Politik

Eine Truppe für alle Fälle

Nun soll sie länger in Afghanistan bleiben, daheim wird sie als zweites THW mehr denn je gebraucht. Die Rede ist von der Bundeswehr, die ihren 60. Geburtstag feiert – unübersehbar bei all den Anzeigen und Plakaten, die Ministerin Ursula von der Leyen schalten lässt.

In einiges Slogans steckt sogar viel Wahrheit: „Seit 60 Jahren wachsen wir an unseren Aufgaben.“ Das trifft in der Rückschau auf die letzten 20 Jahre zu, spätestens seit 1999. Es war das Jahr des ersten Militäreinsatzes im Kosovo.

Seit dem Ende des Kalten Krieges ist das Spektrum möglicher Einsatzszenarien breiter geworden. Mit jeder Mission hat sich die Truppe neu erfunden. Man muss sich sorgen, dass sie dabei ist, sich zu überdehnen. Zu den 6.000 „helfenden Händen“ in der Flüchtlingskrise und den 2.700 Soldaten in Auslandsmissionen muss man viele Verpflichtungen und Zusagen einkalkulieren: Nato Response Force, EU Battle Group, ORF-Bataillon Kosovo, Einsatzverband für Evakuierungen, Luftraumüberwachung im Baltikum, maritime Einsatzverbände der Nato, die Reserve in Afghanistan, Search und Rescue. Dazu: Ausbildung, Landesverteidigung.

Zur Gefahr der Überdehnung kommt ein Problem mit dem Timing. Die Aufgaben ändern sich in rasantem Tempo. Was für den Verteidigungsfall entscheidend war, schwere Panzer, war am Hindukusch weniger relevant. Die Rüstungsplanung ist ein Ding der Unmöglichkeit geworden, und seit Russlands imperialer Wende kommen womöglich neue (alte) Bedrohungen hinzu. Die Streitkräfte stecken in einem Umbruch. Von der Leyen wird ihm gerecht mit dem „Weißbuch“-Prozess, mit der Neustrukturierung der Rüstung und dem besonderen Augenmerk auf die Cyberkriegsführung. Wenn keiner die Bedrohung der Zukunft kennt, muss die Bundeswehr eine Armee für alle Fälle sein. Ob von der Leyen richtig führt, ob sie steuert oder rudert, wird sich zeigen.

Die Afghanistan-Mission war eine (erzwungene) Risikonummer, die Aufgabe der Wehrpflicht dumm; daraus erwächst auf lange Sicht Distanz zum Bürger. In 60 Jahren aber überwiegt das Positive: Eine Parlamentsarmee, die das Patent auf die innere Führung hält und den Rückhalt der Gesellschaft hat.