Hamburg/Berlin –

Deutschland nimmt Abschied von Helmut Schmidt

| Lesedauer: 4 Minuten

Tausende tragen sich in Kondolenzbücher ein. Kabinett gedenkt des Altkanzlers

Hamburg/Berlin.  Deutschland gedenkt und würdigt Helmut Schmidt. Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel trugen sich am Mittwoch im Kanzleramt in ein Kondolenzbuch ein. Die Sitzung des Bundeskabinetts begann mit einer Schweigeminute. In Hamburg war es Tausenden Bürgern einen Tag nach dem Tod von Helmut Schmidt ein persönliches Anliegen, ihre Anteilnahme zu zeigen und so von dem früheren Kanzler und Hamburger Innensenator Abschied zu nehmen. In Hunderte Meter langen Schlangen vor dem Rathaus harrten die Menschen zum Teil stundenlang im Nieselregen aus, um sich in das in der Rathausdiele ausliegende Kondolenzbuch einzutragen.

„Helmut Schmidt war einer von uns, man musste ihn einfach gerne haben“, sagte die 65 Jahre alte Verica Allers, die bereits seit 8.30 Uhr vor dem Rathaus gewartet hat, um sich ab zehn Uhr in das Kondolenzbuch einzutragen. Sie sprach damit aus, was wohl die meisten Trauerenden denken. „Lieber Helmut Schmidt, wir werden Sie sehr vermissen“ schrieb Verica Allers später in das Kondolenzbuch. Auch im Rathaus warteten die Menschen geduldig vor den beiden Stehpulten, auf denen die Kondolenzbücher lagen. Daneben stand ein großes Schwarz-Weiß-Foto Schmidts, auf dem er die Trauernden milde anlächelt. Manche schrieben einen kurzen Gruß in das Buch. Andere übertrugen einen zu Hause aufgeschriebenen Text Wort für Wort. Anschließend verneigten sich die Menschen kurz vor dem Mann, den viele als den bedeutendsten Sohn der Stadt bezeichneten.

Vor Schmidts Wohnhaus im Stadtteil Langenhorn legten ebenfalls Dutzende Menschen Blumen nieder und entzündeten Kerzen. Helmut Schmidts Leichnam wurde am Vormittag aus seinem Haus gebracht. In einem hellen Holzsarg wurde er vor den Augen Dutzender Trauernder herausgetragen. Begleitet von einer Polizeieskorte und salutierenden Beamten verließ der Leichenwagen dann Schmidts Grundstück.

Auf Plakaten vor dem Rathaus hieß es unter anderem: „Mach’s gut, Helmut. Und grüß Loki“ sowie „Wir Hamburger sagen Tschüss“. Auch ein Päckchen Mentholzigaretten wurde neben Blumen und Kerzen abgelegt. Das Parlament der Hansestadt, die Bürgerschaft, gedachte mit einer Schweigeminute ihres Ehrenbürgers. „Wir verneigen uns vor dem Lebenswerk von Helmut Schmidt“, sagte Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD). „Hamburg verliert einen bis ins hohe Alter engagierten Fürsprecher und überaus erfolgreichen Förderer.“ Veit erinnerte an Schmidts Einsatz als „tatkräftiger Innensenator, der bei der verheerenden Sturmflut 1962 lebensrettende Hilfe für unzählige Menschen ermöglichte“.

Bundespräsident Gauck schrieb im Berliner Kanzleramt in das Kondolenzbuch für Schmidt: „Dank dem Staatsmann, der seinem, unserem Land mit Weitsicht, Entschlossenheit und der Leidenschaft zur Vernunft diente. Dank dem Bürger, der uns vorlebte, dass Verantwortung der Lebensatem der Demokratie ist.“ Kanzlerin Merkel äußerte sich „in tiefer Trauer und Respekt vor einem großen Staatsmann“.

Nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert liegt das Kondolenzbuch bis Mittwoch nächster Woche in der Regierungszentrale aus. Auch in der SPD-Parteizentrale, dem Willy-Brandt-Haus, gibt es ein Kondolenzbuch zu Ehren des weltweit geachteten Sozialdemokraten.

Die US-Regierung hat den verstorbenen Altbundeskanzler als Leitfigur in einer zentralen Epoche der deutschen Geschichte gelobt. „Er war eine feste, sichere Stimme in einer Zeit der Ungewissheit“, erklärte das Weiße Haus in Washington. „Seine Arbeit half, unsere gemeinsame Vision vom Bau eines friedlichen und demokratischen Europas voranzutreiben.“ Die US-Regierung sprach Schmidts Familie, seinen Angehörigen und allen Bürgern Deutschlands ihr Beileid aus.

„Ich habe einen Freund verloren und die Welt einen scharfsinnigen Anführer“, teilte der frühere US-Präsident Jimmy Carter (1977-81) mit. Während seiner Präsidentschaft zu Schmidts Amtszeit seien sich die beiden zwar nicht in allen Fragen einig gewesen, doch sie hätten eine gemeinsame Vision von Europa geteilt. Schmidt hatte zu Carters Kritikern gehört – beide sollen mehrfach aneinandergeraten sein.

Unterdessen wird in der Politik und in den sozialen Netzwerken die Frage diskutiert, ob der Hamburger Flughafen zu Ehren des verstorbenen Altkanzlers in Helmut-Schmidt-Flughafen umbenannt werden soll. Die Hamburger Jusos sprachen sich dafür aus. Der SPD-Fraktionschef in der Bürgerschaft, Andreas Dressel, sagte, er könne sich dies vorstellen, jetzt stehe allerdings das Trauern und Innehalten im Vordergrund.

( HA/dpa )

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