Terroranschläge

Was wir bisher über die Anschlagsserie in Paris wissen

Paris ist im Ausnahmezustand. Möglicherweise sind weitere Attentäter auf der Flucht, eine dreitätige Staatstrauer wurde angeordnet.

Vor dem Konzertsaal Bataclan in Paris kommen immer mehr Menschen zusammen, um der Toten zu gedenken.

Vor dem Konzertsaal Bataclan in Paris kommen immer mehr Menschen zusammen, um der Toten zu gedenken.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Was ist passiert?

Bei einer Terrorserie in Paris wurden am späten Freitagabend und in der Nacht zum Samstag mindestens 129 Menschen getötet. Etwa 350 Menschen wurden verletzt. Fast 100 davon schwer. Die Zahl der Toten könnte sich noch erhöhen.

Die Staatsanwaltschaft Paris geht von drei Terrorteams aus. Offenbar sieben Attentäter schossen an sechs verschiedenen Orten in Paris wild um sich und zündeten mehrere Bomben. Allein in der Konzerthalle Bataclan richteten sie ein Massaker mit mindestens 89 Toten an. Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand.

Was weiß man bisher über die Täter?

Die Polizei spricht von sieben toten Attentätern. Bei der Erstürmung der Konzerthalle sollen vier Männer getötet worden sein, drei weitere Attentäter sollen bei den Selbstmordattentaten vor dem Stadion gestorben sein. Nach einem Mann fahndet die Polizei international. Abdesslam Salah ist ein Bruder eines der toten Attentäter und soll das Auto gemietet haben. Er war bereits kontrolliert worden. Da war die Identität der Täter aber noch unklar.

Zwei der Attentäter sind womöglich als Flüchtlinge getarnt über Griechenland nach Europa eingereist. Der Besitzer eines syrischen Passes, der bei einem der toten Attentäter gefunden wurde, sei Anfang Oktober über die Insel Leros in die Europäische Union gekommen, teilte die Regierung in Athen am späten Samstagabend mit. Inzwischen gibt es aber Hinweise, dass der Pass gefälscht ist. Der Polizei zufolge sei der junge Mann dort mit einer Gruppe von 69 Flüchtlingen registriert worden. Dabei seien auch seine Fingerabdrücke abgenommen worden. Ein zweiter Attentäter sei vermutlich ebenfalls als Flüchtling über die Türkei und Griechenland nach Europa gekommen, hieß es in Regierungskreisen.

Was sind die Hintergründe der Anschläge?

Nach den Worten des französischen Präsidenten François Hollande handelt sich um einen Kriegsakt, wie er am Samstag sagte. Die Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich kurz darauf zu den Anschlägen. In der schwülstigen Erklärung mit vielen Bezügen zu Allah heißt es, das sei erst der Anfang.

Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Terrorismus ein. Nach Polizeiangaben starben sieben Angreifer. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ feierte die Anschlagsserie kurz nach Bekanntwerden bereits auf Twitter. Bei dem Terrorangriff im Pariser Club Bataclan sollen die Terroristen „Allah ist groß“ gerufen haben. Laut einem Reporter, der in dem Konzertsaal war, sollen die Attentätern den Geiseln gesagt haben: „Das ist die Schuld von Hollande. Das ist die Schuld Eures Präsidenten. Er hätte nicht in Syrien eingreifen dürfen.“

Was passierte im Fußballstadion?

Ein Schauplatz der Attacken war auch das Fußballstadion Stade de France, wo die deutsche Fußballnationalmannschaft am Abend gegen Frankreich spielte. In der ersten Halbzeit waren Explosionsgeräusche zu hören, auch für die Fernsehzuschauer. Die Polizei verschloss zunächst die Ausgänge. Nach Angaben des französischen Fußballverbands-Präsidenten wurden drei Menschen in unmittelbarer Nähe des Stadions getötet. „Es gab eine Explosion am Eingang, die drei Tote und mehrere Verletzte gefordert hat“, sagte der Präsident des Französischen Fußballverbands, Noël Le Graët.

Einer der Attentäter hatte offenbar versucht, ins Stadion zu gelangen. Bei einer Einlasskontrolle sei bei einem Mann eine Sprengstoffweste gefunden worden, berichtete das „Wall Street Journal“ (WSJ) und beruft sich auf einen Sicherheitsmann. Er sagte demnach, der Attentäter habe eine Eintrittskarte für das Spiel gehabt. Etwa 15 Minuten nach dem Anpfiff soll der Mann versucht haben, in das Stadion zu gelangen. Als die Bombe entdeckt wurde, versuchte er zu fliehen. Beim Versuch zu entkommen, habe der Mann den Sprengstoff zur Explosion gebracht. Die Behörden gehen davon aus, dass der Mann durch die Explosion im Stadion eine tödliche Massenpanik auslösen wollte.

In dem Bekennerschreiben geht der IS auf das Stadion als Anschlagziel ein – und hebt auf die Symbolwirkung ab. Die Ziele seien genau ausgewählt worden, darunter das Stade de France während des Spiels zwischen den „Kreuzfahrernationen“ Deutschland und Frankreich und in Anwesenheit des „Narren von Frankreich“ François Hollande. Das DFB-Team verließ das Stadion wegen der Sicherheitslage erst am Morgen. Auch die Zuschauer hatten das Stadion nicht sofort verlassen können. Als sie heraus geführt wurden, sangen viele die französische Nationalhymne.

Was geschah in dem Pariser Konzertsaal?

In dem Konzertsaal Bataclan hatten Terroristen nach Angaben von Augenzeugen Besucher als Geiseln genommen. Dort spielte die US-amerikanische Rockband „Eagles of Death Metal“ ein Konzert. In dem Bekennerschreiben des IS heißt es, Hunderte von Ungläubigen hätten sich dort zu einer ausschweifenden „Prostitutionsparty“ getroffen. Laut der Zeugen hatten dort mehrere in schwarz gekleidete Männer minutenlang wahllos um sich geschossen haben. Maskiert sollen sie nicht gewesen sein. Die Musiker und einige der Gäste konnten sich über die Bühne retten und entkommen. Ein Besucher, der in dem Konzertgebäude gefangen war und sich versteckte, schrieb verzweifelt auf Facebook, die Attentäter würden die Menschen der Reihe nach töten.

Am frühen Morgen wurde die Geiselnahme schließlich beendet. Die Polizei hatte das Gebäude gestürmt. Zwischen 40 und 60 Geiseln wurden nach Korrespondentenangaben befreit. 89 Konzertbesucher hatten die Attentäter getötet, zahlreiche Verletzte sind nach wie vor in einem kritischen Zustand. Noch sind nicht alle Toten identifiziert. Die Geiselnehmer starben nach Angaben von Frankreichs Präsident Hollande bei der Erstürmung. Drei der vier Männer starben, als sie ihre Sprengstoffgürtel zur Explosion brachten. Einer wurde von einem Polizisten erschossen.

Gibt es offizielle Zahlen zu den Opfern?

Am Samstagabend gab der ermittelnde Staatsanwalt die Zahl der Toten mit 129 an, die meisten starben im Konzertsaal. Am Sonntagabend hatte sich diese Zahl auf 132 erhöht. 352 Menschen wurden verletzt, etwa 100 davon seien in kritischem Zustand. Eines der Opfer ist ein Deutscher, ein aus München stammender Architekt.

Sind Deutsche unter den Opfern?

Bislang wurde ein deutscher Staatsbürger unter den Todesopfern bestätigt. Seine Identität ist noch nicht bekannt. Es soll auch mehrere deutsche Verletzte geben, die genaue Zahl ist unklar.

Sind noch andere Attentäter auf der Flucht?

Mindestens einem Terrorkommando scheint nach den Anschlägen zunächst die Flucht gelungen zu sein. In einem Auto, das die Polizei am Sonntag sicherstellte, wurden drei Kalaschnikows gefunden. Diese Sturmgewehre hatten die Terroristen bei den Überfällen in Paris verwendet. Der schwarze Seat soll nach Einschätzung der Ermittler von den Terroristen benutzt worden sein, die vor mehreren Cafés und Restaurants wahllos Menschen erschossen. Unklar blieb, ob der oder die Täter weiter auf der Flucht sind, oder bereits am Samstag in Belgien gefasst wurden.

Ein zweites Auto, ein schwarzer VW Polo mit einem belgischen Kennzeichen, wurde bereits am Samstag gefunden. Der belgische Halter des Autos wurde nach Informationen der Zeitung „Le Monde“ in Belgien festgenommen, zusammen mit zwei weiteren Belgiern, die bei ihm waren.

Wie geht Frankreich mit den Anschlägen um?

Am Montagmittag wird es eine Schweigeminute geben. Für Montag, Dienstag und Mittwoch hat der französische Staatspräsident François Hollande zudem eine Staatstrauer angeordnet. Bereits in der Nacht zu Samstag hatte Hollande den Ausnahmezustand verhängt und alle Grenzen schließen lassen. Die Militärpräsenz wurde verstärkt, um weitere Anschläge zu verhindern. Zuerst wurden 1500 Soldaten mobilisiert, inzwischen sind es 3000. Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt.

Am Samstagmorgen nahmen alle Metro- und Buslinien den Betrieb wieder auf, nachdem einige in der Nacht eingestellt worden waren. Alle Schulen und Universitäten im Großraum Paris blieben am Samstag geschlossen, sollen aber am Montag wieder öffnen. Die Stadt hatte am Freitagabend alle Bewohner aufgerufen, nicht auf die Straße zu gehen. „Wir bitten Sie, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen und auf Anweisungen der Polizei zu warten“, hatte es geheißen. Die Polizei hatte empfohlen, jede laufende Veranstaltung zu unterbrechen. Einrichtungen mit Besuchern sollten die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen und Hilfsbedürftige aufnehmen. In sozialen Netzen meldeten sich viele Menschen mit dem Angebot, Menschen ein Dach über dem Kopf für die Nacht zu bieten.

Was bedeuten die Attentate für Deutschland?

Nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks gibt es möglicherweise eine Verbindung nach Deutschland. Demnach wurde vergangene Woche von Schleierfahndern ein Mann mit Sprengstoff und Waffen festgenommen, der möglicherweise ein Komplize der Täter war. Der Mann habe nach Frankreich reisen wollen. Das LKA habe die französischen Behörden gewarnt. Die ersten Bewertungen in der Politik gehen jenseits der Verurteilung der Tat weit auseinander. CSU-Chef Horst Seehofer forderte vor allem mehr Schutz an den deutschen Grenzen, SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, Deutschland solle ein offenes Land bleiben. Er warnte, nun Vorbehalte gegenüber muslimischen Flüchtlingen zu schüren.

Deutschland reagierte inzwischen mit einer deutlichen Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen. Seit dem Wochenende werden der Flug- und Bahnverkehr verstärkt durch bewaffnete Bundespolizisten überwacht. Zudem wurden die Kontrollen an der deutsch-französischen Grenze ausgeweitet. Innenminister de Maizière ordnete zudem an, dass die Polizisten bei den Kontrollen Schutzwesten tragen und sichtbar Waffen mit sich führen sollen. Es soll sich dabei vor allem um Maschinenpistolen handeln. Eine akute Gefahr sieht der Minister nicht, doch sei die Gefährdungslage unverändert hoch.

Das Auswärtige Amt informiert auf seiner Internetseite über den Anschlag und rät Frankreich-Reisenden, sich an die Weisung der französischen Behörden zu halten. Die Terrorserie hat nach Angaben von Airlines zunächst keine Auswirkungen auf den Flugverkehr von Deutschland in die französische Hauptstadt. „Alle Flüge sind planmäßig vorgesehen“, sagte ein Lufthansa-Sprecher am Samstagmorgen. (dpa//rtr/sdo/ls/law)