Terror

Irfan Peci war Dschihadist - „An Waffen kommt man leicht“

Irfan Peci war Dschihadist. Im Interview berichtet er über das Innenleben der Terrorszene und mögliche Gegenmaßnahmen des Staates.

Nach den Anschlägen von Paris wird an den Grenzen verstärkt kontrolliert

Nach den Anschlägen von Paris wird an den Grenzen verstärkt kontrolliert

Foto: Patrick Seeger / dpa

Wie kommt ein Mensch auf die Idee, Zivilisten eiskalt und aus voller Überzeugung wahllos umzubringen? Irfan Peci hat dazu einiges zu sagen. Denn noch vor wenigen Jahren war er selbst in der dschihadistischen Szene aktiv, spielte zwischenzeitlich sogar mit der Idee eines Terroranschlags. Ende 2009 wechselte er die Seiten und spähte im Auftrag des Bundesamtes für Verfassungsschutz die Berliner Szene aus. Mittlerweile arbeitet Peci für ein Präventions- und Deradikalisierungsprojekt in Österreich. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch „Der Dschihadist“ verarbeitet. Nach den Anschlägen von Paris spricht Irfan Peci im Interview mit der Berliner Morgenpost über das Innenleben der Dschihadistenszene, Rechtfertigungen für Morde an Zivilisten und mögliche Gegenmaßnahmen des Staates.

Berliner Morgenpost: Herr Peci, Sie waren als Anhänger der Dschihadistenszene noch vor wenigen Jahren selbst durch und durch ideologisiert. Haben Sie, als Sie von den Anschlägen in Paris hörten, die Motive der Terroristen für einen Moment nachvollziehen können?

Irfan Peci: Nein, das ist gedanklich für mich zu weit weg und die Vorstellung, dass man das rechtfertigen kann, ist für mich mittlerweile völlig absurd. Ich bin selbst regelmäßig erschrocken, dass ich früher selbst solche Gedanken hatte.

Was bezwecken Terroristen?

Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten. Die Menschen sollen Angst vor weiteren Anschlägen bekommen, damit sie Druck auf die französische Regierung machen, die sich aus dem Kampf gegen den IS (Islamischer Staat, Anm. d. Red.) zurückziehen soll. Von daher kamen die Anschläge nicht überraschend. Denn Frankreich steht wegen der Beteiligung an den Luftschlägen natürlich im Fokus des IS.

Nach Ihrer Erfahrung aus der Szene: Wie schwierig ist es, so einen Anschlag vorzubereiten?

Es erfordert schon Koordination. Aber die Waffen bekommt man relativ leicht. Islamisten arbeiten ja oft mit gewöhnlichen Kriminellen zusammen und vieles bekommt man auf dem Schwarzmarkt. Um mit einer Waffe umgehen zu können, muss man auch nicht in einem Terrorcamp in Syrien gewesen sein. Ich habe in der Szene Leute kennengelernt, die sich das Schießen im Schützenverein beigebracht haben.

Wie kommen Islamisten auf die Idee, dass es Gottes Wille sein soll, Zivilisten zu ermorden?

Da spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Einerseits muss man eine gewisse Gewaltbereitschaft und Hemmungslosigkeit mitbringen. Für viele von den Leuten, die ich in der Szene kennengelernt habe, war Gewalt immer normal. Viele wurden als Kinder von ihren Eltern geschlagen und haben permanent Gewaltvideos geguckt und Gewaltvideospiele gespielt.

Das wäre als Erklärung aber doch etwas dünn ...

Ja, das allein reicht nicht. Aber dann werden den Leuten grausame Bilder aus Syrien gezeigt. Tote Kinder, die bei Angriffen der USA sterben oder eben auch durch die französische Luftwaffe. Ob die Bilder echt sind oder nicht, ist egal, es kommt die Botschaft rüber: Die töten unsere Zivilisten, dann dürfen wir das auch machen. Dieser Rachegedanke ist gerade beim IS sehr ausgeprägt. Im Alten Testament heißt es ja auch, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und solche Textstellen finden sich natürlich auch im Koran. Das heißt, Terroranschläge werden damit nicht nur legitimiert, sondern als Verpflichtung dargestellt. Die Ideologie ist also sehr wichtig, weil sie das schlechte Gewissen, das viele vielleicht sonst hätten, ausschaltet.

Aber die Terrorakte richten sich ja nicht gegen das Militär. Wie werden die Morde an Zivilisten gerechtfertigt?

Es ist selbst mit viel Fantasie schwierig bis unmöglich, das Töten von Zivilisten mit islamischen Quellen zu legitimieren. Al-Qaida hat daher schon vor Jahren argumentiert, dass Zivilisten in Ländern wie Frankreich Steuern zahlen und daher den „Krieg gegen die Muslime“, wie das dann heißt, mitfinanzieren. Nach der Logik von Terrorgruppen gelten Zivilisten daher als Kriegsbeteiligte und damit als legitime Ziele.

Laut Verfassungsschutz leben in Deutschland rund 7500 Salafisten. Sehen die das alle so?

Nein, da gibt es große Unterschiede. Viele sind der Meinung, dass Terror islamisch gesehen nicht erlaubt ist. Salafisten wie zum Beispiel der Prediger Pierre Vogel verurteilen Terroranschläge gegen Zivilisten zum Beispiel regelmäßig. Sie haben in meinen Augen aber trotzdem eine Mitschuld. Wenn man Muslime nämlich ständig als Opfer darstellt und alle anderen als die Bösen, dann ist das Hetze und ein Nährboden. Wenn man in der letzten Minute einer Ansprache dann sagt, dass Muslime keine Anschläge verüben sollten, ist das nicht ausreichend.

Wundert es Sie aus Ihrer Erfahrung als V-Mann, dass die französischen Behörden die Planungen für die Anschläge nicht bemerkt haben?

Ich kenne die Details noch nicht, aber ja, es wundert mich. Einem Einzeltäter, der nur zu Hause sitzt und mit niemandem spricht, kommt man schwer auf die Spur. Aber hier waren es ja mehrere Täter, die offenbar koordiniert an mehreren Orten zugeschlagen haben. Die müssen miteinander kommuniziert haben, sie müssen sich Sprengstoff beschafft haben. Die Behörden hätten also etwas bemerken können. Wenn zu meiner Zeit als V-Mann in der Berliner Szene jemand etwas Ähnliches geplant hätte, hätte ich das jedenfalls mitbekommen und dann wären die aufgeflogen. Aber Kontaktpersonen in die Szene einzuschleusen, ist schwierig.

Was bedeuten die Anschläge von Paris aus Ihrer Sicht für Deutschland?

Ich hoffe, dass die Menschen in Deutschland endlich wach werden. Ich glaube, dass die Sicherheitsbehörden einerseits repressiver an die Szene rangehen müssen. Vor allem aber muss endlich mehr in der Prävention und der Deradikalisierung passieren.

Länder wie Nordrhein-Westfalen oder Hessen haben schon seit einiger Zeit entsprechende Programme aufgelegt, auch in Berlin laufen jetzt die Vorbereitungen dafür ...

Ja, aber man bräuchte ein bundesweit einheitliches Konzept. Natürlich sind auch die muslimischen Gemeinden gefordert. In meinem Fall hätte ein Imam mich mit guten religiösen Argumenten zum Beispiel ziemlich sicher davon abhalten können, in die Szene abzurutschen. Im Augenblick wird immer mal wieder ein besonders radikaler Verein verboten. Aber das Gefährliche ist die Ideologie, und eine Ideologie kann man eben nicht verbieten. Man muss sie mit guten Argumenten bekämpfen.

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