Politik

Mein Teller gehört mir

Veganer kontra Fleischesser: Ein Plädoyer zum Weltvegantag für mehr Toleranz am Tisch

Friedliche Koexistenz. Eigentlich muss man nur mal ein paar Meter durch Berlin spazieren, um zu sehen, dass das möglich ist. In Prenzlauer Berg zum Beispiel. Da hat neben dem Burger-Laden an der Danziger Straße gerade ein veganes Rohkost-Restaurant aufgemacht. Oder an diesem Sonntag, wenn vor dem Brandenburger Tor der Weltvegantag gefeiert wird – und direkt daneben trotzdem Touristen ungerührt in ihre Bifi beißen. So ist das in Berlin und keiner stört sich daran. Damit könnte das Thema erledigt sein.

Dass es das aber nicht ist, weiß jeder, der mal mit einem Vegetarier oder Veganer in einem Restaurant war – oder selbst einer ist. „Isst du denn wenigstens Fisch?“, wird dann gefragt, oder: „Machst du das aus ethischen oder aus gesundheitlichen Gründen?“ Manchmal entspinnt sich daraus eine Debatte, die, wenn alle höflich sind, schnell wieder vorüber ist.

Im öffentlichen Diskurs ist das ganz anders. Als in dieser Woche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Wurst als wahrscheinlich krebserregend einstufte, gab es nicht nur gemäßigte Reaktionen. Es entlud sich auch mit Wucht ein emotionales Gemisch aus Trotz, Wut und fast kindlicher Aggression. Der Tenor in Leserbriefen, Kommentarspalten und bei Facebook: Ihr Spielverderber! Jetzt wollt ihr uns auch noch die Salami vom Brot nehmen. „Panikmache und Propaganda“ wurde den WHO-Autoren unterstellt, Schikane wahlweise durch „Ökoextremisten mit Verbotskeule“, die „Veganerlobby“ und „irgendwelche Körnerfresser“. Die Angelegenheit wurde sogar zum Fall für die Bundesregierung. Der Bundeslandwirtschaftsminister, der so selten in Erscheinung tritt, dass seinen Namen nur wenige kennen, meldete sich beschwichtigend zu Wort: „Niemand muss Angst haben, wenn er mal eine Bratwurst isst.“ Der Mann heißt Christian Schmidt und ist in der CSU.

Dabei ist das Ergebnis der Studie bei Lichte betrachtet noch nicht einmal überraschend: Zu viel von etwas ist nicht unbedingt gesundheitsfördernd. Das war‘s – und es ändert sich faktisch nichts. Der Deutsche hat nicht weniger Geld im Portemonnaie. Die Rentenkasse wird nicht belastet. Es bricht keine Naturkatastrophe aus. Auch Chips und Zimtsterne wurden schon als potenziell krebserregend identifiziert. Warum macht genau diese Studie jetzt so viele Menschen so wütend?

Wohl deshalb, weil es bei Fleisch um deutlich mehr als nur ums Essen geht.

Kein anderes Nahrungsmittel ist so aufgeladen mit emotionaler Bedeutung. Nach dem Krieg stand Fleisch für Wohlstand. Für etwas, das die Deutschen sich leisten konnten, nicht mehr nur sonntags, sondern an jedem Tag. Fleisch steht bis heute für Belohnung. Bei jeder Hochzeit, jedem Fest wird es selbstverständlich als Hauptbestandteil des Menüs serviert. Fleisch steht für Luxus. Im Restaurant sind die Fleischgerichte teurer als die anderen Gerichte. Der Umgang mit Fleisch ist sogar Bestandteil aller Weltreligionen. Praktizierende Christen essen freitags kein Fleisch. In Islam und Judentum ist Schwein verboten. Im Buddhismus die Kuh. Fleisch ist nicht nur ein Lebensmittel. Fleisch ist ein Symbol.

So mächtig die Bedeutung als Kulturgut ist, so unbewusst schwingt sie im Alltag mit. Man reflektiert beim Fleischessen ja nicht ständig darüber, warum man jetzt genau Fleisch verzehrt. Man tut es einfach, weil es irgendwie normal ist. Und weil es womöglich einfach schmeckt. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Karnismus. Geprägt hat ihn Melanie Joy, US-Soziologin und Star der internationalen veganen Szene. Mit Karnismus beschreibt sie – kurz gesagt – das Fleischessen als erlerntes Überzeugungssystem. Und als „gewalttätige Ideologie“. Weil Fleischessen auf physischer Gewalt an Tieren beruht. Und weil es von der Gesellschaft als natürliches Verhalten angesehen wird – ohne dies überhaupt nur zu hinterfragen.

Im Kern ist da etwas dran. Aber was da artikuliert wird, ist auch ein Frontalangriff. Fleischesser – oder eher: alle Verbraucher ohne besondere Ernährungsphilosophie – werden als tumbe Masse diskreditiert. Als höriges Kollektiv. Kurz gesagt: als dumm. Herbeigeführt wird damit ein Weltbild, das in Schwarz und Weiß einteilt. Hier die Bösen, da die Guten. Hier die unmündigen Fleischesser. Da die aufgeklärten Veganer.

Aus der impliziten Abwertung wird bei den Betroffenen explizite Aggression. Die Beschimpfungen der WHO als „Ökoextremisten“ zeugen davon. Ebenso das Desaster, das die Forderung nach dem Veggie Day den Grünen vor der Bundestagswahl 2013 einbrachte. Dass das Nebeneinander von pflanzlicher und fleischlicher Kost überall und nicht nur in Berlin längst gelebter Alltag ist – geschenkt. Wenn es den Deutschen ans Kulturgut geht, gibt es kein Verständnis mehr. Wer das Wort „militant“ bei Google eintippt, erhält als ersten Vervollständigungsvorschlag das Wort „Veganer“. 203.000 Treffer in 0,4 Sekunden.

Die gleiche Vehemenz gibt es auf der anderen Seite. Die Vegane Gesellschaft Deutschland etwa, mehr als 83.000 Likes auf Facebook, postete dort vor wenigen Tagen eine Ampel mit rotem und grünem Licht. Grün: vegan. Rot: ignorant. So einfach ist die Welt. Die Tierschutzorganisation Peta schickte erst am Donnerstagnachmittag zur besten Familienzeit Aktivisten mit blutverschmierten Gesichtern über den Potsdamer Platz, um gegen das Fleischessen zu protestieren. Muss das wirklich sein?

Blut. Militanz. Extremismus. Vokabular und Symbole, als seien wir in einem Krieg.

Die harte Konfrontation ist so unnötig wie schade. Denn so wird eine wichtige Chance vertan. Dass die industrielle Massentierhaltung und globale Fleischproduktion schädlich für das Klima, die Umwelt und unsere Gesundheit sind, ist unbestritten. Regenwald wird für Futteranbaufläche abgeholzt, Abertausende Liter Wasser verbraucht, Unmengen an Kohlendioxid bei Transport und Versorgung von Tieren ausgestoßen. Wenn Kühe, Schweine oder Hühner auf engstem Raum zusammengepfercht werden, geht das nur mit Antibiotika gut, weshalb immer mehr Menschen Resistenzen entwickeln. Und nicht zuletzt will niemand ernsthaft, dass Tiere leiden. Über all das muss man dringend diskutieren – mit dem gebotenen Respekt.

Und vor allem sollte jeder von uns eines sein: tolerant. Was wir essen, ist unsere ureigene Angelegenheit, die niemanden etwas angeht. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, sagt eine Lebensweisheit, und in diesem Fall hat sie recht. Wer sich gegen das Essen von Tieren entscheidet, soll dies tun, ohne es permanent erklären zu müssen oder als Gutmensch beschimpft zu werden. Und jedem, der Fleisch isst, darf zugestanden werden, dass er dies nicht aus blinder, dummer Gewohnheit tut, sondern durchaus aus bewusstem Genuss. Und selbst wenn nicht: Es ist erlaubt.

Ja, zu viel rotes Fleisch kann krebserregend sein, zu viele Pestizide auf Tomaten auch. Zu viel Zucker macht dick und zu viel Fett begünstigt einen Herzinfarkt. Und jetzt bleiben wir alle mal locker und leben damit. Guten Appetit!

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