IS-Bedrohung

Den Finger am Abzug: Wie New York der Terrorgefahr begegnet

Die Anschläge vom 11. September haben New York tief getroffen. Umso entschlossener reagiert die Stadt nun auf die neuen IS-Drohungen.

Foto: LUCAS JACKSON / REUTERS

New York.  Nachtschwärmern, die in Manhattan Richtung Bettruhe strebten, fuhr am Sonntagmorgen nahe der Subway-Station Bowery für einen Moment der Schreck in die Glieder. Hunderte schwerbewaffnete Polizisten, Notfall-Helfer und Feuerwehrleute mit Spezialgerät waren nach Soho ausgerückt, um auf einen Terroranschlag mit einem Selbstmord-Attentäter in einer U-Bahn zu reagieren. Zum ersten Mal waren Notärzte mit Spezialkameras am Stirnband ausgerüstet. Und die Polizisten hatten Systeme dabei, die akustisch feststellen können, womit ein Attentäter schießt.

Als die Einsatzübung nach drei Stunden vorbei war, beugten sich New Yorks Polizeichef William Bratton, Bürgermeister Bill de Blasio und US-Heimatschutzminister Jeh Johnson beeindruckt und zufrieden über die 30 „Schwerverletzten“, die auf dicken, gelben Plastikplanen in ihrem Kunstblut lagen. „Wir sind sehr gut vorbereitet“, sagte Bratton, „und wir werden nicht aufhören, uns immer weiter zu verbessern.“

Sicherheitsmaßnahmen demonstrativ verstärkt

Der Drill war schon vor Monaten angesetzt worden. Nach der Tragödie von Paris bekam die Katastrophenschutz-Übung für die am 11. September 2001 so tief verwundete Metropole aber eine besondere Bedeutung.

Weil kurz nach dem Massenmord an der Seine im Internet ein Propaganda-Video der Mörder des „Islamischen Staats“ (IS) aufgetaucht war, in dem New York als nächstes Anschlagsziel ausgegeben wurde, sind die Sicherheitsvorkehrungen überall demonstrativ verstärkt worden. Wer in diesen Tagen vom quirligen Times Square aus durch die Häuserschluchten bis zur Gedenkstätte für die Anschläge von 11. September am früheren World Trade Center läuft, trifft auf einen Sicherheitsapparat, der ohne Hysterie, aber hochaufmerksam auf jeden noch so kleinen Verdacht reagiert.

Detektoren reagieren auf Radioaktivität

Sichtbarstes Indiz für die neue Qualität sind die Spezialkräfte vom „Critical Response Command“. Die nach den Anschlägen auf die Pariser Satirezeitung „Charlie Hebdo“ Anfang des Jahres ins Leben gerufene Spezialeinheit zeigt, wie weit das Militärische inzwischen in den zivilen Stadtalltag gewuchert ist.

Die bis Ende Dezember auf 530 Beamte anwachsende Truppe ist nicht nur mit halbautomatischen Schnellfeuergewehren ausgerüstet, bei denen laut Vorschrift ständig ein Finger am Abzug ruhen muss. Um nach Radioaktivität zu suchen, haben die Cops auch spezielle Detektoren dabei. Eine Konsequenz aus den Spekulationen, dass radikale Islamisten mitten in New York eine „schmutzige Bombe“ zünden könnten. Dazu kommen weitere 700 Streifenbeamte der „Strategic Response Group“, die ebenfalls besonders geschult und bewaffnet sind.

„Ich habe ein sauschlechtes Gefühl“

Für Polizeichef Bratton sind die Sonderkommandos gelebter Realitätssinn. Nach jedem größeren Anschlag weltweit habe die New Yorker Polizei die „Methoden verfeinert und angepasst“. Seit 2001 seien so 16 Terrorpläne rechtzeitig durchkreuzt worden, so Bratton – von Zyanid-Attacken auf die U-Bahn bis zu Bomben-Anschlägen auf die Börse oder die Sprengung von Tanklagern am John F. Kennedy-Flughafen. Brattons Anti-Terrorismus-Chef Chief James Waters erklärt nicht ohne Stolz: „Wir sind die am besten gerüstete Polizei Amerikas, wenn nicht der ganzen Welt.“

Die Terror-Angst nachhaltig dämpfen können solche Bekenntnisse bei den für ihre Unverwüstlichkeit bekannten New Yorkern nur bedingt. „Nach Paris habe ich zum ersten Mal ein wirkliches sauschlechtes Gefühl“, sagt Steve (37), ein Immobilienmakler, der mit Frau und Tochter in Greenwich Village lebt. Er sitzt beim Cappuccino im berühmten Caffè Reggio und spricht über die „unglaubliche Entschlossenheit der IS-Gangster, es Amerika unbedingt zeigen zu wollen“. Seit Paris meidet Steve die U-Bahn, um zur Arbeit zu kommen, denn: „Da sind wir echt verwundbar.“

Polizeichef stieg in die U-Bahn hinab

Polizeichef Bratton kennt die Sorgen. Darum stieg er kürzlich gemeinsam mit anderen Offiziellen und einigen Fernsehteams demonstrativ in die U-Bahn hinab: „Unser Transportsystem ist so sicher wie möglich. Wir dürfen uns keine Angst einjagen lassen.“

Eine Haltung, die New York am kommenden Donnerstag wieder der ganzen Welt vorleben will. Wie seit fast 90 Jahren werden dann Hunderttausende zur großen Thanksgiving-Parade an den Broadway strömen, um vor dem Truthahn-Essen gigantische, bunte Ballon-Figuren zu bestaunen. William Bratton hat dafür neben den normalen Streifenbeamten 1300 Spezialkräfte zusätzlich zum Dienst abkommandiert. Sie werden wachsam patrouillieren. Mit dem Finger am Abzug.