Paris/Essen –

„Neben mir sind Menschen gestorben“

| Lesedauer: 3 Minuten
Karoline Poll

Wie ein Deutscher von den Terroristen angeschossen wurde

Paris/Essen.  Als es am Freitagabend im Café „Bonne Bière“ in der Rue de la Fontaine mehrmals laut knallt, ist Vincent Nöthen nur wenige Meter entfernt. Der junge Mann aus Velbert in Nordrhein-Westfalen schaut zuerst in den Himmel. Dann rennen er und seine Freunde los. „Ich dachte, das sei ein Böller. Das war brutal laut“, sagt er. Als Erasmus-Student studiert er seit September in Paris, Ingenieurwesen an der Université Pierre et Marie Curie.

Sekunden später treffen ihn zwei Kugeln, abgefeuert von Terroristen. Der 23-Jährige ist einer von 352 Verletzten der Terrorserie von Paris.

Der Freitagabend fängt fröhlich an. Mit zwei Freunden aus Deutschland und zwei Italienerinnen macht er sich auf den Weg zu einem Restaurant ganz in der Nähe vom „Le Petit Cambodge“, einem kambodschanischen Lokal, wo später mindestens zwölf Menschen sterben werden. Nach dem Essen geht es weiter. In der „Udo-Bar“ gibt’s deutsche Currywurst, das möchte Vincent seinen neuen Freunden nicht vorenthalten.

Doch soweit kommt es nicht. Ein Streifschuss trifft ihn am Rücken, ein zweiter hinter dem rechten Ohr. Er rennt weiter, rettet sich mit vielen anderen Menschen in eine Nebenstraße. Seine Freunde rufen einen Krankenwagen, sein rechtes Ohr blutet stark. Die Wunde am Rücken brennt. Ein Franzose, der bei ihnen steht, redet und redet. Schnell und kaum verständlich für die Erasmus-Studenten. „Ich dachte, er spricht von 15 Minuten. Dabei meinte er Tote, die er gesehen hat.“ Es sind bange Minuten, bis die Sanitäter schließlich eintreffen. „Wir wussten ja nicht, ob die Terroristen wiederkommen.“

„Es geht mir gut“, sagt er am Telefon seiner Mutter

Im Krankenhaus muss er lange warten. Im Minutentakt kommen Schwerverletzte, deren Behandlung dringender ist als seine. „Das war völlig surreal“, sagt er. Auf seinem Handy in der Jackentasche kommen Anrufe und Nachrichten von besorgten Freunden und seiner Familie an. Sie bleiben lange unbeantwortet. Viereinhalb Stunden bleibt er in der Klinik. Um drei Uhr nachts ruft der 23-Jährige seine Mutter zurück. „Es geht mir gut“, sagt er ihr. Sie kann gar nicht viel sagen, er auch nicht.

Die Ärzte schicken ihn nach Hause, auf dem Rücken kleben Pflaster, hinter dem Ohr auch. Sie haben ihm Blut abgenommen. Er sitzt im Taxi und fährt los. Auf Facebook hat er sich am Samstagmorgen bei seinen Freunden gemeldet. Er postet ein Foto aus dem Krankenhaus. Es zeigt ihn mit nacktem Oberkörper und Verbänden. „Dem Himmel sei Dank, dass es dir gut geht“, schreibt eine Bekannte. „Nur wenige Meter neben mir sind Menschen gestorben“, sagt Vincent. „Ich habe einfach Glück gehabt.“

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos