Analyse

IS will den Westen in einen Bodenkrieg in Syrien zwingen

Frankreich will den Kampf gegen den IS in Syrien ausweiten – auch mit Bodentruppen? Das Risiko wäre enorm, wie eine Analyse zeigt.

Ein Kampfjet der US-Luftwaffe startet im türkischen Incirlik Richtung Syrien. Vor der Entsendung von Bodentruppen schrecken die USA bisher zurück.

Ein Kampfjet der US-Luftwaffe startet im türkischen Incirlik Richtung Syrien. Vor der Entsendung von Bodentruppen schrecken die USA bisher zurück.

Foto: US AIR FORCE / REUTERS

Berlin.  Die tödlichen Anschläge von Paris, zu denen sich die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) bekennt, hat die Debatte um das militärische Vorgehen gegen die IS-Milizen neu entfacht. Der Druck auf den Westen, Bodentruppen in Syrien gegen die islamistischen Terroristen einzusetzen, dürfte weiter zunehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Frankreich im Kampf gegen den IS „jedwede Unterstützung“ zugesagt. Doch was bedeutet dieses Versprechen? Umfasst die Zusage auch „jedwede“ militärische Unterstützung? Und wie könnte die aussehen?

• Die Forderungen

„Wenn wir etwas machen können, dann sollten wir eine Bodenoffensive starten, auch wenn ich sonst nie für einen Krieg bin. Aber ich glaube, dass dieses Übel dort bekämpft werden muss.“ Diese Sätze der Autorin und Islam-Pädagogin Lamya Kaddor, gesprochen am Samstagabend vor einem Millionenpublikum in der Sonderausgabe der ARD-Talkshow „Hart aber fair“, spiegelt exemplarisch die Stimmung vieler Beobachter nach den Anschlägen von Paris wider: Der IS agiert immer grausamer, menschenverachtender und unverfrorener, ermordet mehr als 120 Menschen im Herzen Europas, provoziert offen die westlichen Regierungen – doch wie soll dieser Westen darauf reagieren?

Lamya Kaddor steht mit ihrer Forderung nach Bodentruppen nicht allein. Erst kürzlich hatte sich der CDU-Politiker Heiner Geißler sich dafür ausgesprochen, dass der syrische Bürgerkrieg mit militärischen Mitteln beendet werden muss. „Amerikaner, Russen, Europäer und Nahoststaaten einschließlich der Türkei müssten eine politische Konzeption für Syrien entwerfen und diese militärisch durchsetzen. Auch mit Bodentruppen“, so Geißler. „Es geht nicht anders. Da darf man sich nicht ein pazifistisches Brett vor den Kopf nageln lassen.“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter sagte jetzt der „Bild am Sonntag“, auch Deutschland müsse „sein Engagement im Kampf gegen den IS-Terror ausweiten“. Von Bodentruppen ist bei Kiesewetter jedoch nicht die Rede. Doch die Bundesregierung können Aufklärungs-Tornados der Bundeswehr Richtung Syrien schicken, so Kieswetter.

Der frühere Nato-General Egon Ramms hält sogar die Ausrufung eines Nato-Bündnisfalls nicht mehr für ausgeschlossen. „Eine ähnliche Situation hat im Jahr 2001 zum Bündnisfall geführt“, sagte er der „Bild“-Zeitung. „Der Nato-Rat müsste auf Antrag von Frankreich entscheiden, ob das nach den Anschlägen von Paris jetzt auch der Fall ist“, so Ramms.

• Die politische Lage

Die französische Regierung hat am Wochenende bereits angedeutet, ihren Einsatz gegen den IS in Syrien ausweiten zu wollen. Dies könnte auf den Einsatz von Bodentruppen hindeuten. Bislang lässt Präsident Francois Hollande IS-Stellungen schon von französischen Kampfjets bombardieren. Am Tag nach den Anschlägen erklärte Hollande, sein Land befinde sich nun im „Krieg“ mit dem IS.

Der Einsatz von Bodentruppen in Syrien wäre aber wohl nur zusammen mit den USA möglich. Die Amerikaner aber, die zusammen mit der Luftwaffe einer arabischen Allianz ebenfalls seit längerem IS-Stellungen aus der Luft attackiert, haben den Einsatz von Bodentruppen bislang aber strikt abgelehnt. Zu tief sitzt der Schrecken der Einsätze im Irak und in Afghanistan. Dort kamen Tausende US-Soldaten ums Leben.

„Keine Stiefel auf den Boden“ in Syrien hatte US-Präsident Barack Obama dementsprechend den Amerikanern versprochen, als er im August 2014 den Befehl für die Bombardements in Syrien gab. Aber: Erst Ende Oktober wurden Planspiele aus dem Pentagon bekannt, wonach ein begrenzter Einsatz von US-Militärs am Boden denkbar sei. Ein Kurswechsel scheint zumindest nicht ausgeschlossen. Zumal Nato-Verbündete Druck machen.

Die Türkei etwa fordert seit längerem einen stärkeren militärischen Einsatz gegen den IS in ihrem Nachbarland. „Wir brauchen eine integrierte Strategie mit Luftangriffen und Bodentruppen. Aber die Türkei kann das nicht alleine bewältigen. Wenn es eine Koalition und eine sehr gut konzipierte integrierte Strategie gibt, ist die Türkei bereit, sich darin in jedem Sinne zu beteiligen“, mahnte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu noch wenige Tage vor den Anschlägen in Paris. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan forderte erst vor wenigen Tagen „eine vom Terrorismus gereinigte Region“ und eine Flugverbotszone in Syrien.

• Die Analyse

Mit Bodentruppen gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien – unter dem Eindruck des Massakers von Paris, zu dem sich der IS bekannt, ist diese spontane Reaktion verständlich. Haben doch die Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien die Macht der Terroristen nicht entscheidend schwächen oder gar brechen können. Stattdessen beweisen die Anschläge von Paris, dass der IS in der Lage ist, mit koordinierten Attentaten im Herzen Europas für Tod, Angst und Schrecken zu sorgen. Wäre es da nicht tatsächlich Zeit für die Entsendung von Bodentruppen nach Syrien?

Nein. So menschlich verständlich die Reaktion ist, so fatal wäre die entsprechende politische Entscheidung. Dies zeigen die Beispiele Irak und Afghanistan. Auch dort starteten die westlichen Militäreinsätze unter dem Eindruck des Terrors – nämlich in der Folge der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA.

Der Erfolg der Einsätze unter Führung der USA ist mehr als zehn Jahre nach dem Beginn, zumindest fragwürdig. Im Irak regiert heute blanker Terror, in Afghanistan füllen zunehmend die terroristischen Taliban das Machtvakuum, das die abziehenden US-Truppen hinterlassen. Tausende amerikanische Soldaten fielen in den Kriegen im Irak und am Hindukusch.

Vielen gilt der Irak, aber auch Afghanistan als „failed state“ – ein gescheiterter Staat ohne funktionierende politische Strukturen. Kritiker sehen im Irakkrieg sogar gleichsam die „Geburtsstunde“ des IS, der sich zunächst als Ableger der Terrorgruppe Al Kaida im Irak gebildet hatte. Der damalige britische Premier Tony Blair, seinerzeit der engste Verbündete von US-Präsident George W. Bush, entschuldigte sich erst kürzlich in einem Interview für seine Fehleinschätzung im Irakkrieg: „Ich entschuldige mich dafür, dass wir Fehler in der Planung gemacht haben – und sicherlich auch in der Annahme dessen, was nach dem Sturz des Regimes passieren würde.“

Ein Bodenkrieg in Syrien wäre ein unkalkulierbares Risiko. Und vieles spricht dafür, dass der IS-Terror genau dies bezweckt – den Westen in einen Krieg zu zwingen, den er nicht gewinnen kann. Der Westen darf dieser Taktik nicht folgen.