Paris –

Getöteter Drahtzieher war auch in Deutschland

Abdelhamid Abaaoud, der die Anschläge von Paris plante, starb bei Anti-Terror-Operation

Paris.  Seit Sonntag war Abdelhamid Abaaoud der meistgesuchte Mann in Europa. Da schrieb ihn Frankreich zur Fahndung aus. Der Islamist galt als Drahtzieher der Terroranschläge am Freitagabend in Paris. Jetzt ist sicher: Abaaoud ist tot, gestorben im Kugelhagel während eines Anti-Terror-Einsatzes im Pariser Vorort Saint-Denis. Unklar ist aber, ob er allein die Anschläge organisierte. „Wir wissen heute, dass Abaaoud, das Gehirn dieser Anschläge – eins der Gehirne, denn wir müssen besonders vorsichtig sein und kennen die Bedrohungen – sich unter den Toten befand“, sagte Frankreichs Regierungschef Manuel Valls vor der Nationalversammlung.

Abaaoud starb am Mittwoch, als die Polizei Eliteeinheit RAID eine Wohnung im Pariser Vorort Saint-Denis stürmte. Mehrere Straßenzüge waren gesperrt, bis zu 20.000 Menschen saßen in ihren Wohnungen fest. Während des Einsatzes sprengte sich eine Frau in die Luft. Ein Mann wurde von Schüssen und Granaten tödlich verletzt, wie Staatsanwalt François Molin sagte. Die Spezialkräfte hätten bei der Erstürmung 5000 Schuss abgegeben. Der Einsatz dauerte rund sieben Stunden. Acht Verdächtige wurden verhaftet. Den bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichnam des 28-jährigen Belgiers identifizierten die Spezialisten anhand seiner Fingerabdrücke.

Spätestens seit Januar stand Abaaoud bereits oben auf der Fahndungsliste der belgischen Polizei. Damals konnte im letzten Moment ein Anschlag auf ein Polizeikommissariat im belgischen Verviers vereitelt werden, das der Sohn marokkanischer Einwanderer vorbereitet haben soll. Abaaoud lebte früher im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, in dem viele Islamisten zu Hause sind. Er war befreundet mit den Brüdern Ibrahim und Salah Abdeslam, die an den Anschlägen in Paris beteiligt waren.

Im vergangenen Jahr war Abaaoud nach Erkenntnissen der Bundespolizei auch in Deutschland. Am 20. Januar 2014 wurde er am Flughafen Köln/Bonn kontrolliert. Belgien habe Abaaoud damals zur Kontrolle im Schengener Informationssystem ausgeschrieben, sagte ein Bundespolizei-Sprecher. Das bedeutet: Es war nicht vorgesehen, den Mann aufzuhalten oder festzunehmen. Die Beamten hätten demnach also keinen Grund gehabt, Abaaoud die Weiterreise zu untersagen. Die Kontrolle sei an Belgien gemeldet worden. „Spiegel Online“ berichtete, der Mann habe von Köln/Bonn aus nach Istanbul fliegen wollen und den Beamten bei der Kontrolle erzählt, er wolle dort Freunde und Verwandte besuchen. Bereits 2007 soll er sich in Köln aufgehalten haben. Die Hintergründe sind unklar.

Im Dezember 2014 gelang es, Abaaouds Handy in Griechenland zu lokalisieren. Sein Anruf galt damals dem Bruder eines den Behörden bekannten Dschihadisten, der in Belgien im Gefängnis saß. Durch das abgehörte Gespräch flog eine Wohnung in Verviers auf, die offenbar mehreren Terroristen als Unterschlupf diente.

Als die Polizei die Wohnung Mitte Januar 2015 stürmte, kam es zu einem heftigen Schusswechsel. Zwei Islamisten wurden getötet, aber Abaaoud, der sich höchstwahrscheinlich in der Wohnung oder in ihrer Nähe aufhielt, konnte sich dem Zugriff entziehen. In „Dabiq“ machte er sich über die Fahnder lustig, die ihm nichts anhaben könnten, „weil Allah ihre Sicht geblendet hat“.

Im Juli wurde Abaaoud in Brüssel wegen der Rekrutierung von Syrien-Kämpfern in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Internet brüstete sich der Mann, Kriegsname Abu Omar al-Baldschiki, weiter seiner Attentatspläne gegen den Westen. In mehreren IS-Propagandavideos taucht der Belgier auf.

Belgische wie französische Fahnder sind überzeugt, dass Abaaoud bereits mehrere Attentate und Attentatsversuche steuerte. So soll er auch im April bei dem gescheiterten Anschlag auf zwei Kirchen im Pariser Vorort Villejuif sowie bei dem nur durch das Einschreiten mutiger Passagiere verhinderten Angriff auf die Insassen eines Thalys-Schnellzugs im August im Hintergrund die Fäden gezogen haben.

Im Kampf gegen Terroristen durchsuchte auch die belgische Polizei am Donnerstag wieder mehrere Häuser im Großraum Brüssel.