Terroranschlag

Paris danach: Blumen, Sonne – und überall die Angst

Eine Stadt im Ausnahmezustand: Reporter Jörn Meyn beschreibt, wie er das Leben am Sonntag nach den Terrorangriffen erlebt hat.

Eine französische Flagge auf Halbmast weht auf dem Dach des Grand Palais Museum in Paris.

Eine französische Flagge auf Halbmast weht auf dem Dach des Grand Palais Museum in Paris.

Foto: Malte Christians / dpa

Paris.  Das Unverschämte ist die Sonne. Sie lacht am Sonntagmittag über der Rue Bichat/Ecke Rue Alibert im 10. Pariser Arrondissement, wo jemand eine rote Nelke in ein Einschussloch gestopft hat. Hier im zerschossenen Fenster des Cafés „Le Carillon“, vor dem am Freitagabend um 21.25 Uhr ein schwarzer Seat Leon mit Kalaschnikow-Trägern hielt und 15 Menschen starben, steckt sie nun und lässt den Kopf hängen. Darüber kleben verschlissene Buchstaben: „Happy Hours von 18 bis 20 Uhr.“

Am Sonnabend haben sie hier das Blut von der Straße entfernt, während andere nebenan im Hospital Saint-Louis Schlange standen, um welches zu spenden. „Was sollen wir sonst tun?“, hatte Yann Gibert gefragt. „Wir leben, obwohl ich nicht verstehen kann, warum“, sagte der 34-Jährige. Er wohnt gegenüber und aß hier oft. Diesmal nicht. Zufall. Sonst gar nichts. Und um dieses Gefühl ging es ja bei den Anschlägen: Es hätte auch mich treffen können.

Blumen werden niedergelegt

Menschen zünden seit Sonnabend Windlichter an und legen Blumen zum Gedenken der Opfer auf den Bordstein vor das „Carillon“ und das kleine, kambodschanische Restaurant gleich gegenüber. Vom grauen Asphalt dort hatte die Polizei 100 Gewehrhülsen gesammelt.

Nicht einmal 24 Stunden nach den Terroranschlägen, die Paris und die Welt ins Wanken gebracht haben, steht Emilie Duri auf der schmalen Straße vor ihrer Wohnung – 50 Meter vom „Carillon“ entfernt – und trinkt Bier. Es ist Abend. Nach dem ersten Schock, der die Stadt leer gefegt hatte, sie erstarren ließ wie gefroren, flackern nun die Kerzen an den Orten des Grauens und machen die Herzen weich. „Jetzt wissen wir wenigstens, woran wir sind“, sagt Emilie Duri. „Das ist Krieg, und er kann jeden Tag in unser Leben treten. Die Angst ist jetzt überall.“ Sie hat in Berlin gelebt und in München studiert.

Seit April ist Emilie zurück in Paris. Früher einmal hatte sie sich im „Carillon“ als Kellnerin beworben und wurde nur deshalb nicht genommen, weil es von einer einzigen Familie bewirtschaftet wird. Das Lokal und die ganze Gegend um den Canal Saint Martin, wo auch vier der übrigen fünf Anschlagsziele liegen, seien ein bisschen „Bobo“, sagt Emilie Duri, „bourgeois et bohémien“, eine Hipster-Ecke, in der junge Kreative ausgehen und leben. Das Neukölln oder das Schanzenviertel von Paris, ein Stadtteil mitten im Gentrifizierungsprozess.

Hier leben Leute wie Emilie Duri, die eigentlich eine offene, tolerante Gesellschaft wollen und den Unterschied zwischen Islam und Islamismus kennen. Aber genau dieses Viertel wurde angegriffen. Die Sonne lacht am Sonntagmittag auch über dem Konzerthaus Bataclan ein paar Gehminuten entfernt am Boulevard Voltaire, und taucht diesen traurigsten Ort in eine unpassende Wärme. Jogger in kurzen Hosen sind unterwegs, das Leben läuft weiter.

Als die Schüsse fielen, glaubten die Besucher an einen Teil der Show

Am Freitagabend dachten manche der 1500 Besucher beim Auftritt der Band „Eagles of Death Metal“ zunächst, es gehöre zur Show, als plötzlich Männer mit Kalaschnikows hereinstürmten. Das schrieb eine Überlebende auf Facebook. Die Attentäter schossen in die Menge, nahmen Geiseln und sprengten sich bei der Erstürmung durch die Polizei in die Luft. 89 Menschen starben hier.

Aber gerade dort ist der Schrecken zwei Tage danach auch seltsam abstrakt geworden. Unzählige Übertragungswagen der Fernsehsender stehen auf der Straße vor den weiträumigen Absperrungen durch die Polizei. Reporter sprechen etwas in Mikrofone und Kameras. Vor dem Bataclan hängt ein Sichtschutz. Man kann nichts erkennen. Deshalb sind nun andere Bilder erforderlich. Einer fordert eine Frau auf: „Legen Sie mal die Blumen dort hin. Das gibt gute Sequenzen!“ Es ist ja auch ein Medienereignis.


„Die Täter wollten Orte der Freude treffen“

Am Absperrzaun bekreuzigt sich ein älterer Mann. Eine grauhaarige Frau weint mit dem Gesicht in den Händen. Auch hier flackern Windlichter. Auch hier stapeln sich Blumensträuße und Andenken an die Opfer. Valerie Terre hat sich bei ihrer Freundin Lucie Szechter untergehakt. Sie haben eine Kerze angezündet und stehen nun allein. „Wir sind mutig und dumm zugleich, dass wir uns von den Anschlägen nicht verängstigen lassen wollen“, sagt Valerie Terre. Beide waren oft im Bataclan. Ein Freund sei beim Konzert gewesen und habe sich noch rechtzeitig retten können, als das Massaker begann. „Bei den meisten Anschlägen davor waren es Symbole, die getroffen werden sollten: World Trade Center, Pentagon, „Charlie Hebdo“. Diesmal aber geht es um uns normale Leute“, sagte Lucie Szechter. Beide sind 28, Lucie arbeitet als Filmemacherin, Valerie im Kino. Beide wohnen ein paar Straßen weiter. Lucies Freund Benjamin steht daneben. Er hat die Hände in den Taschen und schaut auf den Boden, wenn er spricht: „Die Täter wollten Orte der Freude treffen: Cafés, Konzerthaus, Fußballstadion. Das ist das Schreckliche“, sagt er. „Dort, wo wir hingehen, um das Leben zu genießen, sind wir jetzt nicht mehr sicher.“

Benjamin weiß, dass auch im Libanon gerade Menschen durch Terror starben. Dass in Beirut am Donnerstag, einen Tag vor den Anschlägen in Paris, vier Selbstmordattentäter 40 Menschen in die Tod sprengten und 180 weitere verletzten. „Das ist genauso schlimm“, sagt er, „aber das war immer so weit weg für uns“. Jetzt ist der Terror bedrohlich nah an Benjamins, Valeris und Lucies Leben gerückt. Jetzt trifft es, jetzt betrifft es sie. „Wir dachten, wir leben in einem sicheren Land“, sagt Lucie und schaut noch einmal zurück zum Bataclan. „Es wird lange dauern, bis wir das überwunden haben.“

Wo Frankreich die WM gewann, wollte nun ein Attentäter ins Stadion gelangen

Am Stade de France im Pariser Vorort Saint Denis rufen drei Polizisten hinter Absperrzäunen den Passanten, die sich nähern, zu: „Gehen Sie weiter!“, die Gewehre im Anschlag. Hier, vor dem Eingang D der Arena, wo am Freitagabend ein Mann mit Sprengstoffgürtel in der 16. Minute des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland versucht haben soll, ins Stadion zu gelangen und sich in die Luft sprengte, als er am Einlass abgewiesen wurde, sind die Sicherheitskräfte immer noch nervös. Der Täter wollte ins Stadion, bestätigt der Staatsekretär im Sportministerium am Sonntag. Im Stadion befanden sich zu diesem Zeitpunkt 80.000 Menschen. Ein Ort der Freude.

Hier feierte Frankreich 1998 den Weltmeistertitel im Fußball und sich selbst, weil man eine Mannschaft aus Zuwanderern aufs Feld geschickt hatte, die gemeinsam etwas Herausragendes schafften und nun als Symbol für das Funktionieren einer multikulturellen Gesellschaft galten. Am Sonntag stehen Polizeiwagen vor einem Burger-Restaurant an der Rue de Trémies neben dem Stadion. Hier hatte sich ein Mann am Freitagabend um kurz vor 22 Uhr in die Luft gesprengt. Er riss ebenso niemanden mit in den Tod wie ein dritter Attentäter, der seinen Sprengstoffgürtel kurz zuvor am Eingangstor H des Stadion gezündet hatte.

„Diesmal wollten die Täter nur Leben zerstören“

Zurück in der Pariser Innenstadt sitzt Claire de Colombel seit einer Stunde auf dem Place de la Republique und umklammert die eigenen Knie. „Ich habe den Sonnabend zu Hause mit Freunden verbracht, weil ich so viel Angst hatte, vor die Tür zu gehen“, sagt sie. Aber jetzt, einen zweiten Tag nach den Erschütterungen, wolle sie hier sein, wo sich die Nation stets ihrer selbst vergewissert hat. Menschen strömen jetzt hierher, ein paar Straßen entfernt von den Anschlagsorten. Einer singt die Marseillaise. Wieder Blumen, wieder Kerzen. Eine Malerin zeichnet Schnellporträts von Leuten auf Pappkartons und legt sie auf den Platz. Man will jetzt Gesicht zeigen.

„Es fühlt sich für mich so an, als hätte ich eine Verbindung zu den Leuten hier“, sagt Claire de Colombel. „Wir schauen uns an und denken alle dasselbe: Wir haben Glück gehabt.“

Und doch ist die Angst da: Am Abend gibt es einen Knall. Die Menschen rennen los, stolpern, fallen in Kerzen, springen wieder auf. Panik. Wenig später beruhigt es sich. Falscher Alarm, vielleicht war es ein Feuerwerksköper.

Am imposanten Monument der Marianne, der allegorischen Frauengestalt der Republik, klebt noch ein Plakat vom Januar, als hier die Pariser gemeinsam gegen den Terror demonstrierten, nachdem nahe dem Place de la Republique die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ Ziel von Anschlägen wurde. „In Memory. Je suis Charlie“, steht dort. Damals kletterten die Leute auf die Marianne und hielten Schilder hoch: „Not afraid.“ Wir haben keine Angst. Heute sagt Claire de Colombel: „Bei Charlie Hebdo war es ein Angriff auf die Pressefreiheit.“ Das sei greifbar gewesen. „Diesmal ist es das nicht mehr. Diesmal wollten die Täter nur Leben zerstören“, sagt die 30-Jährige. „Immer war alles Schlimme weit weg von uns. Plötzlich sitzen wir mittendrin.“

Als die Schüsse fielen, flüchteten einige Passanten von der Straße in die Bar

Am Sonntag war es eine spontane Reaktion einiger Pariser, sich hier an diesem symbolträchtigen Ort zu versammeln. „Ich wollte nicht allein sein und zeigen, dass wir jetzt zusammenstehen müssen“, sagt Claire de Colombel. Am kommenden Sonnabend soll es hier am Place de la Republique eine organisierte Demonstration geben. Sie werde dabei sein, sagt Claire de Colombel. Aber es bestehe natürlich die Gefahr, dass nach der Solidarität der vergangenen Tage der Argwohn komme. „Dass es Terroranschläge des IS waren, könnte Leute in die Arme der Rechten treiben“, sagt sie. „Und das wäre das Schlimmste, was passieren könnte.“

Claire de Colombel hätte am Freitagabend leicht ins Zentrum des Terrors geraten können. Claire arbeitet in einer Bar, die keinen Namen hat, von den Mitarbeitern aber „Nummer 17“ genannt wird, weil das die Hausnummer ist. Sie liegt neben dem Bataclan. Als die Schüsse fielen, flüchteten einige Passanten von der Straße hier herein. Die Kellner waren so geistesgegenwärtig, schnell die Türen zu schließen. Sie verriegelten auch die Fenster.

„Nur, weil irgendjemand mich an diesem Tag nicht auf den Dienstplan geschrieben hat, war ich nicht da“, sagt Claire de Colombel. Noch immer ist der Gedanke so bewegend, dass sich spontan Tränen in ihren Augen sammeln. Das hat man häufig gesehen in der französischen Hauptstadt in diesen beiden Tagen. „Sonst wäre ich mitten drin gewesen. Und ich weiß nicht, ob ich das verkraftet hätte“, sagt sie.

Claire de Colombel ist sich dennoch ganz sicher: Sie will an diesem Montag wie gewohnt zum Alltag überwechseln und ganz normal wieder arbeiten gehen.