Studie

Forscher setzen sich für ein jüngeres Wahlalter ein

Wer mit 16 seine Stimme abgibt, bleibt oft auf Dauer politisch aktiv. Eine Bertelsmann-Studie schlägt die Absenkung des Wahlalters vor.

Foto: dpa Picture-Alliance / Tim Brakemeier / picture-alliance / dpa

Berlin/Gütersloh.  Was hilft gegen Wahlmüdigkeit? Seit Jahren diskutiert das Land darüber, wie man die Nicht-Wähler an die Urnen locken und die Wahlbeteiligung wieder steigern kann. Für die Bertelsmann Stiftung ist die Sache klar: Senkt das Wahlalter! In einer neuen Studie haben die Gütersloher Forscher ausgerechnet, dass „Wählen ab 16“ die Wahlbeteiligung in den nächsten Jahrzehnten dauerhaft erhöhen könnte.

Bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 gingen nur noch rund 70 Prozent der Erwachsenen zur Wahl, bei Landtagswahlen blieb zuletzt jeder Zweite zu Hause. Mit Blick auf die jungen Wähler gibt es dabei einen doppelten Effekt: Es gibt nicht nur demografisch immer weniger von ihnen, sie beteiligen sich auch weniger als die Älteren: Bei der letzten Bundestagswahl machten fast 80 Prozent der Deutschen über 60 Jahre ihr Kreuzchen, bei den Jungwählern zwischen 18 und 20 Jahren waren gerade mal 64,2 Prozent.

Motivierte Erstwähler sind auch bei kommenden Wahlen dabei

Forscher erklären das zum Teil mit den Lebensumständen: Der erste Wahlaufruf erreicht die jungen Deutschen heute in ihrer mobilsten Lebensphase. Sie beenden die Schule oder die Ausbildung, sie ziehen von zu Hause aus, wechseln die Stadt, beginnen ein Studium oder unterschreiben ihren ersten Arbeitsvertrag. „Wer bei seiner ersten Wahl kein Kreuz setzt, verpasst häufig auch die folgenden Wahltermine“, sagt Robert Vehrkamp, Demokratieforscher bei der Bertelsmann Stiftung.

Ein motivierter Erstwähler dagegen werde auch bei den kommenden Wahlen mitmachen. „Wenn wir es schaffen, Jugendliche früher und häufiger zur Wahl zu motivieren, würde sich langfristig auch die Gesamtwahlbeteiligung steigern“, sagt Vehrkamp. Das heißt: „Wählen ab 16“ allein reicht nicht aus – der Effekt entsteht erst dann, wenn gleichzeitig auch die Beteiligung der Jungwähler deutlich wächst. Laut Bertelsmann Studie würde jedoch bereits eine Steigerung um ein Drittel die Wahlbeteiligung langfristig wieder auf knapp 80 Prozent erhöhen.

16-Jährige lassen sich noch besser in der Schule erreichen

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Anders als die meisten 18-Jährigen sind die 16-Jährigen noch gut über die Schule zu erreichen. Lehrer sind zudem oft die einzigen, mit denen gerade Jugendliche aus sozial schwachen Milieus über die Spielregeln der Demokratie sprechen. Neben sozial starken Milieus, in denen 80 bis 90 Prozent der Bürger zur Wahl gehen und diese Tradition auch an ihre Kinder vermitteln, haben sich vielerorts in den vergangenen 20 Jahren stabile Nichtwähler-Milieus entwickelt, mit Familien, in denen Wählen überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Acht Bundesländer haben mittlerweile Erfahrungen mit 16-jährigen Erstwählern auf kommunaler Ebene. In Hamburg, Bremen und Brandenburg dürfen Minderjährige sogar die Landesparlamente mitbestimmen. In Österreich können 16-Jährige seit 2007 den Nationalrat wählen. In Deutschland sind SPD, Grüne und Linke offen für eine Änderung, die Union dagegen lehnt eine Absenkung des Wahlalters bei Bundestagswahlen nach wie vor ab: „So ein wichtiges demokratisches Recht sollte genau wie beim Heiraten oder bei wichtigen Verträgen an die Volljährigkeit geknüpft bleiben“, sagte Vize-Fraktionschefin Nadine Schön (CDU) der Berliner Morgenpost.

In der Bevölkerung wächst die Zustimmung

Auch in der Bevölkerung wächst die Zustimmung zum „Wählen ab 16“ bei Bundestagswahlen nur langsam. Im September sprachen sich knapp acht von zehn Deutschen in einer Allensbach-Umfrage für die Beibehaltung des jetzigen Mindestwahlalters von 18 Jahren aus. Bei den 16- und 17-Jährigen allerdings war jeder Zweite dafür.

CDU-Politikerin Schön bleibt skeptisch: „Wenn ich Schulklassen besuche und über das Wählen mit 16 abstimmen lasse, gibt es jedes Mal eine breite Mehrheit, die das nicht will. Viele sagen: Politik ist noch nicht das, was uns interessiert. Viele fühlen sich aber auch noch nicht bereit dafür.“ Noch nie sei eine Klasse dabei gewesen, die gesagt habe: „Senkt das Wahlalter ab!“

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