Politik

Die Nacht der Freudenfeuer

| Lesedauer: 4 Minuten
Kate Connolly

Halloween erinnert unsere Autorin an eine andere Tradition aus ihrer Kindheit

Vor 20 Jahren, als ich das erste Mal in Berlin lebte, war Halloween nicht so richtig ein Begriff. Zumindest nicht im Ostteil der Stadt, in dem ich gewohnt und gearbeitet habe.

Jetzt ist es ein regelrechtes Fest für Kinder und Jugendliche. Ich fühle mich an meine Kindheit erinnert, wenn ich jetzt mit meinen eigenen Kindern Kürbisse aushöhle und die mit Kerzen beleuchte. Und die „Süßes oder Saures“ rufenden Kinder, die ganz selbstbewusst an den Wohnungstüren klingen, werden bei uns gut empfangen. Was ich nett finde und von Zuhause nicht kenne, ist, dass die Kinder hier in Läden gehen und von allen, ob vom Fleischer oder Gemüsehändler, auch Süßigkeiten bekommen.

Ich höre in Deutschland oft, dass diese Tradition „aus Amerika“ gekommen ist, als ob man in eine eher verdächtige Verbraucherfalle getappt ist, wenn man sich wagt, Halloween zu feiern, statt zu denken, das ist einfach ein für Kinder super mysteriengeladenes, fantasieanregendes Festival, das einem guttut, wenn der Winter kurz vor der Tür steht. Das habe ich auch damals, vor 35 Jahren, in Großbritannien oft gehört. Damals war es auch relativ neu – und es wurde auch gesagt, dass Amerika „schuld“ daran war.

Bei uns zu Hause war das oft verknüpft mit der Bemerkung, wie komisch es sei, dass wir als irisch-katholische Familie überhaupt ein so heidnisches Fest feiern würden. Aber meine Eltern wollten Halloween, dieses fröhliche Fest, nicht allzu ernst nehmen als Konkurrenz zu unserer Religion. Und sie wollten sich zudem noch von den Nachbarn abgrenzen.

So kam es auch, dass wir regelmäßig ein paar Tage nach Halloween, am 5. November, sogenannte Bonfire Night (Freudenfeuer-Nacht) gefeiert haben. Dabei erinnert man sich an den Tag im Jahr 1605, an dem Guy Fawkes, der 1570 geborener Engländer und strenge Katholik, versucht hat, das Parlament im Palast von Westminster in London in die Luft zu sprengen, mit 36 Fässern voll mit mehr als zwei Tonnen Schwarzpulver.

Die Tat sollte seine Rache sein, für den extremen Anti-Katholizismus, der damals in England herrschte und sein Leben zur Misere machte. Aber Fawkes’ Plan wurde entdeckt und er selbst zum Tode verurteilt. Er starb im Jahr 1606 durch Hängen. Danach wurde er ausgeweidet und gevierteilt.

Seine sogenannte ,Gunpowder Plot‘ (Schießpulververschwörung) hat dazu geführt, dass der Katholizismus in England für die nächsten 200 Jahre gar nicht anerkannt wurde.

Man kann natürlich froh sein, dass der verrückte Katholik gescheitert ist. Trotzdem habe ich erst später bemerkt, wie gruselig es war, dass wir Kinder aus alten Kleidern und Papier ein Bildnis von Guy Fawkes gebastelt haben, um ihn an die Spitze des Freudenfeuers zu stellen. Und dass wir gejubelt und zugesehen haben, wie die Figur abbrannte. Und das alles auf dem Grundstück unsere Kirchengemeinde! Auch Raketen werden an diesem Abend in die Luft geschossen. So ist der Himmel in Großbritannien in der Nacht vom 5. auf den 6. November hell erleuchtet von den Flammen, und die Luft riecht stark nach Schießpulver sowie nach Leckereien, die gegrillt werden. Die Gelegenheit wird traditionell auch von der Feuerwehr genutzt, um den Menschen beizubringen, wie man sicher mit Feuer umgeht, und auch zu beweisen, wie unentbehrlich die Löschtruppen sind – wenn das eine oder andere Haus in Brand gerät. An diesem Abend ist das selbstverständlich, wesentlich öfter als sonst.

Wenn ich die Bonfire Night hier in Deutschland feiern wollen würde, müsste ich wahrscheinlich meine Raketen von Silvester davor aufheben, da diese hier erst im Dezember im Handel erhältlich sind. Oder ich warte einfach bis Mitternacht am 31. Dezember – was in Großbritannien ironischerweise gar nicht von Privatleuten mit Raketen gefeiert wird – gehe auf meinen Balkon, schließe meine Augen, rieche die Luft und denke mich zurück in eine Bonfire Night meiner englischen Kindheit.

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