Rom

Unrühmliches Ende eines Kämpfers gegen die Mafia

Roms Stadtchef wird von der eigenen Partei im Stich gelassen

Rom. Eigentlich hatte Ignazio Marino im Julius-Caesar-Saal des römischen Rathauses zum Wortgefecht mit den Verschwörern antreten wollen. Doch dazu kam es nicht mehr. Nachdem 26 Stadtverordnete, unter ihnen 19 aus der eigenen Partei, am Freitag ihr Mandat niedergelegt hatten, war der Stadtrat auf dem Kapitolshügel aufgelöst und der Bürgermeister nicht länger im Amt. Vor der Presse zog der geschasste Stadtvater dann Parallelen zu jenem römischen Staatsmann, der von seinen Getreuen ermordet wurde. Auch er selbst sei hinterrücks erdolcht worden.

Mit dem Abgang Marinos endet ein Stück auf der römischen Politbühne, das die Kommentatoren wahlweise als „Tragikomödie“ oder als Farce bezeichneten. Angetreten war Marino 2013 als eine Art Hoffnungsträger. Als Kandidat der sozialdemokratischen PD (Partito Democratico) des heutigen Ministerpräsidenten Matteo Renzi gewann er die Kommunalwahlen und vollzog nach den Regierungsjahren des früheren Neofaschisten Gianni Alemanno die politische Wende auf dem Kapitol. Der aus Genua stammende Transplantations­chirurg wollte als neuer Bürgermeister die italienische Hauptstadt von ihren chronischen Übeln heilen, etwa von der grassierenden Korruption oder der ineffizienten Verwaltung.

Marino führte einen neuen Stil ein. Er ließ sich oft mit einem Fahrrad sehen und machte die Straße, die an den Kaiserforen entlang zum Kolosseum führt, zur Fußgängerzone. Als Autofahrer benahm er sich weniger vorbildlich, parkte seinen Fiat Panda laut Presseberichten immer wieder im Halteverbot und stauchte Passanten zusammen, die ihn darauf ansprachen. Der Vatikan begann zu grollen, als Marino 16 im Ausland geschlossene, in Italien bisher nicht mögliche gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften anerkannte.

Ein Amerika-Urlaub und dieMüllkrise kratzten am Ansehen

Ende 2014 flog in Rom ein kriminelles Netz aus Mafiosi, Unternehmern, korrupten Beamten und Kommunalpolitikern auf, die „Mafia Capitale“ (Hauptstadtmafia), deren Beteiligte von diesem Donnerstag an vor Gericht stehen. Der neue Bürgermeister half bei der Aufklärung. Für Kopfschütteln sorgte aber, dass Marino im August dieses Jahres, als ein Mafia-Clan mit einem demonstrativ pompösen Begräbnis für seinen verstorbenen Paten die Staatsmacht vorführte, seinen Urlaub in Amerika seelenruhig fortsetzte. Auch die Müllkrise in diesem Sommer und die häufigen Streiks in Museen oder im öffentlichem Nahverkehr kratzten an seinem Ansehen. Die Regierung Renzi verfügte, dass sich Marino enger mit dem Stadtpräfekten Franco Gabrielli abstimmen müsse, was einer Teilentmachtung gleichkam.

Nicht nur hinter den Mauern des Vatikans fragte man sich, wie Rom die Herausforderungen des am 8. Dezember beginnenden außerordentlichen Heiligen Jahres bewältigen wolle, wenn Millionen von Pilgern in der Ewigen Stadt erwartet werden. Vollends blamierte sich Marino, als er im September zum Weltfamilientreffen nach Philadelphia reiste und behauptete, der Papst habe ihn dazu eingeladen. „Ich habe ihn nicht eingeladen“, dementierte Franziskus. Am Ende stolperte Marino über den Vorwurf, Privatessen mit der städtischen Kreditkarte bezahlt zu haben.

Für seine Absetzung machte Marino Parteifreund Renzi verantwortlich, der schon länger von ihm abgerückt war. „Ich wurde von 26 Vor- und Nachnamen erdolcht, aber von einem einzigen Auftraggeber“, sagte er bei seinem wohl letzten großen Auftritt auf dem Kapitol. „Marino ist kein Opfer einer Palastverschwörung, sondern ein Bürgermeister, der den Kontakt zu seiner Stadt, zu seinen Leuten verloren hat“, konterte Renzi in einem Interview.