Washington

Der Sinkflug des Jeb Bush

Wahlkampf-Show liegt dem Republikaner nicht. Präsidentschaftskandidatur rückt in weite Ferne

Washington. Am Ende erinnert Jeb Bush an einen übel vermöbelten Boxer, der seinen Trainerstab entgeistert fragt: „Warum habt ihr nicht das Handtuch geworfen?“ Mit hängenden Mundwinkeln und kreidebleichen Wangen steht der 62-Jährige Mittwochnacht in den Katakomben der Universität von Colorado Boulder und sagt den einen Satz, der alles sagt: „Wenn sie einen Chefentertainer suchen, dann bin ich nicht der Richtige.“ Mit „sie“ war das amerikanische Volk gemeint. Nach der dritten TV-Debatte der zehn aussichtsreichsten Republikaner für das Weiße Haus hat für den vor Monaten noch hochfavorisierten Bruder des 43. US-Präsidenten und Sohn des 41. Präsidenten in der Höhenluft von Colorado der Sinkflug ins Ungewisse begonnen.

Was mit einer Befreiung aus dem Umfragekeller enden sollte, geriet für den früheren Gouverneur von Florida nach übereinstimmender Wertung in US-Medien zum „Desaster“. Eine Bruchlandung ist nach Ansicht einflussreicher Einflüsterer der Konservativen wie Bill Kristol nicht mehr auszuschließen. Er hatte schon vor Monaten prophezeit: falscher Mann zur falschen Zeit.

Nicht geeignet für polemische Angriffe auf seine Konkurrenten

Dass Jeb Bush nicht für das auf Provokation und Pathos angelegte Speed-Dating mit dem Wähler draußen am Bildschirm gemacht ist, war aus den ersten beiden Debatten bekannt. Wie miserabel er sich beraten lässt, weiß man erst jetzt. Bush führte zuletzt Klage darüber, dass ihn der von den Umfragekönigen Donald Trump und Ben Carson dominierte Wahlkampf zwingt, die Konkurrenz zu dämonisieren und einzustimmen in den Überbietungswettbewerb der absurden Ideen. „Da habe ich coolere Dinge zu tun“, sagte Bush in dieser Woche vor Zuhörern, „wenn Sie das wollen, dann wählen Sie Trump.“

In Colorado wurde sich Bush mit einer einstudierten Attacke auf seinen ebenfalls aus Florida kommenden Widersacher Marco Rubio kolossal untreu. Der Sohn kubanischer Einwanderer liegt in Umfragen klar vor Bush, hatte aber zuletzt seine Verpflichtungen als Senator schleifen lassen – er fehlte bei 60 Abstimmungen. Im Stile einer Petze, die nach Klassenkeile ruft, mahnte Bush seinen früheren Zögling, er möge „zur Arbeit erscheinen“ oder sein Amt niederlegen. Rubio, klein von Wuchs, im Kopf flink wie ein Judoka, legte Bush ruckzuck auf die Matte: „Dass machst du nur, weil wir um die gleiche Position streiten. Jemand hat dich davon überzeugt, dass es dir hilft, wenn du mich angreifst.“ Beifall im Saal. Von diesem Augenblick an ging es für Bush III so steil bergab, dass die BBC mit britischem Humor ätzte: „Die Zeitungen aktualisieren schon ihre politischen Nachrufe auf Bush.“ Rubio übrigens wurde später zu einem der Gewinner des Abends ausgerufen.
Jeb Bush dagegen fand nie zu sich. Während Rivalen wie Senator Ted Cruz mit einer denkwürdigen Medienschelte Momente für die Ewigkeit schufen, ließ sich Bush von den Moderatoren des Senders CNBC reinlegen. Seinen Versuch, das randständige Thema Internetglücksspiel mit einer Antwort zu adeln, machte der Gouverneur von New Jersey gnadenlos zunichte. Chris Christies bejubelte Botschaft: „Hast du sie noch alle beisammen, Jeb? Wir haben 19 Billionen Dollar Schulden, der Islamische Staat greift uns an – und wir reden hier über Fantasie-Football?“

Bushs Niederlage lenkte von der Tatsache ab, dass die penetrant auf Antipolitiker machenden Favoriten Donald Trump und Ben Carson erneut blass blieben, wenn es um das Zu-Ende-Denken ihrer Vorschläge geht. Carson, den etwas Somnambules umgibt, ließ man durchgehen, dass er sein Versprechen eines Einheitssteuersatzes von zehn Prozent mal eben auf 15 Prozent hochsetzen musste. Trump, weniger aggressiv und verleumderisch als zuvor, konnte wieder nicht glaubhaft machen, wie der von ihm propagierte Antieinwanderungswall an der Grenze zu Mexiko bezahlt werden soll – „und zwar von Mexiko“.

Beim Schlagabtausch in Colorado erwies sich das Format, zehn Kandidaten mit jeweils maximal 60 Sekunden Redemunition aufeinander zu hetzen, erneut als klassischer Fall für politische Unbildung.

Sachliche Argumente sind nicht sehr gefragt

Alle Kandidaten wollen die Steuern radikal senken, den Staat und seine Behörden auf Bonsaiformat schrumpfen, das soziale Netz trimmen, parallel aber Militär und Infrastruktur massiv ausbauen. Wie diese Rechnung aufgehen soll, sagt nur einer. John Kasich, als Gouverneur von Ohio ein anerkannter Sanierer, flehte das Wahlvolk an, den verantwortungslosen „Phantastereien“ seiner Kollegen nicht zu folgen. Konservative Steuerexperten hatten vorher errechnet, dass Amerikas Staatsschiff absäuft, kämen die Trumps und Carsons dieser Welt ans Ruder. Will aber keiner hören. Kasich steht in Umfragen unter „ferner liefen“. Ein Szenario, das Bush bevorsteht.

Für ihn wird die Lage prekär. Im Fernsehen macht sich der im kleinen Kreis überzeugend und gewinnend auftretende Mann zur Karikatur. Viele Medien wanken längst zwischen Mitleid und Sarkasmus. In 100 Tagen starten im Bundesstaat Iowa die ersten Vorwahlen. Bush hat mit 100 Millionen Dollar zwar die größte Kasse für den aufziehenden „Krieg der Fernsehspots“. Aber er musste bereits seinen Mitarbeiterstab reduzieren und Gehälter kürzen. Bereits verplante neue Finanzspritzen blieben aus. Milliardenschwere Spender beschleicht das Gefühl, sie setzten besser auf Marco Rubio oder Ted Cruz. Für den Moment, wenn der Stern der beiden Wahlkampfsonderlinge Trump und Carson verglüht. Bush kennt das Gerede. Er übt sich in Zweckoptimismus. „Ich habe einen langen Atem.“ Die Kamera zeigt dabei ein verkniffenes Gesicht. Durch das Mikrofon hört man ein Seufzen.