Terroranschläge

Einige Attentäter von Paris sind womöglich entkommen

Konnten einige Mitglieder des Terrorkommandos von Paris den Fahndern entkommen? Eine Entdeckung der Ermittler deutet nun darauf hin.

Polizisten sichern eine Straße in Paris nahe des Bataclan-Theaters. Die Fahnder verfolgen mehrere Spuren zu den Hintermännern.

Polizisten sichern eine Straße in Paris nahe des Bataclan-Theaters. Die Fahnder verfolgen mehrere Spuren zu den Hintermännern.

Foto: Malte Christians / dpa

Paris.  Die französischen Ermittler haben erste Spuren zu den Tätern und zu möglichen Hintermännern der Anschläge von Paris. Ein Überblick.

• Fahnder finden Fluchtwagen in Pariser Vorort

• Einige Attentäter womöglich Jugendliche

• Zwei Täter mutmaßlich als Flüchtlinge in Griechenland registriert

• Drei Festnahmen in Brüssel

• Bruder und Vater eines französischen Attentäters festgenommen

Mindestens einem Terrorkommando scheint nach den Anschlägen von Paris zunächst die Flucht gelungen zu sein. Französische Ermittler stellten am Sonntag ein weiteres Auto in einem Vorort östlich von Paris sicher, wie französische Medien übereinstimmend berichteten. Im Fahrzeug seien drei Kalaschnikows entdeckt worden. Diese Sturmgewehre hatten die Terroristen bei den Überfallen in Paris verwendet.

Der schwarze Seat Leon soll nach Einschätzung der Ermittler von den Terroristen benutzt worden sein, die vor mehreren Cafés und Restaurants wahllos Menschen erschossen. Unklar blieb, ob der oder die Täter weiter auf der Flucht sind, oder bereits am Samstag in Belgien gefasst wurden.

Zwei oder drei der Attentäter von Paris waren womöglich noch Jugendliche. Französische Medien berichten am Sonntag, erste gerichtsmedizinische Untersuchungen der Leichen der Todesschützen hätten ergeben, dass mindestens zwei der Toten zwischen 15 und 18 Jahre alt gewesen seien. Eine offizielle Bestätigung hierfür gab es zunächst nicht.

Zwei der Attentäter von Paris sind womöglich als Flüchtlinge getarnt über Griechenland nach Europa eingereist. Der Besitzer eines syrischen Passes, der bei einem der toten Attentäter gefunden wurde, sei Anfang Oktober über die Insel Leros in die Europäische Union gekommen, teilte die Regierung in Athen am späten Samstagabend mit.

Der Polizei zufolge sei der junge Mann dort mit einer Gruppe von 69 Flüchtlingen registriert worden. Dabei seien auch seine Fingerabdrücke abgenommen worden. Ein zweiter Attentäter sei vermutlich ebenfalls als Flüchtling über die Türkei und Griechenland nach Europa gekommen, hieß es in Regierungskreisen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, könnte dies die Flüchtlingsdebatte in der EU verschärfen.

Syrischer und ägyptischer Pass gefunden

Allerdings müssen die Passdokumente und Fingerabdrücke noch mit den sterblichen Überresten der mutmaßlichen Attentäter abgeglichen werden. Schließlich könnten die bei den Leichen gefundenen Pässe auch gestohlen oder gekauft worden sein. Neben dem syrischen Pass war auch ein ägyptischer Ausweis bei einem Attentäter gefunden worden. Es gebe zwar keine amtlichen Vermerke, dass der Mann mit dem syrischen Pass Griechenland wieder verlassen habe, hieß es in den Polizeikreisen. Die Behörden gingen aber davon aus, dass er nach Mazedonien weitergereist sei.

Griechenland zählt in diesem Jahr bereits rund 600.000 Flüchtlinge. Sie kommen vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Die Insel Leros ist dabei eine der Hauptanlaufstellen, an denen die EU an so genannten Hotspots Flüchtlinge an den Außengrenzen geordnet registrieren und auf ihre Mitgliedstaaten verteilen will.

Eine Spur führt nach Belgien

Eine weitere Spur bei der Suche nach Hintermännern der Attentäter führt nach Belgien. In der Hauptstadt Brüssel nahm die Polizei bei einem Großeinsatz im Migrantenviertel Molenbeek drei Menschen fest. Mindestens einer von ihnen sei am Abend der Anschläge in Paris gewesen, sagte Ministerpräsident Charles Michel. Dort waren zwei Autos mit belgischen Nummernschildern an den Tatorten aufgefallen. Den Pariser Ermittlern zufolge wurde ein Franzose mit Wohnsitz in Brüssel nahe der belgischen Grenze aufgegriffen. Er habe ein Auto in Belgien gemietet, das in die Anschläge verwickelt sei.

Die Behörden korrigierten die Zahl der toten Attentäter inzwischen von acht auf sieben. Unklar ist, ob weitere Attentäter noch auf der Flucht sind.

Französische Ermittler nahmen den Vater und den Bruder eines Selbstmordattentäters aus dem Konzertsaal „Bataclan“ in Polizeigewahrsam. Dies berichteten französischen Medien unter Berufung auf das Umfeld der Ermittlungen. Insgesamt soll es sechs Festnahmen im Umfeld des Mannes gegeben haben. In dem Musiktheater waren allein fast 90 Menschen ermordet worden. Die Wohnungen des Vaters und des Bruders wurden durchsucht. Der Bruder des identifizierten 29-jährigen Attentäters mit dem Namen Ismael M. lebt demnach in einem Ort südlich von Paris, der Vater gut 100 Kilometer weiter östlich. Die Familie stammt aus Algerien.

Weiter Unklarheit über in Bayern gefassten Verdächtigen

Der 29-Jährige war anhand eines Fingerabdrucks identifiziert worden. Er war den Behörden nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen seiner Radikalisierung bekannt und mehrfach vorbestraft, allerdings nie im Zusammenhang mit Terror-Netzwerken.

Zuvor war bekanntgeworden, dass die bayerische Polizei bereits vor Tagen einen möglichen Komplizen der Attentäter von Paris festgenommen hatte. Es gebe die „begründete Annahme“, dass der Fall in der Nähe von Rosenheim mit den Anschlägen in Paris zusammenhänge, sagte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bestätigte, dass es einen Bezug zu Frankreich gebe. „Aber es steht nicht fest, ob es einen Bezug zu diesem Anschlag gibt.“ In dem Wagen wurden mehrere schwere Waffen gefunden, darunter auch Maschinengewehre sowie TNT-Sprengstoff.

Pariser Adresse im Navi-System

Offenbar hatte der Verdächtige, ein 51-jähriger Mann aus Montenegro, in das Navigationssystem seines Wagens eine Adresse in Paris eingegeben. Zudem fanden die Fahnder einen Zettel mit einem Hinweis auf einen Parkplatz in der französischen Hauptstadt.

In Frankreich laufen die Ermittlungen weiter auf Hochtouren. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft waren die Attentäter offenbar in drei Gruppen aufgeteilt. In einem offenkundig abgestimmten Vorgehen griffen sie in der Nacht zum Samstag nahezu zeitgleich die Konzerthalle Bataclan, das Fußballstadion „Stade de France“ während des Länderspiels gegen Deutschland sowie Restaurants und Bars an und töten willkürlich Passanten. Mindestens 129 Menschen kamen ums Leben, 352 weitere wurden verletzt. Die Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich dazu.

Frankreich sieht sich im Krieg gegen den Islamismus. Präsident Francois Hollande sagte den IS-Extremisten einen „gnadenlosen“ Kampf im In- und Ausland an. Ministerpräsident Manuel Valls sagte, Frankreich werde den IS weiter in Syrien aus der Luft angreifen. Frankreich gehört zu den Gründungsmitgliedern der US-geführten Koalition gegen den IS und hat sich von Anfang an an Luftangriffen gegen die radikalislamischen Milizen in Syrien beteiligt. (rtr)