Washington/New York

Kim Jong-un schickt Zwangsarbeiter ins Ausland

50.000 Bürger müssen für Nordkorea Devisen beschaffen

Washington/New York.  Vergleichsweise astronomische 120 Dollar Gehalt im Monat? Und das im Ausland, das für Millionen Landsleute ein nie erreichbarer Traum bleiben wird? Der nordkoreanische Schreiner Lee Soon Yung (Name geändert), dem seine Vorgesetzten in Pjöngjang im vergangenen Jahr einen Job in Kuwait anboten, zögerte bei diesen Versprechungen nicht lange, um der abgeschotteten und bitterarmen Heimat den Rücken zu kehren.

Doch in der Wüste folgte dann das böse Erwachen. „Zwölf-Stunden-Schichten auf einer Großbaustelle – und das sieben Tage die Woche. Ständig unter Beobachtung nordkoreanischer Aufpasser. Nur zwei Tage frei im Monat. Und der Lohn wurde nie gezahlt“, sagte er. Solche Fälle moderner Sklaverei, wie sie kürzlich (nach der Flucht) des Betroffenen öffentlich wurden, haben offensichtlich Methode.

Um ihre durch die internationale Isolierung ausgetrocknete Devisenkasse aufzufüllen, schickt das kommunistische Regime von Diktator Kim Jong-un nach Angaben der Vereinten Nationen jährlich über 50.000 Zwangsarbeiter ins Ausland. Diese Zahl legte der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für Nordkorea, Marzuki Darusman, am Donnerstag in New York vor.

Der frühere Staatsanwalt aus Indonesien berichtete, dass die Menschen zur Zwangsarbeit in mehr als ein Dutzend Staaten geschickt werden, die meisten nach China und Russland. Aber auch nach Malaysia, Myanmar oder Kambodscha. Nach Angola, Äthiopien sowie Nigeria. Und auf die arabische Halbinsel, wo sie etwa dabei helfen müssten, die Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar fertigzustellen.

Menschen arbeiten vor allem auf dem Bau und im Bergbau

Laut Darusman werden die Nordkoreaner vor allem auf dem Bau, im Bergbau und in der Holz- oder Textilindustrie eingesetzt. Über die jeweiligen Arbeitsverträge, die zentral von Pjöngjang ausgehandelt sind, werden die Betroffenen nicht informiert. Der versprochene Lohn, im Schnitt zwischen 110 und 135 Euro im Monat, fließt meist direkt in die Kasse der kommunistischen Führung in Nordkorea. Dabei kommen laut UN gewaltige Summen zusammen: jährlich bis zu 2,3 Milliarden US-Dollar (circa 2,1 Milliarden Euro).

Darusman erklärte vor Journalisten, dass Firmen, die unter den geschilderten Bedingungen Nordkoreaner einstellen, sich zu „Komplizen in einem inakzeptablen System der Zwangsarbeit machen“. Er rief insbesondere China und Russland dazu auf, regulierend einzugreifen.

Seit fünf Jahren legt Marzuki Darusman regelmäßig Berichte über die katastrophale Menschenrechtslage in Nordkorea vor. Das Regime in Pjöngjang hat seine Vorwürfe stets als „erfunden“ zurückgewiesen und erbetene Einreisewünsche abgelehnt. Darusmans Versuche, über den UN-Sicherheitsrat den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) anzurufen, werden wenig Chancen eingeräumt. Der Grund sei das voraussichtliche Veto Chinas, hieß es am Donnerstag in New York.

Asienexperten in Washingtoner Denkfabriken sagten auf Anfrage, dass Nordkorea schon seit Langem Zwangsarbeit praktiziere. Allerdings sei das Programm im Ausland unter Kim Jong-un erheblich ausgeweitet worden. Mit den Devisen würden neben Luxusartikeln für den Diktator und seine Entourage unter anderem Bauteile finanziert, die Nordkorea für sein atomares Raketenprogramm benötige und andernfalls nicht bezahlen könne. Das Korea Policy Research Center in Seoul geht davon aus, dass heute über 100.000 Nordkoreaner zu unzumutbaren Bedingungen im Ausland arbeiten müssen. UN-Berichterstatter Darusman lobte am Donnerstag eine namentlich nicht benannte Firma in Katar. Sie hatte 90 nordkoreanische Arbeiter entlassen. Aus Protest gegen das von Aufpassern durchgesetzte drakonische Arbeitspensum.