehabt habe. „Tastende Begegnungen auf dünnem Eis“ habe er nach 1990 gehabt. Die Vergangenheit werde wohl nie völlig gelöscht sein können, erklärt Gauck.

Dann legt er sein Manuskript beiseite und schildert, wie sehr ihn am Vorabend das Bekenntnis seines Gastgebers Rivlin zur Freundschaft beider Staaten berührt habe. „Ich habe gedacht, was ist da los, dass wir es Freundschaft nennen können“, sagt der Präsident leise. „Es ist ein Wunder – an dem viele gearbeitet haben.“

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