Kommentar

Das Massaker von San Bernardino ist eine Zäsur

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Dirk Hautkapp
Die Menschen gedenken den Opfern von San Bernardino.

Die Menschen gedenken den Opfern von San Bernardino.

Foto: SANDY HUFFAKER / REUTERS

Das Attentat in San Bernardino ist eine Wende: Der Terror hat endgültig privatisiert. Überwachung und Metall-Detektoren helfen nicht.

Washington.  Wenn es das Ziel der Massenmörder des „Islamischen Staates“ sein sollte, die zivilisierte Welt an den Rand der Verzweiflung zu treiben, dann sind die Apokalyptiker in dieser Woche in Amerika einen bedenklich großen Schritt weiter gekommen.

Das Land, seit der Katastrophe des 11. September 2001 überwachsam und wehrhaft, hat mit vielem gerechnet. Aber nicht mit einer jungen muslimischen Mutter, die neben dem Wickeltisch Rohrbomben baut, an Schnellfeuergewehren hantiert und am Ende aus dem Nichts heraus mit ihrem Ehemann eine Weihnachtsfeier in einen Privat-Dschihad mit 14 Toten verwandelt.

Das Massaker in Kalifornien stellt eine Zäsur dar, die erst langsam ins Bewusstsein einsickert. Der Terror hat endgültig privatisiert. Er bildet wie ein bösartiger Krebs immer neue Metastasen, gegen die keine Telefon-Überwachung und kein Metall-Detektor hilft.

Übersprungshandlungen sind programmiert

Wie konspirativ das Mörder-Paar sein Drehbuch in die Tat umsetzte, führt vor Augen, dass der radikal-islamistisch inspirierte Hass auf den Westen weder Hauptquartier, Truppen noch Marschbefehl benötigt. Ein nach außen unauffällig wirkendes kleines Einwanderer-Glück reicht aus. Nach der Explosion der wandelnden Zeitbomben fragt sich Amerika: Wie viele Syed Farooks und Tashfeen Maliks leben denn noch unter uns?

Weil die Antwort darauf unmöglich zu geben ist, sind Übersprungshandlungen programmiert. Syrische Flüchtlinge aufzunehmen, und seien es auch nur 10 000, um den ächzenden Europäern ein wenig Solidarität zu zeigen, wird sich die Regierung von Barack Obama kaum mehr gestatten.

Die Panikmache der vergangenen Wochen, die soweit ging, von Terror-Importen zu sprechen, hat nach San Bernardino eine Referenzmarke. Politiker, die jetzt noch von humanitären Verpflichtungen und dem Grundvertrauen reden, das zunächst jeder Fremde bis zum Beweis des Gegenteils verdient, müssen öffentlich mit Abstrafung rechnen. Denn in Tashfeen Malik hat das Gegenteil furchtbare Gestalt angenommen. Für die Flüchtlings-, Einwanderungs- und Visa-Politik der USA ein Alptraum. Eine ängstliche Abschottungs-Mentalität wird langfristig die Folge sein.

IS will Zwietracht säen

Dass so der Einzelfall zum Generalverdacht umgebogen wird, dass sich Muslime und Mehrheitsgesellschaft bis zur offenen Feindseligkeit schleichend voneinander entfremden, ist exakt das Ziel, das die Mordbrenner des IS, die weder Staat noch islamisch sind, verfolgen. Die Geiselnehmer des Islam wollen Zwietracht säen und den Frust der Ausgegrenzten zu ihrer Waffe machen.

Tappt Amerika in diese Falle? In der kontaminierten politischen Debatte haben Scharfmacher wie Donald Trump die Oberhand gewonnen. Grau-Töne unerwünscht. Der Umfragen-Liebling unter den republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten wirbt für die Überwachung von Moscheen, eine Sonder-Datei für Muslime und die Abschiebung von Flüchtlingen aus islamischen Ländern. Seine Hetz-Agenda trifft bei vielen verunsicherten Wählern auf Resonanz. Der radikale Islam, die Sorge um die nationale Sicherheit ist das heißeste Thema im Wahlkampf geworden. Und Präsident Obama, der um Besonnenheit wirbt, ein Getriebener der Ereignisse.

„New York Times“ druckt historischen Kommentar

Sein Versuch, San Bernardino ohne zu verharmlosen in den größeren Zusammenhang der viel zu laxen Waffengesetze zu stellen, wird vor dem pseudo-religiösen Hintergrund der Tat als weltfremd verächtlich gemacht. Dass der Präsident nichts als recht hat, geht im allgemeinen Geschrei unter.

In einem flammenden Kommentar auf Seite eins, dem ersten an dieser prominenten Stelle seit fast 100 Jahren, wollte sich Amerikas Leitmedium gestern darüber hinwegsetzen. Die „New York Times“ wies nach, warum die von vielen Wählern und den meisten Kongress-Abgeordneten geduldete freie Verfügbarkeit kriegsähnlicher Waffen und Munitions-Magazine, wie sie das Terror-Paar in Kalifornien benutzte, eine „nationale Schande“ ist.

Eliten und aufgeklärte Bürger nickten heftig. Aus Angst vor schärferen Gesetzen ging das breite Volk – wie nach jedem Massaker – ins nächste Waffengeschäft.

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