Politik

Mehr als nur Tierschutz

Unverzichtbar oder überflüssige Quälerei bemitleidenswerter Kreaturen? Über kaum ein Thema wird in der Öffentlichkeit so emotional diskutiert wie über Tierversuche. Und so löste im Juni dieses Jahres ein Morgenpost-Bericht, wonach der Senat zwei neue Tierversuchsanlagen des Max-Delbrück-Centrums und der Charité in Buch mit insgesamt 60 Millionen Euro fördert, entsprechenden Aufruhr aus. Am Mittwoch nun wurde ein Projekt vorgestellt, das in die andere Richtung weist: Der Senat finanziert eine Professorenstelle an der Freien Universität, um die Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen zu fördern. Dafür werden zwar nur 400.000 Euro aus dem Etat von Verbraucher- und Tierschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) genommen, aber immerhin: Es ist ein Zeichen.

Glaubt man namhaften Pharmakologen wie der FU-Professorin Monika Schäfer-Korting, können wir auf Tierversuche in der medizinischen Forschung nicht völlig verzichten. Zum einen sind sie vorgeschrieben, um den Menschen vor Schäden durch Arzneien zu schützen, zum anderen sind viele Vorgänge im Körper ein komplexes Wechselspiel von Stoffwechselprozessen und Organen. Dennoch gelten die Tests vielfach als wissenschaftlich pro­blematisch, weil sich die Ergebnisse nicht immer eins zu eins auf den Menschen übertragen lassen.

Folglich kann der pragmatische Weg nur bedeuten, Tierversuche, wo immer möglich, zu reduzieren. Dass dies möglich ist, auch dafür ist Schäfer-Korting eine Referenz, schließlich beschäftigt sie sich schon seit 1994 mit der Entwicklung von Alternativen auf der Basis menschlicher Gewebezellen. Die Wissenschaftlerin ist überzeugt, dass damit mittelfristig mindestens die Hälfte der Tierversuche in diesem Bereich überflüssig werden. Die weitere Förderung des Senats ist deshalb wünschenswert. Berlin ist ein Zentrum der medizinischen Forschung und der Gesundheitswirtschaft. Mit diesem Potenzial hat die Stadt die Chance, Pionier beim Ersatz von Tierversuchen zu werden. Davon würden wir alle profitieren.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.