Alt-Bundeskanzler

Helmut und Loki Schmidt – Liebe über den Tod hinaus

| Lesedauer: 6 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Beim Bundespresseball 1977 tanzten Bundeskanzler Helmut Schmidt und First Lady Loki zum Schlager „Schmidtchen Schleicher“.

Beim Bundespresseball 1977 tanzten Bundeskanzler Helmut Schmidt und First Lady Loki zum Schlager „Schmidtchen Schleicher“.

Foto: Chris Hoffmann / dpa

Sie trafen sich schon als Schüler: 68 Jahre waren Loki und Helmut Schmidt ein Ehepaar. Ihre intensive Liebe bedarf keiner Verklärung.

Langenhorn.  Die Liebe zwischen Loki und Helmut Schmidt überdauert beider Tod. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass es nicht ausschließlich Zeiten gab, in denen zwei Herzen im Einklang klopften. Beide waren höchst beliebt, aber sie waren keine Heiligen. Helmut Schmidt war kein Kind von Traurigkeit und hatte von jeher einen Schlag in der Damenwelt. Bisweilen, so hieß es immer schon hinter vorgehaltener Hand, sei die Versuchung allzu groß gewesen. Und vielleicht traf das ja nicht nur auf ihn zu, wer weiß?

Jedenfalls fühlte sich Helmut Schmidt gedrängt, im Frühjahr 2015, also viereinhalb Jahre nach Lokis Beerdigung, eine späte Beichte abzulegen: Es habe eine andere gegeben. Es waren nur ein paar Sätze, eher am Rande platziert, die bundesweiten Donnerhall hervorriefen. „Ich hatte eine Beziehung zu einer anderen Frau“, schrieb Schmidt damals in seinem aktuellen Buch „Was ich noch sagen wollte“. Diese Anmerkungen wurden am 7. März 2015 publiziert – mit großem Getöse. Loki hatte ihm sogar die Trennung angeboten, was er, Helmut, „fassungslos“ abgelehnt habe.

Schmidt nutzte Steitensprung-Beichte, um die Liebe zu Loki zu bekräftigen

Der „Stern“ wusste mehr. Unter der Überschrift „Schmidts Zweite“ veröffentlichte das Magazin Details eines pikanten, offensichtlich lange währenden Seitensprungs. Partnerin des jetzt verstorbenen Helmut Schmidt war demnach eine Hamburger Adelige aus vornehmem Hause. 2012 sei sie beerdigt worden, fast zwei Jahre nach Loki.

Schmidt nutzte diese späte Beichte, um seine Liebe Loki gegenüber zu bekräftigen. Diese habe eben auch problematische Zeiten überlebt. Ein Indiz in jedem Fall spricht für die Intensität der Verbindung zwischen zwei Menschen, die fast lebenslang anhielt: Beide wahrten höchste Diskretion und schafften es gemeinsam, auch schwierige Tage zu überstehen und Hand in Hand weiterzugehen.

Sie lernten sich schon in der Schulzeit kennen

Die Ehe dauerte mehr als 68 Jahre und hat allein schon wegen dieser imposanten Zahl Seltenheitswert. Seit Lokis Tod und bis zu seinem letzten Tag trug Helmut Lokis Ehering an seiner Hand.

Schließlich verband sie so viel. Die Wurzeln des vereinten Glücks wurden unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg gelegt. Während in Barmbek Helmut Schmidt von der Mutter gestillt wurde und zehn Wochen alt war, kam am 3. März 1919 wenige Kilometer entfernt in der Schleusenstraße zu Hammerbrook ein Mädchen namens Hannelore zur Welt. Ihre Eltern, Gertrud und Hermann Glaser, hatten keine eigene Wohnung, so dass Hannelore in den Zimmern der Großeltern aufwuchs – mit bis zu zwölf Personen auf wenigen Quadratmetern unter unvorstellbaren Bedingungen.

Das groß gewachsene Mädchen mit den schwarzen Haaren und den markanten Gesichtszügen verstand sich mit Jungs besonders gut. Mit einem ganz besonders, dem körperlich eher kleinen Helmut. Doch das geschah erst später, auf der Lichtwarkschule in Winterhude. Dorthin wechselte Hannelore 1929, im Alter von zehn Jahren.

Helmut Schmidt genoss die relative Freiheit des Lernens, als er Ostern 1929 als Elfjähriger in die Sexta kam; heute wäre das die 5. Klasse. Anfangs fiel dem Pennäler gar nicht so recht auf, dass es eine Mitschülerin namens Hannelore Glaser gab, die von allen nur Loki genannt wurde. Sie überragte die Klassenkameraden in der Regel um mindestens einen Kopf, aber sie hatte auch Mumm und einen starken Gerechtigkeitssinn.

Vielleicht löste eine vergessene Baskenmütze die Zuneigung aus

Anfangs war Schmidt einer der Kleinsten in der Klasse. Unabhängig davon muss er in späteren Jahrgängen für manchen Mitschüler so eine Art Chef gewesen sein. Die drei großen „K“ sind manchem haften geblieben: Kodderschnauze, Klassenprimus, Kumpel. Schon damals fand Helmut Loki gut. Zu seinem elften Geburtstag lud er sie ein. Keine Selbstverständlichkeit, halten es Jungs in diesem Alter doch für unter ihrer Würde, mit Mädchen zu spielen. Damals wie heute.

Nach einem fidelen Nachmittag verabschiedeten sich die Kinder. Bei aller Betriebsamkeit ließ sie ihre Mütze in Helmuts Wohnung liegen. Ludovica Schmidt bat ihren Sohn, Loki die Mütze zu bringen. Helmut gehorchte, stapfte los und überreichte Loki die Baskenmütze. Ob es der Schlüsselmoment für eine innige Beziehung oder gar der Startscuss einer großen Liebe war, weiß niemand. Vieles spricht dafür.

1942 heirateten Loki und Helmut Schmidt

So viel passierte anschließend. Die Verlobung in Berlin, die Hochzeit 1942, der Tod eines Babys, der Untergang des Dritten Reiches, das Wirtschaftswunder, Helmuts Karriere bis zum Bundeskanzler, eine Ära gemeinsamer Verbundenheit in der Zeit danach.

Dann, am 21. Oktober 2010, hauchte ein Leben aus, dessen 91 Jahre prall gefüllt waren mit sehr bitteren, jedoch überwiegend glücklichen. Hamburg trug Trauer, als am 1. November im Turm von St. Michaelis das letzte Geläut für Hannelore Schmidt erklang. Bei einer von Würde und Dankbarkeit getragenen Trauerfeier gab es einen Augenblick, der zu Herzen ging. „Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten“, sprach Henning Voscherau in das Kirchenmikrofon.

Dies war auch der Moment, in dem Gefühle die Hoheit gewannen über die preußische Selbstbeherrschung des Witwers ganz links in der ersten Reihe. Helmut Schmidts Kopf sackte nach vorne, sein Körper bebte, Tränen flossen. Sanft streichelte Tochter Susanne den weißen Hinterkopf ihres Vaters. Orgelklänge lösten das bedrückende Schweigen in St. Michaelis ab.

Bis dass der Tod euch scheidet. Auch in den Tagen des Abschieds von seiner geliebten Ehefrau bewies Helmut Schmidt diese ganz besondere Souveränität. Wie oft hatten Loki und er sich abends im Langenhorner Doppelhaus darüber unterhalten, wie es sein würde, wenn einer nicht mehr für den anderen da sein könne.

Jetzt sind sie wieder zusammen. Irgendwie. Irgendwo.

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