Länderspiel-Absage

Das Dilemma des Innenministers - De Maizière und der Terror

De Maizière muss die Bevölkerung schützen, aber darf keine Panik auslösen. Die Absage des Fußball-Länderspiels zeigt einen Spagat.

De Maizière  musste das Länderspiel absagen - und bittet um Vertrauen

De Maizière musste das Länderspiel absagen - und bittet um Vertrauen

Foto: MORRIS MAC MATZEN / REUTERS

Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben als Innenminister: Für Sicherheit zu sorgen, ohne die Menschen zu verunsichern. Ruhe auszustrahlen, obwohl die Zeiten mehr als unruhig sind. Thomas de Maizière bemüht sich angestrengt um beides. Als der CDU-Mann am späten Dienstagabend in Hannover die Absage des Fußball-Länderspiels Deutschland gegen Frankreich verkündet, tut er das gewohnt unaufgeregt, sachlich und nüchtern. Aber er macht auch keinen Hehl aus dem Dilemma, in dem er steckt.

Es müssen schon sehr triftige Gründe gewesen sein, die de Maizière dazu gebracht haben, das Spiel kurz vor dem Anpfiff abzublasen. Schließlich sollte die Veranstaltung ein Zeichen gegen den Terror sein, ein Symbol gegen den Schrecken von islamistischen Fanatikern. Nachdem am Freitagabend in Paris das Länderspiel Deutschland-Frankreich zum Ziel blutiger Attacken wurde, sollte die Partie in Hannover die Botschaft aussenden: Wir haben keine Angst, wir beugen uns nicht. Die Kanzlerin und ihr Vizekanzler wollten demonstrativ auf der Tribüne sitzen, de Maizière auch. Doch nun beugt sich auch die deutsche Gesellschaft der Bedrohung. Zumindest ein Stück weit.

Die Pressekonferenz im Video:

Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, sagt de Maizière. "Wir alle hatten uns auf das Spiel gefreut. Das Spiel war eine besondere Geste. (...) Umso bitterer ist eine solche Entscheidung - und umso schwerer ist sie uns gefallen. Aber in einer solch schwierigen Lage hat im Zweifel der Schutz der Menschen Vorrang. Und diesen Zweifeln sind wir heute deswegen gefolgt."

Was genau für eine Bedrohung dahinter steckt, das will de Maizière nicht verraten. Aus Sicherheitskreisen heißt es, die Deutschen hätten den Hinweis auf einen drohenden Sprengstoffanschlag von Islamisten erhalten. Der erste sei von einem ausländischen Geheimdienst kommen. Doch der Minister will zu den Hintergründen kein Wort sagen. Ja, er verstehe all die Fragen - danach, woher der Hinweis komme, wie konkret er sei und wie groß die Bedrohung. Aber er bitte um Verständnis, dass er darauf nicht antworten werde, sagt de Maizière. «Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.» Vielleicht würden auch denkbare Hinweisgeber dadurch vergrault.

Mit Terrorhinweisen ist es so eine Sache. Nach Anschlägen wie in Paris strömt eine Flut von Informationen auf die Sicherheitsbehörden in Deutschland ein. Viele wollen etwas gesehen oder gehört haben. Einige wollen sich wichtig machen. Andere sehen die Chance, selbst mal Chaos und Furcht zu verbreiten durch falsche Spuren. Aber es kann immer auch die alles entscheidende Information dabei sein.

«Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Sicherheitsbehörden, die Seriosität, die Glaubwürdigkeit, die Ernsthaftigkeit solcher Hinweise zu bewerten», sagt de Maizière. «Denn schlägt man solche Hinweise in den Wind, kann das fatale Auswirkungen haben. Nimmt man jeden Hinweisen für bare Münze, dann betreiben wir das Geschäft derer, die mit diesen Hinweisen Angst und Schrecken verbreiten wollen.»

Die Absage des Spiels kam sehr spät. Das räumt auch der Ressortchef ein. Aber es sei nun mal nicht anders gegangen. Die Hinweise hätten sich erst spät verdichtet.

Am frühen Abend stand de Maizière noch in Berlin vor der Presse bei einem eilig einberufenen Statement. Da erwarteten einige bereits eine brisante Nachricht: die Absage des Spiels vielleicht oder die Verkündung eines Fahndungserfolgs.

Polizisten hatten am Dienstag in Alsdorf bei Aachen mehrere Verdächtige festgenommen. Im Innenministerium gab es Hoffnung, dass der 26-Jährigen Salah Abdeslam, der Bruder eines der Selbstmordattentäter von Paris, dabei sein könnte. De Maizière sagte andere Termine ab, beraumte das Statement an. Doch die Hoffnung zerschlug sich - und der Minister stand am Ende vor Mikrofonen, ohne dass er wirklich etwas zu verkünden hatte.

Ein paar Stunden später dann kommt völlig überraschend der Terroralarm in Hannover. So schnell ändert sich die Lage.

De Maizière stimmt die Bürger schon mal darauf ein, dass das nicht die letzte Absage einer Großveranstaltung gewesen sein dürfte. Aber er betont auch: «Wir sind uns einig - auch und gerade nach dem heutigen Abend - dass wir nicht bereit sind, unsere Lebensweise grundsätzlich zu ändern.» Alle wollten weiter ins Stadion gehen, auf Weihnachtsmärkte, ins Theater und auf Volksfeste. Und das werde auch so bleiben. Aber im Einzelfall müsse man eben abwägen. So wie nun in Hannover.

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