Anschlag

FBI stuft Attentat in San Bernardino als Akt des Terrors ein

Das Massaker in San Bernardino war wohl islamistisch motiviert. Laut Ermittlern lobte die Attentäterin auf Facebook IS-Chef al-Baghdadi.

Polizeichef Jarrod Burguan (lniks) vermutet, dass die Attentäter von San Bernardino noch weitere Taten geplant hatten. David Bowdich (rechts), stellvertretender Direktor des FBI-Büros in Los Angeles, nannte das Attentat einen „Akt des Terrors“.

Polizeichef Jarrod Burguan (lniks) vermutet, dass die Attentäter von San Bernardino noch weitere Taten geplant hatten. David Bowdich (rechts), stellvertretender Direktor des FBI-Büros in Los Angeles, nannte das Attentat einen „Akt des Terrors“.

Foto: ALEX GALLARDO / REUTERS

Washington.  Nach außen angepasst und unauffällig, innerlich zerrissen und zum Äußersten entschlossen: Nach dem Bomben-Attentat auf den Marathon-Lauf von Boston vor drei Jahren mussten die US-Geheimdienste bei den islamistisch motivierten Attentätern Dschohar und Tamerlan Zarnajew einräumen, ein Doppelleben übersehen zu haben. Es gab genügend Hinweise auf die Hinwendung der in Amerika groß gewordenen Brüder aus dem Kaukasus zum militanten Islam.

Bei Syed Farook (28) und seiner Frau Tashfeen Malik (27), die am Mittwoch nahe Los Angeles in Kampfanzüge gekleidet mit Schnellfeuergewehren bei einer Weihnachtsfeier 14 Menschen töteten und 21 verletzten, liegen die Dinge völlig anders. Wo der Hass und die Hinterhältigkeit wurzeln, die das muslimische Ehepaar in wenigen Minuten kaltblütig auslebte, ist für die Ermittler auch drei Tage danach immer noch ein Rätsel. Das FBI stuft die Tat als „Akt des Terrors“ ein. Zugleich geht die US-Bundespolizei aber auch davon aus, dass die Täter keine Verbindungen zu Terrornetzwerken hatten.

Ehefrau des Todesschützen soll IS-Chef gelobt haben

12 der 14 Opfer waren Kollegen von Farook, der seit fünf Jahren als Restaurant-Inspekteur beim Landkreis San Bernardino arbeitete. Der erste Verdacht, dass lange aufgestaute Frustrationen am Arbeitsplatz das Massaker ausgelöst haben könnten, tritt aber vorläufig in den Hintergrund. Und damit auch die Debatte über die Mitverantwortung der losen Waffengesetze für die Tragödie. Stattdessen häufen sich Indizien, dass der 1987 in Amerika geborene Sohn pakistanischer Einwanderer und seine ebenfalls aus Pakistan stammende Frau „einen Racheakt verübt haben könnten, der vom Geist des weltweiten Dschihads inspiriert war“, heißt es vorsichtig in Sicherheitskreisen in Washington.

Nach Medienberichten soll die Ehefrau des Todesschützen Syed Farook am Tag vor dem Massaker in San Bernardino in einer Erklärung auf Facebook dem Islamischen Staat (IS) die Treue geschworen und IS-Chef al-Baghdadi gelobt haben. Regierungskreise in Washington haben das inoffiziell bestätigt. Das Posting ist inzwischen gelöscht. Laut Ermittlern ist dieses Faktum der erste „härtere Beleg“ für einen möglichen islamistischen Terror-Hintergrund – aber noch kein endgültiger Beweis.

Für den seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ins Gigantische gewachsenen Anti-Terror-Apparat wäre das im Falle einer Bestätigung der Alptraum schlechthin. „So ein Gespann ist uns noch nie untergekommen“, sagte ein ehemaliger Geheimdienstler, „auf diesen Selfmade-Terror sind wir einfach nicht vorbereitet.“

Laut Polizeichef waren weitere Taten geplant

Das Paar war kurz nach dem Massaker in einem kommunalen Sozialzentrum nach einer Verfolgungsjagd im Auto von zwei Dutzend Polizisten gestellt und getötet worden. Bei der Durchsuchung der Mietwohnung der Täter entdeckten die Fahnder eine Werkstatt zum Bau von selbstgebastelten Bomben, wie man sie im Internet in Terror-Propaganda-Magazinen findet. Fast 20 Sprengkörper, die per Fernbedienung hätten gezündet werden können, wurden in Redlands nahe San Bernardino sichergestellt. Außerdem ein Lager mit mehreren tausend Schuss Munition. Was Polizeichef Jarrod Burguan vermuten lässt, dass nach dem Blutbad bei der Weihnachtsfeier „weitere Taten geplant waren“.

Um Verbindungen zu möglichen Hintermännern zu verwischen, hatten Farook und Malik Computer-Festplatten, Speicher-Sticks und E-Mails gelöscht sowie mehrere Mobiltelefone mit dem Hammer zertrümmert. Ihre sechs Monate alte Tochter gaben sie am Morgen des Blutbads unter einem Vorwand zum „Babysitten“ bei der Mutter Farooks ab. Öffentlich bekannte Spuren in sozialen Netzwerken, die auf die Gewaltexplosion hindeuten, gibt es bislang nicht. Dafür bestätigten Sicherheitskreise, dass Syed Farook in der Vergangenheit mehrmals via Telefon und Internet mit international bekannten Islamisten zu tun hatte, die von der Bundespolizei FBI beobachtet werden. Weil diese Kontakte aber zum einen länger zurücklägen und zum anderen nicht brisant gewesen seien, geriet Farook „nicht ausführlicher auf den Radar der Behörden“, sagten mit der Untersuchung Vertraute.

Paar hatte sich über Online-Börse kennengelernt

Nicht ausgeschlossen wird von Terror-Experten, dass der von ehemaligen Arbeitskollegen als verschlossen und unaufdringlich frömmig beschriebene Farook bei Besuchen in Saudi-Arabien mit militantem Gedankengut infiziert worden sein könnte. Die Öl-Monarchie ist die Schutzmacht des Wahabismus, einer puritanischen Lesart des sunnitischen Islam. Mehrere Attentäter des 11. September 2001 hatten saudische Wurzeln.

Auch die Theorie, dass seine Frau ihn zu dem Massaker angestiftet haben könnte, wird von FBI-Profilern verfolgt. Farook hatte sie über eine Online-Börse kennengelernt und nach einer Pilger-Reise in Mekka (Saudi-Arabien) mit nach Amerika gebracht. Im Sommer 2014 heiratete das Paar in Riverside/Kalifornien. Tashfeen Malik besaß ein gültiges Visum. Die dazu nötigen Sicherheitsüberprüfungen verliefen unauffällig.

Obwohl Farooks Elternhaus zerrüttet war (Vater Trinker, psychisch krank, gewalttätig, Mutter ließ sich scheiden), wird die Lebenssituation des jungen Paares als „solide und hoffnungsvoll“ beschrieben. Bei Farooks Jahresgehalt von 70.000 Dollar hatten sie finanziell keine Sorgen, dazu noch das junge Elternglück – kann es sein, dass sich das Paar völlig unbemerkt von der Außenwelt im heimischen Wohnzimmer schrittweise von Amerika entfremdet und ins Extreme radikalisiert hat?

Mahmood Nadvi, der Imam der Gemeinde, in der Syed Farook regelmäßig zum Gebet erschien, sagte gegenüber Reportern: „Es gab dafür überhaupt keine Anzeichen.“ Gleiches erklären Familienangehörige. Gleiches sagen Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen. Farhan Khan, Farooks Schwager, erklärt die Tragödie so: „Er war ein schlechter Mensch.“

Islam-Feindlichkeit in den USA wird zunehmen

Ob die ganze Wahrheit je ans Licht kommen wird, halten Ermittler für fraglich. Und was, wenn es eine Mischung aus persönlichem Wahn und Terrorismus war? Ein Zustand, den sich im dröhnenden Präsidentschaftswahlkampf 2016 vor allem die Republikaner zu Nutze machen wollen. Kandidaten wie Donald Trump, Ted Cruz und Chris Christie sprechen einseitig von „radikal-islamischem Terror“ und der „enorm gestiegenen Bedrohung durch den militanten Islam“.

Sie ziehen eine direkte Linie zwischen San Bernardino und den Anschlägen von Paris und stilisieren Präsident Obama als „Risiko für die nationale Sicherheit“. Leidtragende könnten Millionen Muslime in den USA sein, die nun latent unter Pauschal-Verdacht geraten. Kommentatoren fürchten schon heute: „Die Islam-Feindlichkeit in Amerika wird zunehmen.“