Rom

Verrat im Vatikan

| Lesedauer: 4 Minuten

Das Zentrum der katholischen Kirche wird von einem neuen Skandal erfasst. Zwei Mitarbeiter des Papstes verhaftet

Rom.  „Wenn wir nicht in der Lage sind, unser Geld zu verwalten, wie sollen wir es dann mit den Seelen der Gläubigen halten, die wir nicht sehen?“ Diese Frage von Papst Franziskus war nie für die Öffentlichkeit bestimmt. Er sagte die Worte vor Mitarbeitern, denen er vertraute. Nun geht er um die Welt.

Ein neuer Skandal um geheime Unterlagen und diesmal auch Mitschnitte von Gesprächen des Papstes um Finanz- und andere Missstände, die aus den hohen Mauern des Vatikans geschleust worden sind, erschüttert den Kirchenstaat in Rom. Nur zwei Jahre ist es her, dass der erste „Vatileaks“-Skandal das Pontifikat von Benedikt XVI. ins Wanken brachte, nachdem damals veruntreute Dokumente tiefe Risse in der Kurie und eine homosexuelle Lobby im Kirchenstaat angeprangert hatten.

Die Ermittlungen brachten schnell ein Ergebnis

Doch diesmal brauchten die vatikanischen Ermittler nicht Monate, um die Schuldigen im zweiten Teil von „Vati­leaks“ dingfest zu machen. Am Wochenende wurde der spanische Prälat, Monsignor Lucio Ángel Vallejo Balda, und eine italienische Kollegin, die PR-Expertin Francesca Immacolata Chaouqui, verhaftet. Die Anklage lautete auf „Verbreitung vertraulicher Nachrichten und Dokumente“, was nach Vatikanrecht ein Verbrechen ist, wie Vatikansprecher Pater Federico Lombardi erklärte. Beide sollen Journalisten päpstliche Geheimpapiere zugeschanzt haben.

Während die erst 32-jährige Francesca Immacolata Chaouqui bereits wieder auf freiem Fuß ist, weil sie sich zur Kooperation mit den vatikanischen Justizbeamten bereit erklärte, sitzt Monsignor Balda weiter hinter Gittern – in derselben Zelle der kleinen vatikanischen Haftanstalt, in der auch der frühere Benedikt-Kammerdiener Paolo Gabriele landete, als er 2012 für dasselbe Verbrechen verhaftet worden war: die Veruntreuung und Weitergabe vertraulicher und geheimer Unterlagen aus den höchsten Etagen der Kurie.

Papst Franziskus hatte nicht gezögert, obwohl es eine schmerzhafte Entscheidung gewesen sein muss. Monsignor Lucio Vallejo Balda, Theologe und Jurist, ist einer seiner Vertrauten. Der 54-jährige Geistliche, der dem Opus Dei nahesteht, ist Sekretär der Präfektur für Wirtschaftsangelegenheiten. Gemeinsam mit Francesca Immacolata Chaqoui gehörte er auch der vatikanischen „Kommission zur Neustrukturierung der Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen der Kurie“ an, die Papst Franziskus 2013 einberufen hatte. Nur enge Vertraute setzte der Papst dort ein. Nach der Vollendung der Kurien-Umstrukturierung war die Kommission aufgelöst worden.

Die Kommunikationsexpertin Francesca Immacolata Chaouqui war unter anderem für das Wirtschaftsprüferunternehmen Ernest & Young tätig gewesen. Ihre Berufung in die Kommission hatte für Erstaunen in Vatikankreisen gesorgt. Kritiker bezweifelten ihre Kompetenz und stießen sich daran, dass Chaouqui mit ihren Beziehungen zum Papst prahlte.

An diesem Mittwoch werden die beiden Bücher präsentiert, die Aufschluss über den Inhalt der Geheimpapiere geben werden. Das eine stammt aus der Feder von Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi, trägt den Titel „Via Crucis“ (Kreuzweg) und wird mit dem Untertitel „Alles muss ans Licht – Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes“ auch in Deutschland veröffentlicht. Nuzzi wurde international bekannt, als er 2012 die Dokumente aus dem ersten „Vatileaks“-Skandal veröffentlicht hatte. Damals waren über Monate vertrauliche Papiere, auch aus den Händen von Papst Benedikt XVI., an die Öffentlichkeit geraten. Sie machten deutlich, dass in der römischen Kurie ein Machtkampf herrschte, den der Papst nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Der Titel des zweiten Buches, das im Zusammenhang mit dem neuen Skandal am Mittwoch veröffentlicht wird, ist „Avarizia“, Geiz. Geschrieben hat es der Journalist Emiliano Fittipaldi. Vatikansprecher Lombardi verurteilte das Geschehene scharf. Was die beiden Bücher anbetreffe, sei es an der vatikanischen Justiz, über die juristischen Konsequenzen der Veröffentlichung solcher Dokumente zu urteilen. Er kritisierte die Autoren, aus einer illegalen Operation und schwerwiegendem Vertrauensbruch persönliche Vorteile zu ziehen. Es ist das zweite Mal in wenigen Tagen, dass der Papst sich mit Skandalen in der Kurie befassen muss. Am Freitag war bekannt geworden, dass der Computer des obersten vatikanischen Wirtschaftsprüfers Ziel eines Hackerangriffs war.

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