10-Jahre-Jubiläum

Die zehn wichtigsten Tage der Kanzlerschaft von Merkel

| Lesedauer: 6 Minuten
Miguel Sanches
Zehn Jahre ist Angela „Mutti“ Merkel nun Bundeskanzlerin.

Zehn Jahre ist Angela „Mutti“ Merkel nun Bundeskanzlerin.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Am Sonntag ist Angela Merkel zehn Jahre als Bundeskanzlerin im Amt. Wir haben die zehn wichtigste Tage ihrer Kanzlerschaft gesammelt.

Berlin.  Zehn Jahre Regierungschefin. Die erste Frau im Amt. Die erste ostdeutsche Kanzlerin. Es waren bewegende 3652 Tage für Angela Merkel. Zum Amtsjubiläum erinnert unsere Redaktion an die zehn wichtigsten Tage ihrer Amtszeit.

18. September 2005, zwei Monate vor dem Amtseid

Wahlabend mit Fotofinish-Finale zugunsten der Union. Merkel hat mit ihrem liberalen Programm die Wähler verkannt. Die wollen keine Reformen, wenn doch, dann vom Original – Gerhard Schröder. Der sitzt mit ihr im TV-Studio und trompetet: „Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen.“ Ihr Gesicht ist ein offenes Buch, darin liest man: Was habe ich übersehen? Was macht Gerhard Schröder so sicher? „Ich war ganz froh, dass andere Leute so viel gesprochen haben. Ich musste mich gar nicht äußern“, erzählt sie später. Weil Schröder so mit ihr umspringt, bleibt der Union nichts übrig, als Merkel zu stützen.

5. Oktober 2008, Finanzkrise eskaliert

Im Kanzleramt berät Merkel sich mit dem Finanzminister. Sie befürchten einen Ansturm der Sparer auf die Konten am nächsten Morgen, einem Montag. Es wirkt improvisiert, wie sie und Peer Steinbrück im Flur des Kanzleramts eine Garantie für alle Sparer abgeben. Sie ist dazu nicht ermächtigt und die Tragweite dieser Verpflichtung ist unkalkulierbar. Es ist wie früher im Physiklabor: Sie tut es einfach und wartet ab, was passiert. Nichts passiert. Die Krise ist vorerst abgewendet.

18. Februar 2009, Gesetz zur Enteignung von Banken

„Ich halte das Vorgehen für alternativlos“, sagt Angela Merkel. Auf ihre Art wird sie noch öfter „Basta“ rufen. „Alternativlos“ wird 2010 zum Unwort des Jahres. Seither verkneift sie sich das. Aber so tickt die Bundeskanzlerin. Sie betreibt eine Politik der kleinen Schritte und überhört alle Rufe nach radikalen Lösungen, aber hat sie sich einmal festgelegt, steht die Pfarrerstochter. Und kann nicht anders.

19. Mai 2010, Regierungserklärung im Bundestag

„Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“. Da ist sie: Kohls Mädchen. Sie wird sein Erbe in dieser Frage beschützen. Die europäische Einheit ist die Richtschnur, bis heute. Worum geht es ihr in der Flüchtlingskrise? Um die Bewahrung der offenen Grenzen. Deshalb der ganze aktuelle Unbill.

11. März 2011, Fukushima

Angeblich fällt im kleinen Kreis der Satz „das war’s“. Die Republik wird Zeugin einer Wende: Eine Physikerin fällt vom Glauben ab. Vor Fukushima hatte sie das Restrisiko der Kernkraft akzeptiert – vorbei. „Die dramatischen Ereignisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt, ein Einschnitt für mich ganz persönlich“, wird Merkel später vor dem Bundestag sagen. Zu beobachten ist: eine Partei mit Schnappatmung.

7. Juni 2011, Im Rosengarten des Weißen Hauses

Dinner unter freiem Himmel, 19 Salutschüsse, Verleihung der Medal of Freedom, der höchsten zivilen Auszeichnung eines US-Präsidenten. Wenigen ist sie vergönnt, Mandela, Papst Johannes Paul II. Nun Merkel. Ehemann Joachim Sauer, selten genug, begleitet sie. Er hört Sätze voller Pathos: „Was wir heute noch nicht zu erträumen wagen, kann schon morgen Realität werden“. Amerika ist ihr Sehnsuchtsort. Wer das miterlebt hat, der kann ihre Entrüstung in der NSA-Affäre („Ausspähen unter Freunden – das geht gar nicht“) im Herbst 2013 nachvollziehen.

20. Februar 2012, Kein Glück mit den Bundespräsidenten

Der Rücktritt von Horst Köhler hat die Bundeskanzlerin hart getroffen, Christian Wulffs Wahl war eine Zitterpartie, auch seine Amtszeit endet vorzeitig, blamabel. An diesem Sonntag wird im Kanzleramt der Nachfolger ausgekungelt. Merkel will Joachim Gauck verhindern. Merkel brüllt, Merkel tobt. Merkel droht. Sie könne alle FDP-Minister rausschmeißen. „Wollt ihr das?“ Philipp Rösler, der junge FDP-Chef, will vor allem eines: Ein Erfolgserlebnis nach drei unerquicklichen Jahren an der Seite Merkels. Er setzt Gauck durch. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagt: „Das wird sich Merkel merken.“ Eineinhalb Jahre und eine Wahl später ist Rösler raus und Gabriel sein Nachfolger.

9. Februar 2013, Annette Schavan tritt zurück

Die Plagiatsaffäre hat Opfer gefordert, die Bildungsministerin ist schon das zweite im Kabinett. Etwa zehn Minuten dauert der Auftritt im Kanzleramt, beide Frauen sind angefasst. „Freundschaft“, sagt Schavan, „hängt nicht an Amtszeiten, wirkt über diesen Tag hinaus.“ Was den Tag so kostbar macht? Das Bekenntnis einer Freundschaft.

11. Februar 2015 , Auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise

Der russische Präsident Wladimir Putin: Soll er nach Minsk fahren? Sich auf Minsk einlassen, heißt: auf Merkel einlassen. Und damit die Logik ihres Krisenmanagements. Der Trick ist, wie beim Zauberwürfel so lange zu drehen, bis eine Lösung gefunden ist. Besser verhandeln als Krieg führen. Nach sechs Stunden schätzt Waleri Tschaly von der ukrainischen Präsidialverwaltung, die Gespräche könnten noch mal „mindestens fünf oder sechs Stunden“ dauern. „Schlafen ist jetzt für Schwächlinge“, twittert er aus der weißrussischen Hauptstadt. Es werden 17 Stunden. Am Essen, das gerade serviert wird, erkennt Merkel die Tageszeit, mal Schweinebraten, mal Frühstück. Nahtlos schließt sich ein EU-Gipfel an. Daheim wird sie für den Kraftakt bewundert: „Wie schafft sie das nur?“

15. September 2015, nach Grenzöffnung für Flüchtlinge

Merkel hat die Grenzen zu Österreich geöffnet, die Flüchtlinge strömen zu Zehntausenden herein. In der Folge rebellieren Teile der Union, allen voran die CSU. Darauf angesprochen, sagt Angela Merkel spontan vor den laufenden Kameras: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ So emotional hat man sie selten erlebt. Aus dem ehrlichen Ausbruch macht sie Programm. „Die Menschen“, erzählt sie bei „Anne Will“, „sollen schon wissen, wer ihre Kanzlerin ist.“

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