Berlin

830 Millionen Euro für bessere Pflege in Kliniken

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Julia Emmrich und Jochen Gaugele

Gesundheitsminister Gröhe will vor allem für mehr Personal sorgen. Reform wird heute vom Bundestag beschlossen

Berlin. Der Druck steigt: Krankenschwestern und Pfleger in den Kliniken müssen unter wachsendem Zeitstress immer öfter hochbetagte und demente Patienten versorgen, die Personaldecke ist dünn und der Kostendruck groß. Hinzu kommt die steigende Zahl von traumatisierten, kriegsverletzten oder unterernährten Flüchtlingen, die zusätzlich auf die Stationen kommen. „Die Pflegerinnen und Pfleger können nicht mehr“, sagt Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats. „Sie sind an der Belastungsgrenze.“ Mit der Klinikreform von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) soll es jetzt Entlastung geben – doch das wird nicht reichen, sagen Experten.

In den nächsten Jahren fehlen 100.000 Stellen

Bis zum Jahr 2020 fehlen nach Schätzungen des Deutschen Pflegerats in Deutschland 100.000 Stellen in der Krankenhauspflege – Ursachen dafür sind der massive Stellenabbau seit Ende der 90er-Jahre und der wachsende Pflegebedarf. Er entsteht, weil durch die demografische Veränderung immer mehr pflegeintensive Patienten in die Kliniken kommen und angesichts des Kostendrucks immer kürzere Verweilzeiten einkalkuliert werden. Kommen Grippewellen oder schwer kranke Flüchtlinge dazu, droht der Personalkollaps: „Wir sind auf solche Schwankungen gar nicht mehr vorbereitet“, sagte Westerfellhaus der Berliner Morgenpost.

Im Zuge der Klinikreform, die am Donnerstag im Bundestag verabschiedet werden soll, will die Bundesregierung mit einem großen Paket die Qualität der 2000 deutschen Kliniken verbessern. Die Stärkung der Pflege ist dabei ein wesentlicher Baustein: „Mit dem Pflegezuschlag und dem Pflegestellenförderprogramm erhalten die Krankenhäuser bis zu 830 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr, um dauerhaft mehr Personal zu beschäftigen“, sagte Gröhe.

Außerdem werde mit einem Hygieneförderprogramm der Schutz der Patienten vor gefährlichen Krankenhausinfektionen verbessert. Mit erweiterten Möglichkeiten der häuslichen Krankenpflege und einer neuen Kurzzeitpflege als Leistung der Krankenkassen werde sichergestellt, dass Patienten nach einem längeren Krankenhausaufenthalt weiter gut betreut würden. Gröhe resümierte: „Eine gut erreichbare Versorgung vor Ort und hohe Qualität durch Spezialisierung, zum Beispiel in unseren Universitätskliniken – das bringt die Krankenhausreform.“

Der Deutsche Pflegerat schätzt, dass durch das Förderpaket rund 12.000 neu­e Stellen geschaffen werden – im Schnitt würden also sechs neue Pflegekräfte pro Klinik dazukommen. Es ist ein Anfang, mehr nicht, sagen Experten: Die Finanzspritze für die Pflege verhindere zumindest „eine weitere Verschlechterung der angespannten Personalsituation in den Krankenhäusern“, hieß es beim Marburger Bund, der die Klinikärzte vertritt. Auch Pflegeexperte Westerfellhaus ist skeptisch: „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Die hohe Belastung des Klinikpersonals zeigt auch eine Umfrage des Marburger Bundes unter rund 4000 Krankenhausärzten, die dieser Zeitung vorab vorlag: Fast drei Viertel der befragten Klinikärzte haben das Gefühl, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten im Krankenhaus die eigene Gesundheit beeinträchtigt. Sie leiden an Schlafstörungen und Erschöpfung. Die Krankenhausärzte beklagen zu lange Arbeitszeiten und eine hohe Arbeitsverdichtung.

Mit Gröhes Klinikreform soll auch die Behandlungsqualität der Krankenhäuser besser werden: Die Vergütung der Kliniken wird künftig an Qualitätsaspekte geknüpft. Wer gut behandelt, bekommt Zuschläge, wer mangelhaft arbeitet, muss mit Abschlägen rechnen. Bei einer Kniegelenksoperation etwa könnte als Qualitätsziel die Wiederherstellung der Beweglichkeit festgelegt werden – die Krankenhäuser würden dann danach bewertet, wie oft und wie gut sie ihre Patienten wieder auf die Beine bringen. Fernziel ist es, auf diese Weise Überkapazitäten abzubauen: Am Markt soll sich nur halten, wer das, was er macht, gut macht.