Berlin –

Was aus der Rente wird

Prognos-Studie für 2040: Rentenniveau sinkt deutlich, unterm Strich große regionale Unterschiede

Berlin.  Das deutsche Rentenparadies der Zukunft liegt wohl ganz weit draußen auf dem ostbayerischen Land: In der Region an der tschechischen Grenze vom Fichtelgebirge bis zum Bayerischen Wald werden Ruheständler um das Jahr 2040 die höchste Rentenkaufkraft der Republik haben.

Ein Installateur aus Hof etwa könnte sich dann nach Expertenschätzungen von seiner gesetzlichen Rente 50 Prozent mehr leisten als sein Kollege aus München – und auch deutlich mehr als ein Installateur in Hamburg oder Berlin. „Die späteren Renten hängen stark von der Region ab, in der die Beschäftigten leben und arbeiten“, sagt der Chefvolkswirt des Prognos-Instituts, Michael Böhmer.

Seine Modellrechnung ist eines der spektakulärsten Ergebnisse einer neuen Studie, die am Donnerstag in Berlin vorgelegt wurde. Danach sind Höhe und Kaufkraft der gesetzlichen Renten regional sehr unterschiedlich verteilt – abhängig von Einkommensentwicklung und Arbeitslosigkeitsrisiko während der aktiven Zeit und vom regionalen Preisniveau beim Rentenbezug. Und diese Verteilung wird sich in den nächsten Jahren deutlich verändern: Teile Ostdeutschlands, wo bisher im Schnitt die höchsten Rentenbeträge ausgezahlt werden, rutschen deutlich ab.

Die Studie hat das renommierte Prognos-Institut im Auftrag des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft erstellt. Ziel war es, erstmals für Regionen und Berufsgruppen zu ermitteln, wie die individuelle Versorgung aus der gesetzlichen Rentenversicherung aussieht. Für die künftigen Ruhestandsgenerationen gibt es insgesamt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Die gesetzlichen Renten werden auch in den nächsten Jahrzehnten real steigen, der Zuwachs wird also höher sein als die Inflation. Aber: Mit der Lohnentwicklung wird die gesetzliche Rente nicht Schritt halten. Gemessen an den vorherigen Arbeitseinkommen werden die Altersbezüge 2040 also deutlich niedriger ausfallen als heute.

Das Bruttorentenniveau sinkt demnach von aktuell 46 Prozent des früheren Einkommens auf 39 Prozent im Jahr 2040 – was viele Rentner ohne zusätzliche Absicherung zu Sozialhilfeempfängern machen dürfte. Zugleich würde aber auch der Beitragssatz zur Rentenversicherung von heute 18,7 Prozent auf 24 Prozent steigen. Die Bundesregierung lässt ihre Rentenprognosen mit dem Jahr 2030 enden. Die Versicherungswirtschaft als Auftraggeber der Untersuchung bestreitet gar nicht, dass sie Arbeitnehmer zu mehr privater Altersvorsorge bewegen will. Doch die Zahlen des Prognos-Instituts gelten als belastbar. Die Bundestagsopposition reagierte deshalb alarmiert: „Bei einem Rentenniveau um die 40 Prozent würden die Versicherten massenhaft in die Altersarmut gedrängt“, warnte Grünen-Rentenexperte Markus Kurth. Dieser Talfahrt dürfe nicht tatenlos zugesehen werden. Die Bundesregierung müsse sich ehrlich machen, das Rentenniveau stabilisieren und danach den flächendeckenden Aufbau betrieblicher und privater Vorsorge fördern.

Der Druck dürfte zunehmen. Die Wissenschaftler rechnen auch für einzelne Berufsgruppen durch, wie sich die individuelle, gesetzliche Altersversorgung entwickelt. Der sogenannte „Eckrentner“, der bei Rentenbeginn 2040 47 Jahre Durchschnittsverdiener gewesen sein wird und entsprechend Beiträge gezahlt hat, käme zwar auf eine monatliche Rente von 1680 Euro. Doch diese Angaben seien kaum realistisch, warnt Prognos-Chefvolkswirt Böhmer.

Eine 1973 geborene Verkäuferin mit zwei Kindern, die vorübergehend arbeitslos war, könne im Bundesdurchschnitt tatsächlich eine Rente von 1090 Euro erwarten. Eine Sozialpädagogin mit zwei Kindern komme auf 1612 Euro Monatsrente. Für einen Elektroinstallateur errechnet die Studie einen Rentenanspruch von 1456 Euro, für einen Lohnbuchhalter von 2324 Euro.

Die Wissenschaftler machen in einem weiteren Schritt den Versuch, zu ermitteln, wie sich die regionalen Unterschiede auf die Kaufkraft der Rentner auswirken. Befund für das Jahr 2014: „Gemessen an der Höhe der gesetzlichen Rente und deren Kaufkraft liegen die heutigen ‚Rentnerparadiese‘ tendenziell in Ostdeutschland.“ Der Grund: Zu den im Schnitt höheren Rentenbeträgen (im Osten 1020, im Westen 833 Euro) kommt das günstige Preisniveau. Der Oberspreewald-Lausitzkreis im Süden Brandenburgs weist demnach mit einer Rentenkaufkraft von 1137 Euro den höchsten Wert der Republik auf; im Westen liegt Recklinghausen mit 1035 Euro an der Spitze. Hauptursache für den Vorteil Ost sind im Schnitt früher durchgängige Erwerbsverläufe und die stärkere Berufstätigkeit von Frauen; zu beachten ist, dass für ostdeutsche Ruheständler die gesetzliche Rente 90 Prozent der Altersbezüge ausmacht, für West-Senioren nur zwei Drittel.

Der Rentenvorsprung der neuen Länder geht bald zu Ende

Der Rentenvorsprung Ostdeutschlands wird der Studie zufolge in den nächsten Jahrzehnten deutlich schwinden – wegen höherer Arbeitslosigkeit und der schwächeren Wirtschaftsentwicklung wird der Osten bei den Brutto-Renten in 25 Jahren hinter den Westen zurückfallen, die höhere Kaufkraft dürfte das zum Teil wieder ausgleichen.

Die beste Versorgung im Rentenalter sei dort zu erwarten, wo hohe Kaufkraft und starke Einkommensentwicklung zusammenfallen, etwa im Osten Bayerns. „Wirtschaftliche Kraftzentren“ wie München oder Hamburg seien indes nicht die besten Orte für Rentner: „Hier ist das Leben schlicht zu teuer.“

Die Wissenschaftler haben das am Beispiel eines Entwicklungsingenieurs durchgespielt, der 2039 in Rente geht und dann im Bundesdurchschnitt eine Bruttorente von 2600 Euro erreichen würde. Wenn der Ingenieur die nächsten 25 Jahre in Hamburg lebte, käme er wegen der tendenziell höheren Einkommen sogar auf eine Rente von 2726 Euro. Wäre er stattdessen bis 2040 in Schwerin tätig, läge seine Rente nur bei 2300 Euro. Aber als Ruheständler würde der Ingenieur den Unterschied kaum bemerken: Weil das Preisniveau in Schwerin deutlich niedriger sei, würde die Differenz bei der Rentenkaufkraft auf 40 Euro zusammenschmelzen.

Auch zwischen München und Berlin macht die Studie ein Gefälle aus: Ein Elektroinstallateur werde in beiden Städten zwar eine Bruttorente von 1450 Rente erzielen – aber in München blieben dem Ruheständler kaufkraftbereinigt nur 1100 Euro, in der Hauptstadt immerhin 1370 Euro. Studienautor Böhmer sagt: „Wir müssen stärker in den Blick nehmen, womit künftige Rentner wirklich rechnen können.“